Ausgabe 
25.3.1886
 
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Ich bebaute unendlich", sagte Riston jetzt mit schwerer Zunge,Ihnen von Ihrem unglücklichen verschollenen Bruder gar nichts mittheilerr zu können. Ich habe den Namen Steiner niemals nennen hören, trotzdem ich in der Welt recht weit umhergekommen, bin."

Will ich schon glauben", entgegnete Duprat mit einem eigenthllmlichen Blick auf den Baron: Wohl möglich, daß mein Bruder drüben seinen Namen wechsele. Dennoch würde es mir gewiffer- inaßen eine Erleichterung sein, wenn ich nur etwas Genaueres über das Land erfahren könnte, welches meinem unvergeßlichen Bruder Raum zum eigenen Herde ober zum Grabe gewährte."

(Fortsetzung folgt.)

Amerikanische Aerzte.

In meinem Heimathsdorfe am gesegneten Schwarzwalde war es beim besten Willen nicht mehr gegangen; ich war doch sicherlich nicht gerade der Dümmste im Dorfe gewesen und für meine noch bessere Ausbildung hatte mein Onkel, der Schul­meister, Mittel und Wege gefunden, so daß ich so­gar ein ansehnliches Quantum Lateinisch mein eigen nannte. Bei meinen specicllen Landsleuten stand ich deshalb auch in großem Nespcckt und doch ver­folgte mich ein hartnäckiges Pech; über mehrere be­scheidene Hilfsquellen bei Kaufleuten und Advokaten in den Nachbarstädten kam ich nicht hinaus, und darum faßte mich nach und nach ein wüthender Ingrimm gegen diese nichtswürdige Ordnung im Staate, die kein Talent mehr auskommen ließ. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es dauerte nicht lange, so kannte ich auch eine Anzahl Schicksalsgenossen in der Stadt, denen es gerade ging wie mir und die sich allabendlich im Hinterstübchen beim Hirschemvirth versammelten. Dort tauschten wir unser Leid aus, und an dem dicken Wirth, der im Jahre 1848 unter Friedrich Hecker republikanischer Gouverneur des Städtchens gewesen war, hatten wir ein leuchtendes Vorbild eines Mannes der doch wenigstens versucht hatte, den Mächtigen dieser Welt an den Kragen zu gehen. Obwohl selbst ein biederer Hausbesitzer, hatte sich der Wirth nach und nach zu einem großen Socialdemokraten herangebildet und an seiner Hand schwärmten wir nun für Freiheit und Gleichheit und für diegesunden" Verhältnisse in Amerika. Dorthin war auch des Wirthes eigener Neffe, der Brauergehilse Johann Dietrich, gegangen und hatte auch Niemand seither wieder etwas von ihm vernommen, so stand doch unverbrüchlich fest, daß derselbedrüben" ein großer Mann geworden sei.

Mit der Zeit siel aber unsere Tischrunde der Polizei auf und eines schönen Tages erhielt ich von

derselben das schriftliche Ersuchen, mich bei deren Chef einzusinden. Dies schlug dem Faß den Boden ein, und statt nach dem Amtslocale reifte ich mit Hinterlassung fulminanter Straßenplakate Knall und Fall nach dem gelobten Lande der Freiheit ab.

Einen Monat später schlenderte ich durcy bie Straßen von Boston, trübselig an bie letzten 4 Dollars in meiner Tasche benfenb, als Mfallig mein Auge auf ein großes vergoldetes Schild fier, mit den Worten:Johann Dietrich, Arzt, Wundar^ und Geburtshelfer".Dietrich", murmelte ich für mich, ist mir ja ein ganz bekannter Name, so hieß ja auch der junge Bierbrauer aus Gengenbach, des Hirschenwirthen Neffe", und nachdenklich suchte ich mir die Züge des mir noch erinnerlichen Portmts aus der Wirthschastsstube zurückzurufen. Im gleichen Augenblick sah ich zu meiner großen Ueberraschung auch das leibhaftige Original jenes Conterfeis an einem Fenster im Erdgeschoffe stehen, etwas alter allerdings, aber doch auf den ersten Augenblick er­kenntlich. Fröhlichen Muthes eilte ich ins Haus, um beu Landsmann zu begrüßen und in der Thai naqm mich derselbe auch mit Vergnügen auf. Bald waren wir im heitersten Gespräch über die Heimaih und deren Bewohner, über den Onkel Hirschennnrth, und die Insassen des Hinterstübchens, wo ich zuerst von meinem Gastgeber vernommen hatte. Mehrmals wurde das Gespräch durch das Erscheinen von Patienten unterbrochen und endlich wagte ich denn auch die Anspielung, wie denn eigentlich mein vis ä vis zu dieser Praxis gekommen sei. Mit gedämpfter Stimme, hastig meinen Arm erfaßend, sich scheu nach der Nebenthür umblickend, entgegnete Dr. Dietricy:

Schweigen Sie um Gotteswillen hiervon, wenn das meine Frau erführe, ging sie mit lammt ihrem Vermögen auf und davon zu ihren Eltern. Kern Mensch weiß hier etwas von meiner Vergangenheit und das ist auch nicht nöthig; meine Papiere habe ich mir mühsam errungen und ich würbe sie sicherlich sofort wie-ber los, wenn man erführe, daß ich früher Halt ärztlichen Mixturen das edle Braunbier gemischt habe!"Seien Sie ganz ruhig", versicherte ich meinen Landsmann,ich sage gewiß nichts und warum sollte ich auch? Aber ich möchte in der Thai wohl wisien, wie ich es anfangen soll, hier oder anderswo eilte ähnliche Saniere zu beginnen, denn nöthig habe ich es, weiß Gott! und dabei zeigte ich ihm mit ver­ständlichen Geberden mein flüssiges Gefammtkapital, das ich mit einem einzigen Griff in die Tasche um­faßt hatte.

Lächelnd erwiderte er darauf:

Nun ja, kann mir's denken, brauchen aber, wenn Sie's richtig einleiten, keine Sorge zu haben. Nur müssen Sie nicht glauben, in Amerka stehe nur die wirkliche Arbeit und der eigene Schweiß in Ehren; Gott bewahre; sehen Sie nur die Inhaber unserer Staatsposten an; es sind fast lauter Leute, die es verstanden, irgend ein Aufsehen zu erregen und dadurch emporkamen, weil man merkte, daß sie smart genug waren, für eine Parthei gute Werk--