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„Der Herr Kommerzienrath müssen sich doch wohl getäuscht haben", sagte sie, „da es auf das strengste verboten ist, die Zimmer des Fräuleins zu betreten."
„Bringen Sie meine Tochter sogleich zu Bett, Minna", brach er das Gespräch kurz ab. „Ich werde inzwischen nach dem Arzte senden."
Er ging hinaus, überzeugt, daß ihn in Bezug auf den gefürchteten Belauscher nur eine Einbildung getäuscht habe,
8. Kapitel.
Ein Kampf im Dunkeln.
In der „Fuchsbau" genannten Penne des Vater Christoph begann es sich mit Anbruch der Dunkelheit unheimlich zu regen und lebendig zu werden.
Aus Kammern, Nischen und Ofenecken hervor z krochen Diejenigen, deren unsauberes Gewerbe sie! zwang, die Nacht zum Tage zu machen, während ; andererseits Die in den „Fuchsbau" hinabstiegen, welche den Tag über, sich unredlich geplagt und nun Anspruch hatten auf die Ruhe oder Unruhe des beliebtesten Stelldichein der weltstädtischen Verbrecherwelt.
Bafsermann'sche Gestalten, so weit man blickte! Und Alles bestrafte Menschen. Selbst Vater Christoph war ein alter Verbrecher, welcher sich in seiner gefängnißfreien Zeit genug zusammenge— stöhlen hatte, um nun als Pennvater auf seinen schwer verdienten Lorbeeren auszuruhen.
Der „Fuchsbau" entsprach durchaus seiner volks- thümlichen Bezeichnung. Es war eine umfangreiche Höhle mit vielen Gängen und Kammern. Nur wenige klein brennende Gasflammen sorgten für eine spärliche Beleuchtung, welche noch beeinträchtigt wurde durch einen intensiven Qualm, der sich von den kurzen Pfeifen und schlechten Cigarren der Gäste Verbreitete, ohne irgendwo einen Abzug zu finden.
Zu diesem verrufenen Lokale begaben sich jetzt in später Nachtstunde Duprat und sein Freund, der Baron.
„Komm' nur, mein Freund", sagte Dryden ermunternd zu dem zögernden Duprat, in dessen Phantasie sich der „Fuchsbau" denn doch nicht ganz so elend und ekelerregend gemalt hatte. „Da Du bei mir bist, hast Du Nichts zu besorgen. Man kennt mich hier und keine Krähe hackt der anderen die Augen aus."
„O, ich fürchte auch Nichts von diesen Menschen; ich bin kein Schurzenheld", sagte Duprat prahlerisch. „Aber wenn ein Geheimer mich hier sehen sollte —"
„Ohne Sorgen! Die kommen selten mehr, seitdem sie wissen, daß sie hier verlorenes Spiel haben. Der Christoph ist ihnen zu schlau; und was das Beste, sie können ihm Nichts anhaben."
Duprat schien trotz dieser Versicherungerl wenig beruhigt.
Drpden führt? ihn durch mehrere höhlenartige
Gewölbe, welche sämmtlich mit Menschen überfüll waren, nach dem Platz, wo Riston beim Glase Schnaps saß.
Dies war in einem jener kleineren Räume, welche nur durch eine einzige Gasflamme erhellt wurden und deren der „Fuchsbau" eine beschränkte Anzahl zur Verfügung hatte.
Es waren nur wenige Männer darin, und diese nahmen von den Eintretenden reine Notiz. Unter ihnen befand sich auch ein Kahnfahrer, welcher schon stark angetrunken war.
Riston saß in der hintersten Ecke des Zimmers; in der anderen Ecke lag ein schwarzes Bündel, welches dem Schiffer zu gehören schien und das Duprat's Aufmerksamkeit nicht weiter erregte.
Er dachte nur noch an Riston, auf den sich seine Blicke jetzt forschend richteten.
Dieser war em Mann in vorgeschrittenen Jahren, mit einem verwilderten Aussehen und einer entsprechenden Unstätheit in seinem Blick und ganzen Wesen. Sein unrasirtes Gesicht war mit ungleichmäßig vertheilten Bartstoppeln bewachsen. Markante Züge, tiefe Falten und ein gelber Teint vollenden das wenig einnehmende Antlitz.
Duprat wurde ihm von Dryden als ein gewisser Steiner vorgestellt, der in Amerika, wo Riston gewesen sein wollte, einen verschollenen Bruder hatte, über den er von Jenem Etwas zu erfahren hoffte; er selbst gab sich als reicher Mann. Das Beste und Theuerste, was Küche und Keller des Vater Christoph hergaben, mußte heran. Riston schwelgte in einem Genuß, welchen er sehr, sehr lange entbehrt hatte. Er freute der sich gebildeten Gesellschaft, der reichbesetzten Tafel, der feurigen Weine und guten Cigarren, welche Duprat aus seinem eigenen Vorrath ihm darbot, kurz, des ganzen vergnügten Beisammenseins.
Seine eingesunkenen Augen leuchteten noch ein- - mal auf, wie ein halb erloschenes Feuer, wenn ein plötzlicher Windstoß es trifft; in seine pergament- gelben Wangen kam etwas Farbe, und seine übliche Wortkargheit war einer regen Gesprächigkeit gewichen. Die Art und Weise, wie er aß und trank, verrieih bessere Gewohnheiten, als er sie letzthin pflegte. Auch seine Ausdrucksweise war eine solche, daß man sofort den Eindruck eines gebildeten Menschen empfing. Sicher konnte nur eine unglückliche Verkettung von Umständen Riston zu Dem gemacht haben, was er war; kein innerer Drang zum Bösen und Gemeinen, wie er die meisten der hier verkehrenden Menschen beseelte. -
Es war die günstigste Stimmung und Stunde, um den Münzfälscher zum Erzählen seiner eigenen Lebensgeschichte zu bringen und Duprat war entschlossen, sich diese einzige Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Er wollte keine Wiederbegegnung mit Riston und hier nicht mehr zurückkehren. Jener sollte ihn hiernach noch einmal ganz und gar vergessen, damit er später seine Hände nicht merkte, j wenn es ihn zu vernichten galt.


