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Ziemlich lange währte es, bis die Geschworenen zurückkamen. Nicht die Schuldfrage der Frau Kirchner hatte denselben zu Erörterungen Veranlassung gegeben, sondern die Schuldfrage des Mannes und auch noch nach den Ausführungen des Obmannes hatten sich die Ansichten der Geschworenen nicht ge­klärt, denn non denselben hatten sieben die Schuld­frage des Lehrers Kirchner bejaht und fünf dieselbe verneint, während für seine Frau nur eine Stimme sür unschuldig gewesen.

Nach den bestehenden Gesetzen mußte der Staats­anwalt auf lebenslängliche Zuchthausstrafe für Frau Kirchner antragen, während Kirchner selbst durch den Wahrspruch der Geschworenen als frei erklärt wurde.

Der Gerichtshof erkannte auf zwanzig Jahre Zuchthaus.

Großer Gott im Himmel!" rief Frau Kirchner mit theatralischem Pathos, als ihr die Straffest, setzung des Gerichtshofes bekannt gegeben wurde, ich bin unschuldig."

Unterstützt von den Gerichtsdienern wurde die Schwankende aus dem Saale geleitet, während sich die Gallerien des Schwurgerichtssitzungssaales durch die anderen Thüren leerten.

VII.

Ci« Sonntag.

Der Rohbau des Eichhart'schen Hauses ging rasch seiner Vollendung entgegen, so daß derselbe noch vor Beginn des Winters fertig dastand. Den Ab­schluß des Rohbaues bildete das Auflegen des Daches. Auch diese Arbeiten waren beendet.

Im goldenen Ringe herrschte reges freudiges Leben, denn sämmtliche an dem Bau betheiligt ge- wesenen Arbeiter feierten heute die Beendigung der Arbeiten durch ein solennes Bierfest, welches der Hausherr gab. Da die Mitte des Decembers be­reits passtrt war, so drängten sich die Arbeiter in die große Kutscherstube und brachten die verschiedenen Gesundheiten auf ihre Meister und den Festgeber aus. Auch die Wirthin erschien ab und zu und wußte durch einige freundliche hingeworfene Worte die Gäste zu erfreuen.

Es hat alles fein Gutes!" sagte Meister Eich- hart zu der Wirthin, als diese zu ihm getreten war. Als ich im Sommer abbrannte, glaubte ich, es sei ein Unglück für mich und sitzt, wenn ich das schmucke neue Haus betrachte, freue ich mich aus dem Grund meiner Seele. Daß Kirchners solche Verbrechen begehen konnten, das ist mir allerdings heute noch ein Räthsel."

Mir nicht. Art läßt nicht von Art. Der Alte war ein Brandstifter, und die Tochter ist in seine Fußtapfen getreten. Hätten Sie mir damals ge- folgt, so stünde Ihr Haus heute noch."

Na, wissen Sie, Frau Bester, schade war es nicht um die alte Hütte, allein deswegen billige ich noch keineswegs die ehrlose Handlung. Ich möchte nur wiffen, was Kirchner jetzt treibt? '.

Darüber kann ich Ihnen Auskunft geben. Sie wissen doch, daß unser erster Hausknecht sich selbst, ständig machen wollte. Er hatte sich hier bei uns einige Thaler gespart und wir haben ihm auch noch 500 Thaler zum Anfang geborgt. Mein Mann wollte ursprünglich dar Geld nicht hergeben. Mein Mann! Herr Eichhart. Denken Sie nur. Er wollte mir opponiren, aber da habe ich ihm vorgehalten, was er denn eigentlich gehabt, und daß, wenn ich nicht gewesen wäre, er heute vielleicht noch mit zer­rissenen Strümpfen auf der Straße wandern müsse. Das zog. Unser Ernst erhielt das Geld und hat damit in der Residenz eine ganze hübsche Restauration erworben. Ich habe ihm die erste Einrichtung be- sorgt und fahre auch ab und zu hin, um nachzu- sehen, ob Alles in Ordnung ist. Bei diesem habe ich nun erfahren, daß Kirchner vom Staate einst­weilen auf Wartegeld gesetzt ist, d. h. nur auf ein Jahr. Man konnte ihm doch unmöglich eine Lehrer- stelle wieder anvertrauen, nachdem er wegen mangelnder Beweise" wie der Herr Amtsrichter immer sagt, und durch die Zaghaftigkeit der Ge­schworenen sreigesprochen ist. Man wird ihm aber nächstens auch dieses Geld entziehen"'

Elchhart schüttelte mit dem Kopf.

So weit kann es kommen, wenn man den Pfad der Redlichkeit verläßt", sagte er. Was ist denn aus dem Kinde geworden?"

Das ist gleich, nachdem Kirchner nach der Residenz gekommen ist, gestorben. Wer weiß auf welche Weise."

Nein, nein, Frau Bester", protestirte der Böttchermeister.So was thut Kirchner nicht. Sie haben einen grenzenlosen Haß auf den Menschen, der ihr Urtheil trübt."

Und Sie möchten den Burschen immer über­helfen", entgegnete die Wirthin schnippisch, als sie sich von dem Sprecher abwandtr und weiter ging.

Nicht mehr als recht ist", entgegnete dieser. Dann trank er einen derben Zug.

Die alles erwärmende Frühlingssonne hatte den letzten Rest des Schnees und der Feuchtigkeit von der Erdoberfläche gesogen und diese selbst prangte heute in dem neuen Frühlingskleide, da« wie ein Brautgewand über die jungfräuliche Flur gebreitet war. Von den Kirchthürmen der Stadt riefen die Glocken die Beter zum Gotteshause, während ein anderer Theil der Spaziergänger Erholung in dem großen Tempel der Natur, den die ewigwährende, allwaltende Schöpferkraft des großen Ostens uner­müdlich von Neuem hergestellt, wenn der Winter in seinem Todesschlaf besiegt ist, suchte.

Kirchner, der von seinem knapp bemessenen Wartegeld in der Residenz nicht leben konnte, hatte Beschäftigung bei verschiedenen Verlagsbuchhandlungen gesucht, um aus dem Ertrage literarischer Arbeiten das Fehlende zu ergänzen. In der ersten Zeit hatte man seins Arbeiten gern genommen, da er eine ge-