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schlauem Blinzeln zu der zierlichen, feinen Gestalt seines Freundes Felix, der schon manches Herzens- geständniß von ihm gehört. Man pflegte die Beiden scherzweise Mann und Frau zu nennen und sah sie fast nie Einen ohne den Andern. Auch jetzt hatte das Schicksal sie Beide dazu verurtheilt, ihre Universitätsferien anstatt zu Hause in einer kleinen Provinzialstadt bei Freunden zuzubringen.
Felix hatte wegen einiger beim Vater eingelaufenen nicht ganz unbedeutenden Rechnungen für gut befunden, die Liebenswürdigkeit seiner Angehörigen diesmal nicht zu erproben. Ferdinand aber schwur, das Haus seines Onkels, das er bisher als seine Heimath betrachtet, überhaupt nie mehr zu betreten, sintemal ihn Cousine Elsa, in welche er sterblich verliebt war, selbst darum ersucht und ihm die schmeichelhafte Versicherung gegeben, er sei ihr vollkommen entbehrlich und könne ihr nur dadurch eine Annehmlichkeit erweisen, daß er ihr nie wieder vor die Augen trete.
„Nun, heraus damit, Nante, alter Junge", mahnte Felix energisch. Sie ist schöner als Alle, die Du bisher geliebt, wie?"
„Felix, mein Sohn, Dein zarter Instinkt hat es errathen. Ich bin weg, rein weg, sag ich Dir. — Ist sie Dir nicht auch aufgefallen?"
„Als ich kam, war die Polonaise bereits vorüber. Aber mag sie sein, wie sie will, sie kommt nicht der gleich, was ich diesen Abend entdeckt habe."
„Hchel" lachte Ferdinand ungläubig.
„Hche!" machte ihm Felix, sich ereifernd, nach. „Kannst Du urtheilen, bevor Du gesehen hast? Bildest Du Dir ein, Du hast allein Augen im Kopfe? Da, erhebe Dich einmal und komm an die Thür, so will ich Dir meine Schöne zeigen, und Du sollst kläglich verstummen.'
Ferdinand leerte bedächtig sein Glas und folgte dann dem lebhaften Freunde an die offene Thür des Tanzsaales. „Siehst Du die Dame in Rosa?" fragte Felix, nach ihm zurückgewandt. „Die mit den braunen Locken, die eben —Eine Bewegung Ferdinands ließ ihn verstummen.
„Das ist ja meine Angebetete", nickte dieser gemächlich. „Nun beweise mir, daß die Deine ihr gleich kommt!"
„Wa--was? Das ist Deine Angebetete?I"
fragte Felix verwirrt. Sie tauschten einen langen Blick aus und verstanden sich.
„Große Entdeckung von Dir!" höhnte Ferdinand.
„Laß Dir rathen, Don Fernando", spottete Felix, „komme mir nicht in mein Gehege. Ich habe bereits mit der Dame die ersten Artigkeiten ausgetauscht, und ich kann Dir versichern, mir ist die Sache völlig ernst."
„Mir auch, und darum sei so gut, mir das Feld zu räumen; ich habe sie zuerst gesehen", entgegnete Ferdinand mit hartnäckigem Pflegma.
„Ich habe schon Beweise ihrer Liebenswürdigkeit, ich werde noch mehr verlangen, und noch in dieser
Nacht werde ich ihr mein Herz zu Füßen legen!'' rief Felix erregt.
„Weißt Du schon, wer sie ist?" fragte Ferdinand spöttisch.
Statt der Antwort wandte sich Felix an einen der im Zimmer zurückgebliebenen Herren und fragte nach dem Namen der bezeichneten Dame.
„Es ist ein Fräulein Merber, die Nichte eines in der Nähe von B. wohnenden Landwirths", erklärte dieser. „Sie hält sich augenblicklich besuch«, weise bei Bekannten in unfern D . . . feld auf und hat mit diesen das Fest besucht."
„Also keine Einheimische", sagte Felix. „Daher erklärt es sich auch, daß sie, gewiß die reizendste Erscheinung von Allen, verhältnißmäßig wenig tanzt."
„Vielleicht nicht allein daraus", versetzte der Andere. „Fräulein Merber gilt für verlobt oder versprochen. Ich bin ein naher Bekannter ihrer Familie und daher in die Verhältnisse eingeweiht."
Felix fand für nöthig, eilends sich dem freundlichen Auskunftgeber bekannt zu machen, und Ferdinand ließ sich nicht von ihm beschämen. Der dritte stellte sich als „Hellmuth, Oeconom" vor, und ließ sich dann bereit finden, auf Felix's Aufforderung noch weitere Nachrichten mitzutheilen.
„Sie scheint nicht eben untröstlich über die Ab- Wesenheit ihres Verlobten", wagte Felix hinzuwerfen.
„Er ist ber Stiefsohn ihres Onkels, in dessen Hause sie lebt", sagte Hellmuth. „Die beiden waren Spielgefährten und man hatte sie schon als Kinder für einander bestimmt."
„Ohne ihr Herz zu befragen?" rief der sangui- Nische Felix.
Hellmuth zuckte lächelnd die Achseln.
Felix fand diesen Umstand empörend, und Ferdinand murmelte etwas wie „Schurke von Cousin" oder dergleichen.'
Hellmuth zuckle wieder die Achsel, ließ den Blick lange sinnend auf Fräulein Merber ruhen und sprach dann: „Die Dame ist freilich sehr schön, in« deß ältere Ansprüche muß man respectiren."
Felix war sogleich bemüht, diese philisterhafte Ansicht zu widerlegen, aber mitten im besten Wort- schwall entdeckte er plötzlich, daß der sonst so langsame Ferdinand sich zu Fräulein Merber begeben und sogar schon ein Gespräch mit ihr angeknüpst hatte. Herr Hellmuth kam dadurch um viel schöne Belehrungen, und Ferdinand hatte alsbald den Verdruß, sich von der größeren Gewandtheit seine» Freundes Felix aus dem Felde geschlagen zu seh-n.
„Triumphire nicht zu früh!" murmelte er, al» Felix das schöne Mädchen glückstrahlend zum Tanze führte. „Ich gebe es nicht so schnell auf, was ich einmal auf's Korn genommen, und mir scheint, eS dämmert in meinem Kopfe schon ein Plan, der mich trotz Deiner, zarte Felicia, zum Ziele führen soll."
(Fortsetzung folgt).
Nedaetion: A. Scheyda, — Druck und Betlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Dießen.


