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ein ehrenwerther Mann, das gleicht den Standes- unterschied einigermaßen aus."
Der Oberst schien die letzte Bemerkung überhört zu haben, oder er wollte ein weiteres Eingehen auf dieses Thema absichtlich vermeiden.
„Sie haben in den schönen Wäldern hier gewiß noch viel Wild", sagte er, sein Cigarrenetui öffnend, „ein leidenschaftlicher Jäger könnte Sie um diese Jagdgründe beneiden."
„Ja, wem's Vergnügen macht, ein armes, gehetztes Thier aus dem Hinterhalt niederzuschießen!" spottete Hans. „Ich werde nie Gefallen daran finden."
„Dann befremdet es mich, daß Sie sich dem Forstfache gewidmet haben!"
„Sein Vater wollte es", sagte der Wirth, der eben zurückgekehrt war und jetzt die Flasche entkorkte; „es wäre beffer nicht geschehen. Mein Schwiegervater ist Oberförster und zur Zeit, als ihn die Gicht noch nicht gelähmt hatte, war er ein gewaltiger Nimrod, und was der Vater ist, das soll der Sohn in der Regel werden."
„Und nimmt's dann kein gutes Ende, so wird alle Schuld auf den Sohn geworfen", erwiderte Hans erbittert. „Wer kann denn gegen feine eigene Natur? Ich finde nun einmal keine Freude daran, und daß mich das unglücklich machen muß, will Niemand einsehen."
„Doch, das sehen wir ein, Hans", entgegnete der Wirth, „aber es ist nun auch zu spät, wieder umzusatteln und eine andere Laufbahn zu wählen; da bleibt also Nichts übrig, als auszuharren und in das Unvermeidliche sich zu fügen!"
Die Wirthin trat jetzt auch wieder ein, nahm ihren Strickstrumpf vom Tische und setzte sich damit an'S Fenster.
„Ausharren! Sich fügen!" sagte der junge Mann mit wachsender Bitterkeit. „Das ist der einzige Trost, den man mir giebt, aber man bedenkt dabei nicht, welch' langes Leben noch vor mir liegt."
„Dem Vater darfst Du keinen Vorwurf machen", erwiderte seine Schwester in sanftem» begütigendem Tone, und ihre dunklen Augen blickten ihn dabei bittend an; „er hat Dein Bestes gewollt, und wenn Du damals energisch auf Deinem Willen bestanden hättest, dann würde er am Ende auch nachgegeben haben I"
Hans hatte die Brauen finster zusammengezogen; der herbe Zug, der seine Mundwinkel umgab, trat noch schärfer hervor.
„Damals war ich noch ein Knabe", sagte er, „und ein Knabe hat dem Vater gegenüber keinen Willen. Ich wollte Seemann werden, Herr Oberst; mein ganzes Sinnen und Trachten war dahin gerichtet, die Welt zu sehen, fremde Länder und Menschen kennen zu lernen; aber nur einmal habe ich meinem strengen Vater gegenüber diesen Wunsch geäußert, dann that ich es nie wieder. Ich hab'» versucht, dem Fache, dem ich mich widmen sollte, Geschmack abzugewinnen, aber es wollte mir nicht gelingen; so viele Reize es auch für Andere haben mag, ich kann keinen darin entdecken. Und was
nutzt es, ob ich das immer und immer wiederhole, geändert wird dadurch doch Nichts."
Er trank das Glas hastig aus und füllte es wieder trotz des warnenden, abmahnenden Blickes, den seine Schwester ihm zuwarf.
Der Wirth wollte eben eine Antwort geben, als die Thür ziemlich ungestüm geöffnet wurde und der Förster Hellmuth eintrat.
Er konnte zwei oder drei Jahre älter sein, als der Wirth; die breite, untersetzte Gestalt mit dem lauernden Blick und dem verschmitzten Gesicht, das din rother, struppiger Bart umrahmte, machte keinen angenehmen Eindruck, und der Oberst bemerkte sofort, daß dieser Mann kein willkommener Gast war.
Der Förster mochte das auch wissen, aber er kümmerte sich nicht darum. Er stellte seine Büchse in die Ecke, nickte der Wirthin vertraulich zu und setzte sich ebenfalls an den Tisch, den Oberst nur mit einem flüchtigen Blick musternd.
„Einen Schoppen, Kutscher!" befahl er, während sein Blick den jungen College« höhnisch streifte. „Ihnen bläst der Wind wohl draußen zu scharf, Herr von Reizenstein?"
Es lag eine beleidigende Geringschätzung in dem Tone, in dem er diese Frage stellte. Dem Forst- Eleven schoß das Blut jäh in die Wangen.
„Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten!" erwiderte er, mühsam an sich hallend.
Der Förster lachte heiser und fuhr mit seinen Händen durch seinen wüsten Bart.
„Ich werde mir wohl erlauben dürfen, mich auch um Ihre Angelegenheiten zu bekümmern", sagte er. „Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß ich den erkrankten Oberförster vertrete. Wenn ich befehle, müssen Sie Ordre pariren; es sollte mir leid thun, wenn gerade Sie mich zwängen, dem Forstamte unangenehme Meldungen zu machen."
„Thun Sie, was Sie nicht lassen können!"
„Hans!" sagte die Wirthin bittend.
„Wenn ich meine Amtspflicht streng erfüllen wollte, dann wäre längst Etwas erfolgt, was Ihnen unangenehm fein könnte", versetzte der Förster mit scharfer Betonung; „Sie scheinen mit offenen Augen in Ihr Unglück hineinrennen zu wollen."
„Laßt es gut sein und haltet Frieden!" sagte der Wirth unwillig, während er die Flasche vor den Förster hinstellte. „Man darf nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, und je nachdem die Dinge liegen, muß man ein Auge zudrücken können."
„Das kann man auch nicht immer", erwiderte der Förster, „und fordert man von mir, daß ich meine Pflicht thue, so darf ich das wohl auch von meinen Untergebenen verlangen. Wir werden in der nächsten Zeit Arbeit und Arrger genug bekommen, da muß Jeder von uns stramm auf dem Posten sein, wenn es nicht von oben herunter Nasen regnen soll."
„So? Was giebt's denn nun wieder?" fragte der Wirth, indeß Hans die Cigarre anzündete, die der Oberst ihm angeboten.


