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welches sie hierauf dem Marquis de Durfourt zu« führte.
Das Mädchen war auffallend bleich und erregt. Der Gesandte überreichte ihm ein kleines, in Brillanten gefaßtes Bild, worauf jene einige kurze Dankesworte stammelte und sodann das Bild an der Brust befestigte. Es war das Porträt eines Jünglings von höchstens 17 Jahren, dasjenige des Kronprinzen Ludwig von Frankreich und die Empfängerin, welcher der Marquis jetzt noch ein Schreiben überreichte, war Maria Antonie, Erzherzogin von Oesterreich, die an diesem Abende dem künftigen französischen Könige verlobt werden sollte. Das Antlitz der Kaiserin strahlte vor Entzücken, daß es ihr nach langen und schwierigen Unterhandlungen endlich gelungen war, ihrer kaum 15jährigen Tochter den Thron des damals mächtigsten Landes Europas zu sichern. Ein freudiges Murmeln durchlief auch die ganze hohe Versammlung und allenthalben flüsterte man einander zu von der glanzvollen Zukunft, welcher diese Lieblingstochter der Kaiserin entgegengehe. Die Prinzessin hatte sich endlich etwas gefaßt, aber nur mit Mühe vermochte sie dem Sturm in ihrem Herzen zu gebieten und dankbaren Blickes folgte sie ihrem Bruder Joseph, welcher es in gutmüthiger Weise verstand, die Cermonie abzukürzen und bald die Schwester aus dem Saale geleitete.
Abends war große Festlichkeit bei Hofe; in den Theatern fanden Festaufführungen statt, ganz Wien illuminirte und schwamm in Jubel und Freude. — Am folgenden Tage unterzeichnete Marie Antoinette vor versammeltem Hofe den Verzicht auf jede Hinterlaffenschaft ihrer Eltern und, die Hand auf dem Evangelium, gelobte sie, daß fortan sie Frank, reich als ihr Heimathland erkennen werde, — Frankreich, wo es eine Marquise Pompadour, eine Gräfin Dubary gegeben, Paris, wo das glänzende Laster alltäglich neue Orgien feierte und wo Jammer und Noth des Volkes in's Maßloste gesteigert waren!
Drei Tage nachher fand in der Hofkirche die feierliche Trauung durch Procuration statt. In Jubeltönen brauste die Orgel, in Weihrauchwolken gehüllt standen am Altäre die Kardinale und Bischöfe des Reiches, ihnen zu Füßen die junge Braut, das Porträt des Dauphins an der Brust, neben ihr der Erzherzog Ferdinand als Vertreter des Bräutigams. Seitlich kniete die Kaiserin, die Hände fest gegen ihr Antlitz gepreßt, in inbrünstigem Gebete für das Glück der Tochter. Der Kardinal sprach die Trauungsformel und mit lautem „Ja" beantwortete die Prinzessin die Frage der Priesters; Fanfaren ertönten, ein Sängerchor fiel rauschend ein — und durch Maria Theresias imponirende Gestalt lief plötz- i lich ein Zittern und Bangen, daß es selbst den Personen des Hofes auffiel. Welche Schreckensbtlder l mochten wohl ihre Seele ergriffen haben, weich' i dunkle Ahnungen sich ihr plötzlich nahen? Was ; mochte die Zukunft bringen?! Wer das wüßte 1 Auch j hem inbrünstigen Gebets einer Kaiserin antwortet 1
der Himmel nur mit rätselhaftem Schweigen! Und sollte es dennoch keine Möglichkeit geben, den Schleier der Zukunft zu lüften? Wie oft hatten es Swedenborg'« Anhänger, hatten es Cagliostro und die Jlluminaten schon behauptet! Wenn es nur einen Hauch von Ruhe für das sturmdurchtobte Herz der Mutter gäbe, ehe noch der nahe Abschied von der Tochter genommen werden mußte! —
Die Cermonie war zu Ende; entschloffener blickte wieder die Kaiserin und so schritt sie hinaus, gefolgt von ihrem Hof.
lieber der Stadt Wien breitete sich tiefe Ruhe; längst war die Nacht hereingebrochen und von den Theilnehmern des glanzvolles Festes wachte wohl nur noch die Kaiserin. An der Thür des Gemaches, in welchem nur ein einzige« spärliches Licht brannte, lauschte gespannten Ohre« die Kammerfrau. Jetzt ertönte draußen ein leises Klopfen, die Dienerin öffnete und einen Augenblick später stand vor der Kaiserin ein Greis von gelehrter, aber in der That unheimlicher Erscheinung. E« war Dr. Gaffner, einer jener Männer, die man damals als Jlluminaten kannte und welche zugleich al« Aerzte und Geisterbeschwörer in aller Munde waren. Maria Theresia liebte das Geheimnißvolle und sie glaubte ernstlich an das Dasein höherer Mächte.
„Doktor", begann sie, „ich sah Euch in der Hof. kirche heute, Ihr wäret dort und könnt errathen, was ich von Euch wünsche; Ihr habt Antoinette gesehen; was laset Ihr in ihren Zügen?"
„Glauben denn Ew. Majestät wirklich, daß e« uns möglich ist, der Zukunft Schl.ier zu lüften?"
„Ja, Doctor, ich glaube daran und deshalb ließ ich Euch rufen, nur darf es mein Sohn der Kaiser nicht erfahren, denn er ist Freigeist und spottet Eures Wiffen». Seht, Doctor, in der Kirche heute hat es mich wie mit eisigen Krallen erfaßt und mir nach dem Herzen gegriffen; ich habe eine Angst, — Doctor, sagt mir, was ist das Schicksal meiner Tochter, aber sagt es mir offen, haltet nicht zurück damit und wenn es — mir ahnt als wenn es nichts Guter wäre!"
Der Doctor blickte schweigend zur Erde nieder, mehrere Minuten lang angstvoll in steigender Er- regung wartete die Kaiserin; endlich sagte er mit dumpfer Stimme:
„Fragen Sie nicht weiter, gnädigste Kaiserin." „Um des Herrgottswillen, ich bitte Euch, flehe Euch, befehle Euch, redet Doctor und sagt mir, was Euer Auge in der Zukunft gelesen, ich ertrage die Angst nicht länger!"
Zitternd preßte sie den Arm des nächtlichen Gastes, der nach einer abermaligen kurzen Pause endlich dumpf entgegnete:
„Eurer Tochter, Majestät, ist ein schweres Geschick beschieden,' dessen Ende mein Auge heute noch nicht absehen kann; vergönnt mir Zeit und ich kehre wieder." — —---------
(Schluß folgt).
Redaktion; A. Scheyda. — Druck und B erlag der Brühl'scheu Druckerei Er. Ehr. Pietsch) m Aießeu,


