Referendar, muß ich bitten, in den Salon zu treten und dort einige Minuten zu warten."
„Ihre Geduld wird wohl nicht lange auf die Probe gestellt werden, mein junger Freund", wandte der Hauptmann sich zu seinem Begleiter. „Sie wissen ja, wie wenig ich der Dame zu sagen habe."
Der Referendar ergriff rasch seine Hand und blickte ihm ernst und voll in die Augen.
„Ich beschwöre Sie noch einmal, schenken Sie meinen Worten Glauben, und laffen Sie diesen Augenblick nicht unbenutzt vorübergehen", sagte er bittend, „denn was man der Minute ausgeschlagen, giebt keine Ewigkeit zurück!"
Der Hauptmann lächelte gezwungen und trat in das Boudoir. Mit einer höflichen, kalten Verbeugung begrüßte er die schöne Frau, deren Blick er voll fieberhafter Erwartung und Spannung auf sich geheftet sah.
„Sie haben befohlen, gnädige Frau, und ich glaubte im Hinblick auf vergangene Zeiten Ihren Wunsch erfüllen zu müssen", sagte er kühl, während er langsam näher trat.
Signora Barlotti hatte die Lippen auseinander gepreßt, und im ersten Moment schien es, als ob sie ihm eine trotzige Antwort geben wolle, aber gleich darauf glitt ein schmerzlich wehmüthiger Zug über ihr Antlitz.
, „Ich hatte mich der Hoffnung hingegeben, die stimme Ihres eigenen Herzens würde Sie zu mir zurückführen," erwiderte sie mit leisem Vorwurf. „Sind denn jene schönen Tage, die wir in Wiesbaden gemeinsam verlebten, ganz Ihrem Gedächtniß entschwunden?"
„Ich roojte, daß ich sie vergeffen könnte!"
„Und worauf gründet sich dieser seltsame Wunsch ?"
„Sollten Sie die Gründe wirklich nicht kennen?" fragte er in bitterem Tone.
„Nein, ich habe über die Gründe Ihrer damaligen, plötzlichen Abreise lange nachgedacht, aber die Lösung dieses Räthsels nicht finden können", sagte sie, und die leise zitternde Stimme deutete auf mühsam bezwungene Erregung. „Wir waren so glücklich, und keine Wolke drohte ihren Schatten auf unseren sonnenhellen Pfad zu werfen. Erinnern Sie sich noch unseres gemeinsamen Ausflugs nach Wiesenthal? Haben Sie die Worte vergessen, die Sie mir dort am Grabe Ihres unglücklichen Freundes sagten?"
„Signora, ich erinnere mich noch jedes Wortes, welches zwischen uns gewechselt worden ist", erwiderte er, und auch seine Stimme bebte, „ich habe an die Aufrichtigkeit dieser Worte geglaubt —"
„ttnö was konnte Ihnen diesen Glauben rauben?" siel sie ihm leidenschaftlich in die Rede.
„Sie wissen es selbst!"
„Nein, nein, oder sollte es wirklich meine Weigerung gewesen sein, Ihnen den Brief zu zeigen, den ich an jenem Tage empfing, an dem ich das Wort her Entscheidung von Ihren Lippen erwartete?"
Der Hauptmann lehnte sich in seinen Seffe zurück und strich langsam mit der Hand über seine breite, gewölbte Stirne.
„Weshalb wecken Sie diese quälenden Erinne- rungen?" fragte er leise. „Sie hätten mir und sich selbst all' das Schmerzliche erlassen sollen — "
"34 will Gewißheit haben, mag sie auch noch so schmerzlich für mich sein! Vier Jahre lang hindurch habe ich von Tag zu Tag gehofft, Ihnen wieder zu begegnen und die Lösung jenes mir dunklen Räthsels endlich zu finden; jetzt fordere ich sie von Ihnen, gleichviel, wie sie auch lauten mag!"
„Wohlan, ich werde dieser Forderung nach' kommen", erwiderte er, tief aufathmend. „Es ist wahr, ich war damals unsagbar glücklich und dieses Glück danke ich Ihnen. Sie nahmen sich des armen Verwundeten mit rührender Liebe an, und nicht lange währte es, da loderte in meinem Herzen die Gluth der Liebe hell empor. Ich war reich, unabhängig, ich konnte Ihnen mit meiner Hand eine gesicherte glänzende Existenz bieten — aber ich war auch ein Krüppel, und der Gedanke hieran drängte das entscheidende Wort, so oft ich es auch sprechen wollte, immer wieder zurück. Wohl er- mnere ich mich noch unseres Besuchs in Wiesenthal; ich erzählte Ihnen dort die Geschichte meines unglücklichen Freundes, ohne die Namen der übrigen Betheiligten zu nennen. Offen gesagt, ich hoffte bei dieser Gelegenheit, Sie würden mich durch irgend eine Aeußerung ermuthigen, das entscheidende Wort zu sprechen; aber Sie schwiegen und fast schien es mir, als ob Sie die Entscheidung fürchteten. Einige Tage später faßte ich mir ein Herz. Ich ging mit dem Vorsatz zu Ihnen, mir Gewißheit zu verschaffen.
klopfte an, Niemand antwortete; ich trat ein. Sie befanden sich mit Ihrer Frau Mutter im Nebenzimmer, die beiden Stuben waren nur durch eine Portiere getrennt. Ich hörte deutlich, daß über mich gesprochen wurde; unwillkürlich blieb ich stehen, Worte, die mich tief verletzten, drangen an mein Ohr. Die alte Dame spottete über mich, sie äußerte die sichere Erwartung, daß Sie Ihre Künstler- ^usbahn verfolgen und Ihre Lorbeeren nicht einem Krüppel opfern würden. So wußte ich denn,^,was ich von dieser Seite zu erwarten hatte — aber zurückziehen konnte ich mich nicht mehr. Mit einem Briefe in der Hand traten Sie ein, und Ihre Befangenheit, Ihre Zurückhaltung und Kälte ließen mich vermuthen, daß die Worte, die ich vernommen hatte, auf einen fruchtbaren Boden g fallen waren. Ich habe Ihnen nie einen Vorwurf daraus gemacht; ich mußte mir sagen, daß jene Bedenken Ihrer Frau Mutter wohl begründet seien, und so schmerzlich es mir auch war, meinen süßesten Hoffnungen entsagen zu sollen, fühlte ich doch, daß es geschehen mußte. Sie werden sich jenes Morgens noch erinnern; ich fragte Sie scherzend, ob Sie einen angenehmen Brief empfangen hätten. Sie erschrocken und suchten vergeblich Ihre Verwirrung mir zu verbergen. Es war wohl eine indiskrete Zumuthung,


