Ausgabe 
23.11.1886
 
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Würden Sie ihn wiedererkennen?" fragte der Staatsanwalt weiter.

Ich denke wohl, das Gesicht steht mir noch ganz deutlich vor Augen."

Rufen Sie es sich zuweilen in'S Gedächtniß zurück, Herr Henning, wollen Sie?"

Der Staatsanwalt erhob sich bei diesen Worten und reichte dem sich ebenfalls erhebenden Hutmacher freundlich die Hand zum Abschied.

Das soll geschehen, Herr Staatsanwalt!" ver­setzte Henning, freudig seine Hand in die des ge. fürchteten Beamten legend, welcher ihm lächelnd eine gute Nacht wünschte.

Draußen auf der Straße blieb der junge Mann stehen, schaute sich das Hau» an und schüttelte ver­wundert den Kopf.

Wer hätte das gedacht?" murmelte er ernst, ist ja ein ganz netter Herr, dieser Staatsanwalt na, na soll man doch eigentlich sagen, was eine Sache ist; ich fürchte mich auch nicht ein Bischen mehr davor! War er wohl mit dem feinen Herrn vorhat?"

Die angeborene Neugierde peinigte ihn dergestalt, daß er sein Gedächtniß übermäßig anstrengte, um sich jene« vornehmen Herrn so genau als möglich zu erinnern, und er glaubte ihn endlich unter Tausenden erkennen zu können.

"Könnte auch mal zu Möllers gehen", dachte er dann plötzlich, und schlug ohne Zaudern den Weg nach derGoldenen Traube" ein, wo e» heute Abend nicht so lebhaft war als gestern.^

Er warf einen Blick in die Gaststube und lenkte dann, als er den Wirth nicht sah, seine Schritte nach der bekannten Stube, wo er durch die nur angelehnte Thüre eine fremde Männerstimme ver­nahm.

Soll ich da» Kind hereinholen, gnädiger Herr?" hörte er den Wirth jetzt fragen.

Nein, lasten Sie, ich kann die Kleine von hier ganz gut beobachten", erwiderte die fremde Stimme ein reizendes Kind, Sie haben es also adoptirt, und wollen es wirklich behalten?"

Gewiß, meine Frau giebt es um keinen Preis wieder her, es soll gar nicht wissen, daß es einen Rabenvater vielleicht noch hat. Na, der Kerl sollte uns bloß kommen."

Möller machte eine drohende Bewegung mit der geballten Faust, welche dem Fremden ein Lächeln entlockte.

Sie' haben damit ein gutes Werk gethan", sagte derselbe,ich hatte mir damals vorgenommen, mich später davon zu überzeugen, weil ich an einen solchen Edelmuth nicht glaubte. Nun aber muß ich die Segel streichen und möchte Ihnen eine Summe zur Beihilfe anbieten."

Er zog bei diesen Worten seine Brieftasche hervor.

Lassen Sie das, mein Herr I" rief Möller etwas barsch, wir haben genug für da» «Kind und

lassen uns nichts schenken; es ist ja ganz nett von Ihnen, aber im Uebrigen sollen Sie bedankt sein." Der junge Hutmacher hörte vor der angelehnten Thür diese Unterhaltung an und seine Neugierde trieb ihn jetzt unwiderstehlich zum Eintreten, um den Fremden, der sich so sehr für die kleine Vera interessirte, von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

Er klopfte also und trat ein, prallte aber vor Ueberraschung zurück, als er seine scharfen, neu« gierigen Augen auf den Herrn richtete, der einen gieichgiltigen Blick auf ihn warf, dem Wirth herab­lassend zunickte und, mit einer abwehrenden Hand- bewegung gegen Möller, der ihn begleiten wollte, die Stube verließ.

Henning sah ihm erregt nach.

(Fortsetzung folgt).

Zwei Urkunden.

Erzühlung aus dem Leben einer Kaisertochter.

Es war am 16. April des Jahres 1770. Vor der kaiserlichen Hofburg 'in Wien wogte eine unge­heuere Menfchenmenge auf und nieder, sichtlich be­wegt von Neugierde und freudiger Theilnahme an einem Ereignisse, das sich btoben in der Kaiserburg abspielte. Galakutschen in großer Zahl brachten reichgekleidete Herren und Damen jeden Alters zu dem Hauptportale, unter dessen Bogen deutsche und ungarische Wachen in ehrfurchtsvoller, Stellung harrten, während die große Treppe, die zu den kaiserlichen Gemächern hinaufführte, von den hohen Beamten des Hofes der Kaiserin Maria Theresia besetzt war. Oben in den prächtigen Sälen, in einem Meer von Licht und Juwelenstrahlen, wogte schon eine glänzende Gesellschaft, bestehend aus den höchsten Kreisen des Reiches. Eben hatte die sechste Stunde geschlagen, als mit schnaubenden Rossen eine besonders kostbare Equipage vor dem Portale anfuhr. In überaus reichem rothsammtnem Hof­kleide, der Agraffen die Knieehosen, die Schuhschnallen und Knöpfe des Rockes wie den Degen in Brillanten erstrahlend, so entstieg dem Wagen ein Cavalier, welchen die Officiere alsbald mit tiefer, äußerst ceremonieller Verbeugung hinauf in den Empfangs« saal geleiteten.

Se. Excellenz, der Herr Marquis de Durfourt Gesandter Sr. Allerheiligsten Majestät des Königs Ludwig XV. von Frankreich!" tönte es durch den Saal, deffen an entgegengesetzter Thüre im gleichen Augenblicke der Ruf des Herolds erscholl:Ihre Majestät die Kaiserin Königin! Der Kaiser!"

Maria Theresia, gestützt auf den Arm ihre» Sohnes Joseph II. erschien, gefolgt von der ganzen kaiserlichen Familie. Einen Augenblick trat tiefe Stille ein, sodann vernahm man eine kürzere Ant­wort der Kaiserin, welche sich sodann seitlich wandte, um die Hand eine» jungen Mädchen» zu ergreifen.