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wandte Feder schrieb, als man jedoch in Erfahrung gebracht, unter welchen eigenthümlichen Umständen er von der Anklage freigesprochen sei, erkaltete das Interesse an dem strebenden Mann und man suchte sich seiner so viel als möglich zu entledigen.
Man brauchte es Kirchner nicht offen ins Gesicht zu sagen, welche Gründe für die Zurückweisung seiner Arbeiten maßgebend gewesen waren, er fühlte es heraus und gerade diese Verachtung nagte am stärksten an seinem Innern. Da der Staat ihm den Genuß seines Wartegeldes nur ausnahmsweise in der Residenz gestattet hatte, so konnte er sich von hier au» auch nicht wegwmden, denn in jeder anderen Stadt wäre ihm dasselbe sofort entzogen worden. Mehrmals war er entschlossen, trotzdem die Stadt zu meiden und sich ein Operationsfeld in einer anderen größeren Stadt zu suchen, wo er unbekannt schaffen konnte. Unbekannt? Konnte nicht überall hin ihm der Ruf folgen, den er hier genoß und war er dann nicht noch schlimmer daran?
Diese Gedanken peinigten ihn auch heute, als er seine kleine Wohnung in der engen Straße der Stadt verlaffen und träumerisch auf einem abgelegenen Waldwege durch den Hain wandelte.
Und wer trug an all dem Unglück die Schuld?
War er es nicht gewesen, der in jugendlichem Uebermuth die schöne aber arme Putzmacherin der reichen Wirthstochter vorgezogen? Hätte er der Letzteren die Hand zum Ehebunde gereicht, so saß er vielleicht heute als angesehener Mann mit Amt und Würden überhäuft noch in der kleinen Stadt. Und jetzt? Die gezogene Parallele machte ihn frösteln.
„Alice!"
Da« Wort stahl sich in einem Gemisch von Vorwurf und gleichzeitig aber noch nicht ganz erloschener Liebe über seine Lippen. Es war eine Thorheit von ihm gewesen, die Arme trotz ihrer Vergangenheit, die über lang oder kurz doch bekannt werden konnte, in eine Stellung zu bringen, die für ihn verderblich werden mußte. Heute sah er es ein oder suchte es sich wenigstens einzureden. Welcher Herzeleid hatte sie über ihn gebracht! Rur ein gestörtes Geistesleben oder die Verzweiflung konnte sie zu dem entsetzlichen Schritte getrieben haben. Er nahm das Erstere an, dann konnte es nicht möglich fein, daß die Neigung des Vaters auf das Kind übergegangen war. Die Geschichte der Irren weist tausende ähnlicher Beispiele auf.
Kirchner war während dieser Zeit aus dem Walde herausgetreten. Die Gegend präsentirte sich gerade von diesem Punkte aus in ihrer ganzen im« ponirenden Schönheit. Die Lerchen stiegen zum Himmel auf und verloren sich zwitschernd und trillernd im blauen Aether; der lustige Sängerkreis des Waldes war erwacht und intonirte seine Melodien mit jener Wärme, die jeder Menschenbrust das Herz höher schlagen machen, wenn sie nach längerer Pause wieder an das Ohr dringen.
Kirchner hörte dies alles nicht, auch dec Zauber der erwachten Natur übte auf ihn keinen Reiz aus. Mit sich und der Welt zerfallen lenkte er mechanisch seine Schritte vorwärts, bis sie plötzlich durch ein Hinderniß am Weitervordringen gehemmt wurden.
(Fortsetzung folgt-)
Der verunglückte Auerfiaßnöakz.
(Waidmännische Humoreske).
Im freundlichen Gärtchen der Försterwohnung des Schlosses Heinrichsthal faßen an einem prächtigen Apriltage — der Frühling war überhaupt sehr zeitig und mit großer Fülle gekommen — drei Männer an dem runden Gartentischs. Der eine von ihnen, der alte Förster Hennig, qualmte sehr behaglich aus einer schönen Ulmer Pfeife und trank dazu von Zeit zu Zeit aus dem vor ihm stehenden, mit schäumendem Biere gefüllten Deckelglase. Die beiden anderen waren der ebenfalls schon in vorgerückten Jahren stehende Schloßverwalter Seltmann und der Lehrer Bergner aus Rockerode, einem etwa zwei Stunden von Heinrichsthal entfernten Dorfe. Bergner, ein Verwandter des Schloßverwalters, befand sich seit Kurzem in Rockerode und hatte einmal einen freien Nachmittag und das herrliche Wetter dazu benutzt, dem Onkel Schloßverwalter in Heinrichsthal einen Besuch abzustatten.
Einige Schritte vom Tische entfernt, saß Matthias, da» Factotum des Försters, ein Bursche von 21 Jahren, auf einem Gartenstuhle und horchte mit seinem dumm-psisfigen Gesichte auf das Gespräch der Männer hin. Dasselbe betraf eben die Schloßherrschaft und der Verwalter meinte:
„Ja, die gnädigen Herrschaften beabsichtigen, sich demnächst zur Frühjahrscur nach Baden-Baden zu begeben, nur möchten der Herr Graf sen. zuvor noch einen Auerhahn schießen . . .!"
„O je' an' Auerhahn!" siel hierbei Mathias, sich hinter dem Ohre kratzend, dem Herrn Schloß- vermalter recht respectwidrig in die Rede, dieser sah indessen den jungen Menschen nur mit einem komischen Seitenblick an, während der Förster sagte:
„Matthias, wollt Ihr vielleicht den Herrn Grafen auf die Balz begleiten?"
Matthias erwiderte jedoch gar nichts, sondern vergrub den dicken Kopf in die beiden mächtigen Fäuste und nur eine Art Brummen klang, gewissermaßen als Antwort, zu der Trias an dem Tische hinüber.
Ein neckisches Lächeln, das dem faltendurchfurchten Antlitze des alten Waidmanns gar wunderschön stand, überflog das letztere und vergnügt zu Matthias hinüberblinzelnd, sagte er in einem drolligtrockenen Tone:
„Gelt, Matthias, Ihr denkt an die vertrackte Auerhahnbalz im vorigen Jahrs, wo wir Beide durch Eure Duselei so schön in Teufels Küche ge« rierhen — na, im Grunde genommen war ich der Hauptschuldige, da ich doch den ganzen Streich erst ausgeheckt hatte —"


