Ausgabe 
25.9.1886
 
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Nr- 113.

Samstag den 25. September.

Hichener JamilienbläUer.

BelleLrißischsr JeLdLsü fam Gießener jUqeigm

Saat und KrnLe.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Herr Landrath!"

Was wollen Sie gegen diese Behauptung er­widern? Andere erkaufen die Freundschaft einer Comödiantin durch reiche Geschenke. Sie habend billiger: Sie schreiben eine günstige Receusion."

Signora Varlotti hat darauf nie Werth ge­legt", erwiderte Rommel, der gewaltsam an sich halten mußte,und ich glaube, Sie werden zugeben müffen"

Daß ihr Spiel und ihr Gesang vollkommen seien? Wenn ich das behaupten wollte, dann würde ich gegen mein befferes Wissen eine Unwahrheit sagen."

Nun, Sie mögen darüber denken wie Sie wollen; aber Sie haben keine Berechtigung, so scharf über das Privatleben der Künstlerin zu urtheilen."

Ein ironisches Lächeln umzuckte die Lippen Ackermann's. Auch er war erregt; seine Blicke, die unstät durch das Haus schweiften, verriethen es, aber er verstand es, dieser Erregung Herr zu bleiben.

Eine Person, die öffentlich auftritt, muß es sich gefallen lasten, daß man sie nicht nur auf der Bühne, sondern auch außerhalb derselben kntisirt", sagte er.Das Recht, solche Kritik zu üben, hat Jeder, der durch Zahlung des Eintrittsgeldes die Person besoldet."

Sie werden beleidigend!"

Ich spreche nur eine Wahrheit offen aus."

Dann möchte ich Sie doch ersuchen, nicht zu vergeffen, daß der Verlobte dieser Dame mein Freund ist."

Hauptmann von Görlitz? Ich habe keine Ver­anlassung, irgend welche Rücksicht auf ihn zu nehmen. Das Vergnügen, der Verlobte dieser Theaterprinzessin zu sein, will ich ihm gern gönnen; so lange aber seine Braut sich, wie ich vorhin sagte, von mir be­solden läßt, bleibt mir auch das Recht der freien Kritik."

Die Ouvertüre war beendet, der Vorhang hob sich.

Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht", sagte Maiwind so deutlich, daß der Landrath es verstehen mußte.

Signora Barlotti wurde mit rauschendem Beifall empfangen. Ackermann, den der Buchhalter in

diesem Augenblick triumphirend anblickte, lächelte höhnisch.

Der Referendar brach plötzlich mitten in seinen Beifallsbezeugungen ab; sein Blick ruhte starr auf der gegenüberliegenden Loge, in deren Hintergrund er den Oberst Johnson zu entdecken glaubte.

Und in der That, er hatte sich nicht geirrt; er erkannte ihn jetzt deutlich, als er durch das Opern­glas hinüberblickte.

Diesmal sollte er ihm nicht entgehen; der Akt hatte kaum geendet, als Rommel hastig die Loge verließ.

Mit der Einrichtung des Hauses genau vertraut, wählte er den kürzesten Weg. Er begegnete dem Oberst, der sich bereits entfernen wollte, auf der Treppe.

Endlich!", sagte er tief aufathmend.Sie wollen mir wieder entwischen! Diesmal aber war ich rascher als Sie. Na, darum keine Feindschaft nicht", fuhr er fort, indem er ihm die Hand bot. Sei mir gegrüßt, Gesegneter des Herrn!"

Oberst Johnson hielt die Hand fest und blickte ihm ernst und »oll in's Antlitz.

Sind Sie allein hier?" fragte er.

Meine Damen sitzen unten im Parquet, den Brausewind habe ich in der Loge zurückgelassen; der Landrath wird ihm wohl die Langeweile fern halten."

Ich sah den Landrath bei Ihnen sitzen. Wo ist seine Frau?"

Für die ist Spiel und Tanz vorbei! Seit der Rückkehr von Wiesenthal hat sie das Theater nicht mehr besucht."

Ich ahnte es!" nickte der Oberst, und ein dunkler Schatten glitt flüchtig über seine Stirn. Liegt Ihnen viel daran, die Oper zu Ende zu hören?"

Die Unterhaltung' mit Ihnen ziehe ich vor; überdies habe ich die Oper mit derselben Besetzung oft gehört."

Nun wohl; dann wollen wir, sobald dec zweite Akt begonnen hat, in's Buffetzimmer gehen; bis da­hin können wir hier im Corridor auf- und abwandern. Nicht Ihnen, sondern Ihren Freunden bin ich aus­gewichen. Herr von Görlitz suchte mich imEng­lischen Hof" auf; das veranlaßte mich, die Wohnung zu wechseln."

Müßte es Ihnen selbst nicht wünschenswerth fein, Herrn von Görlitz kennen zu lernen?" erwiderte der Referendar.Er war ein treuer Freund Sal- berg's."