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KkdactivN! B, Scheid«. — Druck und Verlag her Brühllchm Druckerei (Fr. Ehr, Pietsch) in Gießen.
bescheiden genug, mir eine recht große Belohnung von Ihnen zu erbitten."
Seine Stimme begann doch ein wenig zu stocken. Er fühlte daß er, der Fremde, sich eine recht kühne Forderung erlaubte, mit bittender Stimme fügte er hinzu:
„Ich möchte so gern die Hand, welche ich heilte, für's ganze Leben behalten. Wollen Sie dem Manne, der Ihnen noch ziemlich fremd gegenüber steht, das Glück Ihres Kindes anvertrauen?"
„Nun, und was sagt denn mein Töchterchen dazu?" fragte der Forstmeister. Anna trat an des Geliebten Seite und blickte strahlend zu ihm auf, dies war für den Vater Antwort genug. Jetzt erschien auch die Forstmeisterin im Garten, hörte mit Verwundern von des Doktors Bitte um Annas Hand, und dieser trat ihr entgegen und bat mit bewegter Stimme:
„Seit ich denken kann, hab' ich nie gewußt, was es heißt, eine Mutter zu besitzen, wollen Sie mir von nun an Mutter sein?"
Der Forstmeister mochte wohl schon über Alfred's Verhältnisse unterrichtet worden sein, denn beide Eltern willigten ein, das Bündniß der jungen Leute mit ihrem Segen zu krönen. Im trauten Familienkreis ward unter dem grünen Blätterdach die Verlobung gefeiert. Nur zu schnell verrann die Zeit, der Mittag nahte, als Alfred sich endlich erinnerte, wie unverantwortlich er seine lieben Gastfreunde vernachlässigte. Er erhob sich, um Abschied zu nehmen, als Erich am Eingang der Laube erschien:
„Sind das auch Pfingstferien? Nachdem ich eifrig studirt, so daß ich der Erholung dringend bedurfte, besteht sie darin, ewig diesem Flüchtling nachzugehen, welcher mir stets unter den Händen entwischt. Kaum habe ich ihn mit vielem Zureden aus der Hauptstadt entführt, kaum sind wir in den Wald eingetreten, so benutzt er eine kurze Ruhe, die ich mir vergönne, und verschwindet. Ich suche ihn lange und sorgenvoll und glaube schon ihn für immer verloren zu haben, da finde ich ihn endlich, aber wie? Er lehnt an einem Baume, die Augen schwärmerisch nach oben gerichtet, flüstert er, ohne mich zu bemerken:
„Sie hat die blauen Augen der Waldkönigin? Er, der an demselben Morgen mir auseinander gesetzt, daß ihm auch das schönste Auge nichts anhaben könne, daß sein Herz noch nie, um eines Mädchens willen, rascher geschlagen. Als es mir endlich gelang, ihm meine Gegenwart bemerklich zu machen, sagt er, noch immer mit ziemlich geistesabwesenden Blick mich ansehend:
„Der Zauber des Waldes nahm mich gefangen."
Nicht ohne Sorge sah ich ihn täglich auf seinem ernsten Berufswege dem Walde zueilen, doch immer kehrte er glücklich zurück, nur wollte mir, dem Laien, bedünken, daß ein solch ärztlicher Besuch, doch recht viel Zeit in Anspruch nimmt. Heute aber harrte ich vergebens seiner Zurückkunst. Verzeihen Sie
mir," — mit diesen Worten wandte er sich an bett Forstmeister und seine Gattin, welche lächelnd seiner lebhaften Schilderung folgten, „meinen Ueberfall, aber was thut man nicht für einen Freund".
Jetzt nahm Anna das Wort:
„Ich fühlte, daß die Last zu schwer war für Ihre Schultern, lieber Erich, ich Ihre treue Jugend, gefährtin, nahm Ihnen einen Theil davon ab und will Ihnen den Freund behüten helfen."
„Und ich", — fiel Alfred ein, — „danke Dir von Herzen, mein Freund, daß Du mich hierher führtest. Hier hab ich sie gefunden, die meines Lebens Stern sein will, in hellen und dunklen Tagen. Sieh hier die Waldeskönigin, in deren Augen ich am Psingstmorgen nur einen kurzen Augenblick schaute, um klar in mir zu suhlen, daß ich sie nie wieder vergesien könnte. Mein Glücksstern ließ mich sie wieder sinken und vor einer Stunde habe ich die beseeligende Gewißheit erhalten, daß sie mein sein will, mein Weib I ‘
Erichs Jubel bei dieser Enthüllung war dem Brautpaar die beste Gewähr, wie innig er Antheil nahm an seinem Glück.
Der Sonntag verging den beiden befreundeten Familien in ungetrübtem Beisammensein, deffen Mittelpunkt das glückliche junge Paar war. Als der Abend kam, da hieß es scheiden, aber scheiden auf baldiges frohes Wiedersehen.
Als die Freunde den Perron des Bahnhofs betraten, herrschte dort reges Leben, ein Salonwagen ward in den Zug eingeschoben, elegante Damen und Herren gingen auf und ab. Eine vornehme Erscheinung, über alle hervorragend, musterte mit strahlenden Augen stolz die Umstehenden. Erich raunte seinem Freunde ins Ohr:
„Dies ist die Fürstin."
„Diese? Die Augen sollen bannen und verwunden?" War die in enttäuschtem Tone gegebene Antwort.
„Sie halten den Vergleich nicht aus, mit meiner Anna dunklen Sternen I"
Einen Augenblick sah der Freund ihn fragend an, dann dachte er still bei sich:
„So schön wie meiner Marie Augen giebt's doch keine in der Welt."
Als die Freunde sich bei der Ankunst in der Stadt trennten, da sagte Alfred, dem Freund die Hand zum Abschied drückend:
„Erich, wie kann ich Dir genug danken, Du gabst die Veranlaffung, daß ich das schönste, das reichste Psingstfest feierte, das, wenn Gott seinen Segen giebt, seine Strahlen über mein ganzes künftiges Leben werfen soll."
Ais wieder die Pfingstglocken erklangen, da führte der Doktor zum erstenmal wieder sein Weib der Heimath im grünen Walde zu. Die Eltern freuten sich am Glück des geliebten Kindes und der Forstmeister hielt es nicht für gerathen eine Straf, predigt über Psingstreisen der Aerzte zu halten.


