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„Der rothe Fritz ist wieder da!''
„Fritz Keller?"
„Jawohl", nickte der Förster.
„Aber das ist —"
„Nicht möglich?" schnitt Hellmuth dem über, raschten Wirth das Wort ab. „Ich hab' ihn mit meinen eigenen Augen gesehen; er sieht noch genau so aus wie früher. Unkraut vergeht nicht; ich hab's immer gesagt, er würde von drüben noch einmal als richtiger Stromer wiederkommen. Jetzt ist er da, und was wir nun zu erwarten haben, weiß Jeder, der ihn srüher gekannt hat."
Der Wirth schüttelte noch immer zweifelnd das Haupt.
„Das begreife, wer kann!" sagte er. „Der Bursche müßte doch wissen, daß hier kein Weizen mehr für ihn blüht."
„Bah, er wird denken, über die alten Geschichten sei Gra» gewachsen; es sind ja zehn Jahre seitdem verstrichen."
„Ist es der Wilddieb, der damals auswanderte?" fragte Han«, sich zu seinem Schwager wendend.
„Freilich" erwiderte der Wirth; „er ist schon damals bestraft worden, und zur Zeit seiner Auswanderung lag wieder eine Anzeige gegen ihn vor."
„Die Sie gemacht haben sollen!" fügte Hellmuth hinzu.
„Ich? Das ist —"
„So sagte man damals, und ich fürchte, der rothe Fritz hat davon auch Kenntniß erhalten —"
„So hat er eine Lüge erfahren! Aber wäre es auch Wahrheit gewesen, der Bursche kann mir darum doch Nichts anhaben!"
„Bei der ersten Drohung läßt man ihn verhaften!" sagte Hans geringschätzend. — „Gieb mir noch einen Schoppen, Johann!"
„Trink' nicht mehr, Hans", bat seine Schwester. „Warte wenigstens bis zum Nachteffen!"
„Noch einen Schoppen, Schwager!" fuhr der junge Mann auf.
Der Wirth wechselte mit seiner Frau einen bedeutungsvollen Blick und zuckte die Achseln; dann ging er zum Schenktisch, um den Wein zu holen.
„Verhaften! Da» ist leicht gesagt!" nahm der Förster wieder das Wort. „Drohungen allein berechtigen dazu nicht, es müssen Beweise einer strafbaren Handlung vorliegen. Und die alten Geschichten sind nun auch verjährt, man kann darauf nicht mehr zurückkommen. Ja, wenn ihm nachträglich noch da» Verbrechen bewiesen werden könnte, von dem derzeit geredet wurde!"
„Unsinn!" erwiderte der Wirth. „Weil der Bursche damals ausgewandert war, wollte man ihm ein Verbrechen aufbürden — "
„Gleich nach seiner Auswanderung wurde die Leiche im Walde gefunden, und Sie werden sich er- inner», daß der Arzt erklärte, die Leiche müsse schon acht oder zehn Tage da gelegen haben."
„Ganz recht; aber was hatte der rothe Fritz damit zu schaffen?"
„Die Leiche war beraubt."
„Das kann Niemand mit Sicherheit behaupten'" sagte der Wirth kopfschüttelnd, „und es ist auch da- mal« in keiner Weise erwiesen worden. Der Mann soll selbst sich das Leben genommen haben, und er hieß, er hätte vorher in Wiesbaden Alles verspielt. Daß man bei einem Hazardspieler, der sich erschossen hat, Nicht« findet, kann wahrhaftig nicht befremden. Später ist eine Dame hier gewesen, die mit dem Erschossenen verwandt war; sie hat Alles in Ordnung gesunden und das Gericht nicht weiter mit der Sache behelligt." (Fortsetzung folgt.)
Betrogene Betrüger.
Novellette von M. Heim.
(Nachdruck verboten.)
Erstes Capitel.
Ein rauschender Galopp war beendigt; die Musik verklang. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließen die Musiker ihre Instrumente sinken, und die Herren führten die Damen zu ihren Plätzen, um ebenfalls mit einem Seufzer der Erleichterung in das anstoßende Zimmer zu eilen.
Einer derselben, dessen hohe Gestalt mehr zur Fülle als zu übergroßer Zierlichkeit neigte, sank, hier angelangt, sogleich auf einen Stuhl und trocknete sich unter lautem Stöhnen den Schweiß von der Stirn.
„Das nennt die Welt Vergnügen!" klagte er dabei. „Zwanzig Grad Wärme zum mindesten und dabei diese Erregung! Laßt sehen." — Er begann an den Fingern aufzuzählen. — „Zwei Walzer, ein Galopp, eine Polka mit Damenwahl — "
„Wobei Du jedoch nicht viel incommodirt wurdest", schaltete sein Freund Otto ein.
„Uebrigens kannst Du Gott danken, Ferdinand, wenn er Dir etwas Bewegung verschafft, bevor Du Schwenninger in die Hände fällst", bemerkte ein Anderer, Namens Albin.
„Ein Rheinländer" zählte Ferdinand fort, ohne sich stören zu lassen, — „dann noch die Polonaise, die ich freilich noch für den vernünftigsten aller Tänze erkläre." —
„Weil sie Dein Blut nicht so in Wallung bringt?" fragte Albin.
„Nein doch", antwortete ihm Otto, „sahst Du nicht, daß er bei der Polonaise die schönste Dame der Gesellschaft führte?"
Ferdinand sagte darauf nur: „Du ahnungsvoller Engel, Du", und lächelte still vor sich hin.
„Ist es möglich, Don Fernando!" rief Felix, sein Intimus, sich dicht vor ihn hinstellend, „Euer Herz in neuen Fesseln, wo kaum die alten ganz ohne Euer Zuthun gelöst sind?"
Ferdinand schwieg darauf, bis die meisten der Anwesenden sich durch die neu beginnenden Klänge der Musik hatten verlocken lassen, in den Tanzsaal zurückzukehren, Dann erhob er die Augen mit


