Ausgabe 
24.4.1886
 
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Er forschte also weiter und fand endlich hinter einem scheinbar unverrückbaren Kistenaufbau, was er suchte; eine niedrige kleine aber äußerst feste Thür.

Er fand auch dazu leicht den passenden Schlüssel.

Diese Thür ließ er offen; wußte er doch, daß ihm nun Niemand mehr folgen könne.

Der betretene Raum war noch größer als der vorige und ganz mit leeren Fässern angefüllt, deren düstere unförmliche Massen dem spähenden Blicke Eduard's auf allen Seiten entgegentraten.

Auch hier war nirgends eine Thür zu erspähen; und ehe Eduard sich weiter nach derselben umsah, suchte er mit mehr Hoffnung auf Erfolg unter den Fässern nach dem, was seinen Vater hierherzog, nämlich nach den vermutheten verborgenen Schätzen. Diese konnten wohl in leeren Fässern verborgen sein, das sicherste Schutzmittel gegen neugierige Blicke.

Durch Klopfen an die Fässer ermittelte er deren Hohlheit, und er bediente sich dazu des größten Schlüssels, was einen helleren Klang gab.

Nach vielem vergeblichen Suchen glaubte Eduard endlich Etwas gefunden zu haben. Ein großes Faß gab nur einen großen dumpfen Klang von sich, als wenn es nicht ganz hohl sei. Dasselbe stand auf­recht, und da es oben fest verschlossen war, ver- muthete Eduard, daß man es nur umstülpen könne, um auf seinen Inhalt zu kommen.

Indem er nun, um besser sehen zu können, mit dem der Laterne entnommenen Licht an dem Faß herumleuchtete, setzte er einen zum offenen Spund­loch heraushängenden weißen Faden in Brand.

Was Eduard nur für ein Erkennungszeichen ge­halten, erwies sich nun als eine Zündschnur, welche sich zu rasch nach dem Innern des Fasses zu ver­zehrte, als daß er sie noch hätte herausreißen können.

Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte ihn blitz­artig; aber nicht minder rasch war seine Bewegung nach dem Faß, welches er umzustürzen versuchte.

Es war das nicht so leicht. Aber die Verzweif­lung, in welche jener Gedanke ihn stürzte, verlieh ihm Riesenkraft.

Das Licht fiel zur Erde er trat es aus; aus der ihm umgebenden tiefen Nacht glimmte nur noch der leuchtende Funke, welcher sich zischend durch dieselbe fortpflanzte. Wohin? Nach einem kleineren Faß, welches mitten in dem großen Faß, das heißt von diesem bedeckt, gestanden.

Eduard riß die glimmende Zündschnur aus dem­selben in dem Augenblick heraus, wo sie fast bis zum Faßrand verbrannt war.

Er zerdrückte den Funken in der Hand, denn er wußte nicht, ob er, wenn hier fortgeschleudert, nicht anderswo zündete.

Nach einer kurzen Pause der Erholung von seinem tödtlichen Schreck griff er nach dem oben offenen kleineren Faß. Dasselbe war bis zum Rand mit einer pulverförmigen fettigen Masse angefüllt, welches aber doch kein Pulver zu fein schien, was Eduard anfänglich vermuthet hatte.

Dennoch fürchtete er, daß etwas dem Aehnliches in dem Fäßchen enthalten sei, und so ging er eine Strecke weit weg mit dem Licht, ehe er es wieder entzündete.

Erst als er es wieder unter dem Verschluß der Laterne hatte, näherte er sich noch einmal dem ver- hängnißvollen Fasse.

Er fand dasselbe mit einer graubraunen, sich fettig ansühlenden Masse angefüllt, deren wahren Charakter er sich nicht zu erklären vermochte. Doch war er keinen Augenblick in Zweifel darüber, daß er es hier mit einem neuen Sprengstoff, vielleicht mit Dynamit, zu thun habe.

Er wurde in dieser Annahme bestärkt durch die wieder aufgefundene Zündschnur, auf welcher an ihrem äußersten Ende ein Zündhütchen festgekniffen war. Eduard hatte mehrfach von dem Dynamit und seiner Entzündung gelesen, und diese Bereitung der Zündschnur deutete auf ein solch furchtbares Sprengmaterial.

Er mußte sich vor der Hand mit der Vernichtung des Zünders begnügen, und stülpte nun das größere Faß wieder über das Kleinere, so daß für den Augenblick keine Gefahr obwaltete. Dieselbe konnte nur durch Einlage eines neuen Zünders zurückge­rufen werden.

Natürlich beschäftigte sich Eduard zunächst mit der Frage, warum sein Vater wie ein zweiter Guy Famkes unter seinem Palast eine solche Miene legte, und er kam zu keinem anderen Resultate, als daß dies mit der einzigen Absicht geschehen, jenen gelegent­lich in die Luft zu sprengen. Und damit stand er wieder vor der Frage warum?

Der zunächstliegende Gedanke war der, daß sein Vater in eine Verschwörung verwickelt oder Mitglied einer geheimen Anarchistenverbindung war, welche bei ihm ihr Depot hatte. Als er aber noch weiter darüber nachsann und sich Alles vergegenwärtigte, was ihm von dem Charakter und der Lebensweise seines geschäftstüchtigen Vaters bekannt geworden, schien ihm das schier unglaublich. Warum hätte er sonst auch den Anarchisten Matthies entlassen?

Außer dieser gab es aber nur noch zwei Aus­legungen für diese furchtbaren Vorbereitungen. Ent­weder handelte sein Vater im Irrsinn, von Ver­folgungswahn ergriffen, oder diese Räume bargen außer dem Sprengstoff noch Etwas, das nie entdeckt werden durfte, und um deffentwillen, das heißt, um es nie zu Tage kommen zu lassen, jener bereit war, sein ganzes Haus in eine Trümmerstätte zu verwandeln. Was konnte aber anders sein, als ein Verbrechen; und ein solches traute Eduard seinem Vater ebenfalls nicht zu.

Freilich, wenn er alles das in Betracht zog, was über seines Vaters nächtliche Wanderungen schon ge­sprochen und gemunkelt worden war, konnte er sich einem diesbezüglichen Verdacht nicht verschließen.

Noch mit seinen Vermuthungen hierüber beschäftigt, vernahm er ein dumpfes, röchelndes Stöhnen, welches