Eueßener Jamilienblätter.
PeUrtristssches DeihlM MW Gießener An;k!ger.
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M. 49. Samstag dm 24. April. 1886.
Are Kakschwimzer.
Criminal-Noman von Gustav Lössel.
(Fortsetzung).
In dem angrenzenden Zimmer verbreitete eine Nachtlampe ihr gedämpftes Licht, und dieses fiel auf die Züge eines ruhig Schlafenden.
Die heute erlittene heftige Erschütterung hatte bewirkt, was keine Anstrengung sonst zu thun vermochte, daß nämlich der stark beunruhigte Kommer- zienrath schlief. Eduard, der die seelischen Leiden seines Vaters seit jener fatalen Ballnacht nicht kannte, fand hierin keine Quelle der Beruhigung, sondern des Unmuths. Sein Vater schien zwar nicht zu wissen, daß er wegen Mordes verfolgt wurde und verhaftet werden sollte, ehe er selbst mit dem Beamten in M. eintraf; aber schon das zweite, ihm zur Last gelegte Verbrechen war bedeutend genug, um den Schlaf von des Anderen Lider zu scheuchen. So meinte Eduard, und seine Nachgedanken waren dementsprechend bitter.
„Die Genugthuung will ich Euch nicht gönnen, mich unter Anklage gestellt und als Verbrecher vor- geführt zu sehen", murmelte er. „Und wenn mir dieses Versteck nicht vollkommene Sicherheit gewährt oder mich dem Verhungern aussetzt, so finde ich ein solches weit draußen am Fluß hinauf in unserem jetzt verödeten Landhause. Man wird mich in Frankreich, auf dem Wege nach Amerika vermuthen, und ich werde die Entwickelung der Verhandlungen aus nächster Nähe beobachten, um eventuell einzugreifen und mich selbst meinem Richter zu stellen. Vorher hoffe ich, daß auch ohne mein Dazuthun meine Unschuld zu Tage kommt, wenn man nun zur Voruntersuchung der näheren Umstände in dieser Doppelanklage kommt."
Er schlich sich von der Thür wieder weg nach dem Kamin, in welchem ein verglimmendes Feuer brannte.
Beim Scheine deffelben fand Eduard die Stelle im Rauchfang, wo ein loser Ziegelstein das Versteck der Schlüssel andeutete. Er hob diesen Stein heraus — es war auf der dem Zimmer zugekehrten Seite, also Niemandem ersichtlich — und entnahm der entstandenen Oeffnung drei zu einem Bund vereinigte Schlüssel von verschiedener Größe. Dann fügte er den losen Stein wieder ein und entfernte sich geräuschlos, wie er gekommen.
Er kannte den Weg nach dem Keller so genau,
daß er denselben auch im Dunkeln finden konnte, und dort hoffte er eine am Eingang versteckte Laterne zu finden, deren sein Vater sich zu seinen nächtlichen Wanderungen bediente. Feuerzeug hatte er selbst in genügender Menge bei sich.
An der Kellerthür angekommen, legte er seine Stiefel wieder an. Dann nahm er den größten Schlüssel, einen von riesigen Dimensionen hervor, um seine Kraft daran zu versuchen.
Er fand sich in seiner Vermuthung nicht getäuscht, der Schlüssel paßte.
Nachdem er mit vieler Anstrengung die nur einem gewissen Drucke weichende Thür erschlossen, zündete er ein Wachsholz an, bei dessen Schein er in den Keller hinabdrang, um zunächst nach der dort vermutheten Laterne zu suchen.
Er durchsuchte darnach den ganzen Vorraum und hatte seinen Zündholzvorrath fast erschöpft, ehe er die Laterne unter einem leeren Fasse versteckt fand. Der betretene Raum war gatr mit Fässern und Kisten angefüllt, welche in loser Unordnung um« herstanden und stellenweise auf einander gepackt waren.
Plötzlich war es Eduard, als wenn Etwas schattenhaft hinter ihm vorbei streife.
Er wandte sich erschreckt um, sah aber Nichts. Allerdings verbreitete seine Laterne nur ein ungewisses Licht, welches sich in dem düsteren Raum auch nicht weit ausbreitete; dennoch glaubte er sich getäuscht zu haben. Er war ja sehr erregt und auf allen Seiten von Schatten umtanzt, je nachdem er die Laterne hierhin oder dorthin schwang.
Nachdem er noch einen Augenblick lauschend inne gehalten und Nichts vernommen hatte, stieg er wieder zu der halb offenen Kellerthür empor, die er jetzt von innen verschloß.
Dann stieg er — die Schlüssel am Bande in der Linken, die Laterne in der Rechten — wieder in den Keller hinab, in dem er nun nach der ferneren Thür umherleuchtete.
Merkwürdiger Weise schien gar keine solche vorhanden, und wenn man die gewaltigen Dimensionen des Vorraums flüchtig überblickte, konnte man zu der Täuschung gelangen, daß der Keller auf dieser Seite überhaupt keine Ausdehnung weiter habe.
Eduard sagte sich aber, daß dies aus zweierlei Gründen nicht gut möglich sei, einmal wegen der heimlichen nächtlichen Wanderungen seines Vaters, welche hier keine Erklärung fanden, und dann wegen der drei Schlüssel, welche schon ihrer Farm nach aus verschiedene Schlösser deuteten.


