Ausgabe 
24.6.1886
 
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daß ich Sie bat, mir den Brief zu zeigen; aber auch das sollte nur ein Scherz sein ich mar ja selbst zu verwirrt, um meine Worte vorher erwägen zu können. Was sollte ich Ihnen sagen, wenn ich mündlich von Ihnen Abschied nehmen wollte? Ich mußte fürchten, daß der indirekten Niederlage eine direkte folgen würde. So beschloß ich, Ihnen nur meine Karte zu senden und noch an demselben Tage abzureisen. Die Gründe dieser schleunigen Abreise lagen ja so nahe, daß es Ihnen nicht schwer fallen konnte, sie zu errathen. Nach einer längeren Reise zog ich mich auf mein Gut in Schlesien zurück, und Ihre Frau Mutier hatte Recht: Ihrer harrte ein glänzenderes Loos, als ich es Ihnen hätte bieten können. Ihr Name ist berühnit geworden, in jeder Stadt ernteten Sie Lorbeeren, und der kurze Traum, an den Sie mich vorhin erinnerten, war rasch ver­gessen. Weshalb rufen Sie mich nun noch einmal in Ihre Nähe? Ich bin zu stolz und ich achte mich selbst zu hoch, als daß ich mich der Schaar Ihrer Anbeter zugesellen könnte, und bedürfen Sie eines Freundes, so"

Nicht weiter, Herr Hauptmann!" fiel Signora Barlotti ihm mit einer abwehrenden Handbewegung in die Rede, und ihr wogender Busen ließ ihn er­kennen, wie gewaltig es in ihrem Innern tobte. Mag man auch mich bei Ihnen verläumdet haben, ich bin zu stolz, Ihnen gegenüber auch nur ein Wort zu meiner Bertheidigung zu sagen; Sie müssen auch ohne diese Bertheidigung an mich glauben, zumal Sie wissen, wie geringschätzend ich über die Männer denke, die mit faden Schmeicheleien und kostbaren Geschenken Liebe erkaufen wollen."

(Fortsetzung folgt.)

Wngflen.

Erzählung von Th. Hempel.

(Schluß).

Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß sie mir einen Theil Ihrer Zeit widmeten", erwiderte Anna.

Und wenn mir Ihre Dankbarkeit nicht genügte, wenn ich weit höheres Verlangen stellte?"

Sie sah ihn fragend au und senkte vor seinen Blicken das Auge zu Boden.

Anna", fuhr er fort, ,,ich bin ein ein­samer Wanderer im Gewühl des Lebens, das fühle ich ost mit bittrem Kummer. Die Eltern verlor ich, als ich die Größe meines Verlustes noch nicht begreifen konnte, Geschwister.und nahe Verwandte besaß ich nie. In einer Pension verlebte ich die erste Jugend, blickte mit thränenden Augen meinen Mitschülern nach, wenn sie in den Ferien jubelnd nach der Heimath eilten. Später, als ich ein Gymnasium besuchte, verlebte ich meine Ferien im Hause meines Vormundes, dort ein Fremder wie

j überall. Wenn ich eine Reise unternahm, beneideten mich meine Mitschüler, daß meine Mittel mir ge­statteten, die Welt und die reichen Schätze der Natur und Kunst zu sehen. Ach, wie gern hätte ich mit ihnen getauscht, wie gern Alles dahingegeben, wenn ich nur einmal nach einer geliebten Heimath hätte den Schritt lenken dürfen, nur einmal von der Freude des Wiedersehens begrüßt, eine gastliche Schwelle übersteigen können, wenn nur einmal eines Vaters Hand segnend auf mir geruht, einer Mutter Arm liebend mich umschlungen. Folgte ich Ein­ladungen meiner Freunds, sah ich sie solcher Art be­grüßt im Vaterhaus, mich dagegen mit höflicher Gastfreundschaft, so erfaßte mich Neid und ich wäre gern wieder hinweggeeilt, mich in meine Einsamkeit zu begraben, mit einem liebebedürftigen Herzen.

Meine Wissenschaft feffelt mich, ich fühle den Segen, die Befriedigung, welche es giebt, Wunden zu heilen, ich erkenne vollständig die ernste Ver­pflichtung des Arztes, mit allen Kräften weiter zu streben, es giebt noch so viel Näthsel zu lösen in unserm Beruf. Und doch füllt er mein Leben nicht aus, mein Herz schlägt so bang und sehnsuchtsvoll, ich sehne mich nach einer Seele, welche ich mein nennen darf, für's Leben. Was ich ersehnte, ich habe es gefunden, nicht draußen im bunten Gewühl des Lebens, nein hieb im Waldesgrün. Anna, nur einmal blickte ich hinein in Deine Augen, da fühlte ich klar, daß ich sie nie, nie mehr vergessen konnte. Wie ein süßer Traum erschien mir das Wiedersehen, nachdem ich gemeint, Du seist mir auf immer ent­schwunden. Nun muß ich fort, gebieterisch ruft mich die Pflicht an die Leidensstätte meiner Kranken, aber mein Herz bleibt hier. Anna darf ich wiederkommen, darf ich die Hoffnung mit mir nehmen, daß Du Dich entschließen kannst, mir und meinem einsamen Daheim, das zu geben, was ihm bisher das Leben versagte die Liebe?"

Sie schwieg eine Weile, als wüßte sie keine Antwort zu finden, als er aber ihre Hand ergriff, ihren Namen aussprach so bang, so fragend, da erhob sie das Köpfchen, da sah er zwei große Thränen glänzen in ihren Augen, da flüsterte sie ihm zu:

,,Ia, ich will Dein fein für alle Ewigkeit!"

Meine Braut, meine Geliebte!" rief er jubelnd aus und schlang die Arme um sie.

Anna", erklang vom Garten aus des Forstmeisters Stimme, ihm verbarg das dichte Grün, was in der Laube sich zutrug, daher sprach er weiter:

Der Doktor hält wohl nicht für nöthig, noch einmal nach Deiner Hand zu fehen, ich werde nach der Mühle gehen, ihm unfern Dank zu bringen, da er morgen abreifen wird."

Ehe Anna noch zu antworten vermochte, trat der Doktor aus der Laube.

Halten Sie mich für so pflichtvergessen, daß ich ohne Abschied von hier gehe, auch bin ich un-