Ausgabe 
23.10.1886
 
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Hichener Jamilienölälier.

Belletristische« Beiblatt Mm Gießener KHSigsr,

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M. 125 Samsstag den 23. October. L38A

Die Brandstifterin.

Criminal-Novelle von Andrt Hug».

(Fortsetzung).

So viel Besinnung hatten Sie aber, die hier vor Ihnen liegenden Gegenstände zu versetzen und mit dem Gelds es waren acht Thaler davon zu eilen, als hätten Sie ein Verbrechen begangen. Eine Woche später kamen Sie zum zweiten Male dorthin und versetzten die andere Hälfte um sieben Thaler."

Ich?" fuhr Frau Kirchner auf.Ich habe nie etwas zum Versatz nach der Residenz gebracht."

Frau Kirchner, es liegt in ihrem eigenen Interesse, Ihre Lage nicht zu verschlimmern. Geben Sie der Wahrheit die Ehre und legen Sie lieber ein reu- müthiges Geständniß ab, denn nur dieses allein ver­mag Ihnen angesichts Ihrer Lage eine Milderung bei Bemessung des Strafmaßes zu bringen.

Neinl" rief Frau Kirchner erregt, ich habe diese Gegenstände nicht versetzt."

Die Riickkaufhändlerin Spengler I" befahl der Präsident.

Der Gerichtsdiener führte die Gerufene vor den Zeugentisch.

Nach Erledigung der Personalsragen wendete sich der Präsident mit den Worten:Kennen Sie die hiersttzende Angeklagte?" an die Erschienene.

Die Gefragte betrachtete die Angeklagte einige Minuten, dann sagte sie:

Herr Präsident, es verkehren bei unser Einem so viel Leute, daß man sich auf jede einzelne Frauen­person nicht mehr so leicht besinnen kann. Die­jenige, welche die hier liegenden Sachen bei mir versetzt hat, ist zwar zweimal bei mir gewesen, allein ich habe dieselbe nicht weiter erkennen können, da sie tief verschleiert kam. Sie gab vor, Putzmacherin zu sein und wollte in dem Köhler'schen Putzgeschäft in Condition stehen. Aus diesem Geschäft sind mir öfters Waarenposten zum Versatz gegeben worden und habe ich es auch diesmal nicht beanstandet. Bei der schlechten Zeit kann es jedem einmal passiren, daß man in Verlegenheit kommt. Gottl wenn Sie wüßten, was die alte Spenglern in dieser Beziehung weiß.....

Um den Redefluß der gesprächigen Alten in's richtige Geleise zu lenken, mußte sie der Präsident unterbrechen und Sie darauf aufmerksam machen, daß sie zur Sache spräche.

Diese versprach es-

Können Sie sich der Zeit noch genau erinnern, wann dies geschehen?'

Das erste Mal war es an dem Tage, an dem alles ins Theater stürmte, um die Patti zu hören, das zweite Mal war es einige Tage später, doch muß hierüber das Datum auf meinen Pfandscheinen angegeben sein."

Der Präsident notirte sich einige Sätze.

Wie war die Person, die damals bei Ihnen versetzte, gekleidet?" srug der Präsident weiter.

Sje hatte beide Male einen Hellen Regenmantel an, ein Barret mit einem Federstutze auf dem Kopf und ließ das zweite Mal einen Regenschirm stehen. Bei meiner Vernehmung in der Residenz hatte ich die Angabe über den Regenschirm ganz vergessen. Heute habe ich denselben gleich mitgebracht."

Auf Befehl des Präsidenten wurde der Schirm herbeigeholt.

Auf dem Schirme befanden sich die Buchstaben | A. H. eingravirt. Kennen Sie den Schirm?" j tönten die Worte vom Präsidententisch herüber.

Frau Kirchner begann es vor den Augen zu dunkeln, eine unnennbare Gewalt schien sich ihrer zu bemächtigen, denn auf den ersten Blick hatte sie ihren eigenen Schirm erkannt.

Wie konnte sie diese Bemesse entkräften? Wort- ; los brach sie auf der Anklagebank zusammen.

Als sie wieder zum Bewußtsein gelangt war, \ beantwortete sie die weiter an sie gestellten Fragen 1 meistentheils verneinend.

lieber den Unbekannten, der erschlagen auf dem Boden des Vester'schen Gehöftes gefunden worden war, konnte auch gar nichts ermittelt werden- Der Obductionsbefund bestätigte im Wesentlichen alle die bereits bekannten Punkte.

Nachdem der Präsident das Resunw der Anklage abgegeben und das Plaidoper des Rechtsanwaltes stattgefunden hatte, begann der Staatsanwalt seine Rede, indem er vom Schiller'schen Wort:Das eben ist der Fluch der bösen That, daß sie, fort- zeugend, Böses muß gebären" ausging und schilderte, wie bereits vor kurzer Zeit ein ähnliches Verbrechen wie das vorliegende verübt worden sei. Leider habe man damals nicht Anhaltspunkte genug zur Auf­rechthaltung einer Klage gefunden, während sich f diesmal die Judicien geradezu gehaust hätten. In i allen Einzelheiten schilderte er nunmehr die Aufein« ! anderfolge der Details und bewies aus dem cor# t handenen Material den Zusammenhang. Er beim» l tragte ein Schuldig bei den Geschworenen über Beide aurzusprechen.