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Ster Referendar folgte ihm. Sie waren in dem Privatzimmer des Richters ungestört.
„Eine seltsame Geschichte ist es immerhin", sagte Rommel, nachdem ste Platz genommen hatten; „aber haben Sie noch nicht daran gedacht, daß es sich hier um zwei Todte handeln könne? Derjenige, den der rothe Fritz gefunden hat, ist verschwunden, und der, welcher später gefunden wurde, war eine ganz andere Person."
„Diese Lösung ist doch etwas zu gewagt —"
„Keineswegs, Herr Rath, sie ist die einfachste und natürlichste Lösung, die man unter den obwaltenden Verhältniffen sich denken kann."
„Der Todte, den der Angeklagte fand, war Hermann von Salberg, und diesen hat man in Wiesenthal beerdigt."
„Könnte dabei nicht eine Verwechselung vorgefallen sein?"
Der Richter blickte ihn starr an, dann schüttelte er ablehnend das Haupt.
„Sie scheinen doch Manches zu übersehen", sagte er; „in dem Portefeuille des später entdeckten Todten hat man Visitenkarten und Börse mit der Adreffe Salberg's gefunden, also kann hier ein Zweifel nicht obwalten."
„Und die Verwechselung der Waffen?"
„Ja, liebster College, ich finde dafür keine Erklärung; aber Ihre Vermuthung erscheint mir auch zu unwahrscheinlich, als daß ich ihr beipflichten könnte. Wo soll denn der erste Todte geblieben sein?"
„Ist es denn ganz unmöglich, daß er nur schwer verwundet war, und daß der Oberförster ihn gefunden und gerettet hat?"
„Hm, weshalb aber hätte in diesem Falle der Gerettete spurlos verschwinden müffen?"
„Vielleicht giebt es auch dafür eine Erklärung", sagte der Referendar gedankenvoll. „Aus den Gründen, die Salberg in den Tod getrieben haben, wird von Denen, die sie kennen, ein Geheimniß gemacht; diese Gründe können ihn nach seiner Rettung gezwungen haben, zu verschwinden."
„Das ist Alles so haltlos, daß man gar nicht näher darauf eingehen kann", sagte der Richter achselzuckend. „Der Tod Salberg's ist durch den Inhalt des Portefeuilles bewiesen; man hat die Leiche beerdigt und damit ist diese Geschichte abgemacht. Was man sitzt noch von Verwechslung, spurlosem Verschwinden und anderen rätselhaften Dingen fabuliren will, das ist nach meiner lieber» zeugung dummes Zeug. Geben Sie Acht, die Geschichte wird sich in der natürlichsten Weise aufklären ; mir will die ganze Geheimnißkrämerei dieses Vagabunden nicht behagen."
„Der Oberförster muß verhört werden I"
„Natürlich", nickte der Gerichtsrath. „Ich habe ihn bereits vorgeladen."
„Und würden Sie mir gestatten, vorher mit ihm
über die Aussagen des rothen Fritz Rücksprache zu nehmen?"
„Hm, im Allgemeinen sehe ich das nicht gerne, der Zeuge glaubt, er solle beeinflußt werden, und die Untersuchung wird dadurch häufig erschwert; indessen hier will ich eine Ausnahme gelten lassen und es sollte mir lieb sein, wenn es Ihnen gelingt, die Sache klarzulegen."
„Ich werde mein Möglichstes thun, um diesen Zweck zu erreichen", sagte der Referendar kühl, indem er sich erhob; „der Oberförster muß es ja auch in seinem Interesse finden, uns reinen Wein einzuschenken."
„Und dann werden wir zu der Erkenntniß kommen, daß wir uns mit diesem Burschen mehr Mühe gegeben haben, als die ganze Geschichte werth ist", erwiderte der Gerichtsrath in geringschätzendem Tone.
Damit war die Unterredung beendigt. Die beiden Herren kehrten in das Bureau zurück, um die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen.
19. Capitel.
Dämon Hatz.
Zum letzten Male in dieser Saison sollte heute Abend Beethoven's „Fidelio" ausgeführt werden, und da die Parthie der Leonore in dieser Oper eine Glanzrolle der Signora Barlotti war, so durfte man wohl mit Sicherheit darauf rechnen, daß das Haus ausverkauft murde.
Es war dem Referendar nur mit vieler Mühe gelungen, für seine Damen noch einige Sperrsitzplätze zu erobern; er selbst und Maiwind mußten mit einer oberen Prosceniumsloge vorlieb nehmen, deren Raum sehr beschränkt war.
Sie hatten kaum hier Platz genommen, als auch der Landrath Ackermann eintrat.
Hinter ihnen war noch ein Sitz frei; der Landrath nahm ihn ein und grüßte die beiden Herren mit kühler Höflichkeit.
„Wie kommt mir solcher Glanz in meine Hütte?" brummte Maiwind ärgerlich. „Ich könnte besser einen Bessern missen!"
„Du hast nun einmal die Antipathie!" flüsterte der Referendar ironisch.
„Wird die Barlotti heute zum letzten Male auftreten ?" fragte der Landrath, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, daß die Ouvertüre bereits begonnen hatte.
„Signora Barlotti?" erwiderte Rommel, den der geringschätzende Ton ärgerte, in dem Ackermann diese Frage gestellt hatte. „Die Leonore singt sie heute zum letzten Male —"
„Die Leonore, wie Beethoven sie gezeichnet hat, ist das Ideal eines treuen Frauenherzens; solche Rollen sollte eine Barlotti nicht übernehmen."
Der Referendar blickte ihn starr an, Zorn und Entrüstung blitzten aus seinen Augen.


