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hatte in der Hand des Todten, wie ich schon sagte, i ein werthvolles Pistol gesehen, und nun sagte man mir, ein ganz gewöhnlicher, schlechter Revolver habe neben der Leiche gelegen. Und das Pistol sah ich später im Zimmer des Oberförsters an der Wand hängen. Auf meine Frage hat er mir nicht geantwortet; er meinte nur, es sei bester, wenn ich nach Amerika zurückkehre, und der unheimliche Oberst, der damals in Wiesenthal war, meinte das auch und warnte mich davor, den Oberförster anzuklagen. Die Beiden wollten mir das nöthigs Reisegeld geben und auch drüben mir weiter helfen — und nun frage ich, aus welchem Grunde haben sie j mir das angeboten? Liegt denn darin nicht der Beweis, daß Herr von Reizenstein meine Anklage fürchtet? Weshalb hat er derzeit die Leiche an einen andern Ort geschleppt und statt dem Pistol den Revolver hingelegt? Fürchtet er vielleicht, daß man ihn fragen könne, wo Uhr und Börse des Todten geblieben seien? — Wenn er diese Furcht hegte, dann hatte er kein reines Gewissen. Einen Hacken hat die Sache jedenfalls — wenn man ihn nur zu finden wüßte."
Der Untersuchungsrichter blickte den Referendar fragend an; er stand jetzt selbst vor einem Räthsel, das er trotz seines Scharfsinns so rasch nicht zu lösen vermochte.
„Das ist eine seltsame Geschichte", sagte er, bedenklich das Haupt wiegend. „Was halten Sie davon? — Sind Sie geneigt, ihr Glauben zu schenken?"
„Unter gewissen Voraussetzungen — ja!" erwiderte Rommel, ungeduldig an seiner Brille rückend. „Ich glaube sogar, jetzt den Schlüssel gefunden zu haben, der alle diese Räthsel lösen kann. Aber darüber möchte ich später mit Ihnen reden. Er« lauben Sie mir, daß ich jetzt noch einige Fragen an den Angeklagten richte? — Seid Ihr fest überzeugt, daß der Mann, den Ihr fandet, tobt war?"
„Mausetodt!" nickte der rothe Fritz.
„In welcher Weise habt Ihr Euch davon überzeugt?"
„Er athmete nicht mehr."
„Er kann nur ohnmächtig gewesen sein."
„Nein, nein — ich bin meiner Sache sicher. Die Kugel saß in der Brust. Und gesetzt, er wäre noch nicht tobt gewesen, so war er doch so schwer verwundet, daß er nicht mehr gerettet werden konnte. Daran ist aber gar nicht zu denken, daß er mit diesem Schuß in der Brust sich hätte erheben und fortbewegen können."
„Trug der Todts einen hellgrauen Paletot?" „Jawohl, hellgrau."
„Und die Taschen dieses Paletots habt Ihr nicht durchsucht?"
„Nein."
„Erinnert Ihr Euch nicht, einen ober zwei Tage früher — sagen wir, an demselben Tage, an dem Ihr den Paß fandet — ebenfalls einen Schuß gehört zu haben?"
Der Vagabund schüttelte verneinend das Haupt.
„Im Walde knallt's oft", erwiderte er; „wie soll man sich da nach zehn Jahren noch jedes einzelnen Schusses erinnern können!"
„Kennt Ihr die Stelle, auf der später die Leiche gefunden wurde?"
„Gewiß!"
„Wart Ihr dort oft?"
„So sehr oft nicht — sie liegt zu weit von allen Wegen ab; aber ich bin doch dann und wann hingekommen."
„Wart Ihr in jenen Tagen auch dort?"
„Nein — das weiß ich noch mit voller Bestimmtheit."
„Und weßhalb habt Ihr nicht schon vor Wochen uns diese Mittheilungen gemacht?"
„Ja, was konnte ich damals sagen? Ich wußte ja selbst nicht, was ich von der Geschichte halten sollte, und mußte vor allen Dingen mich danach erkundigen."
„Und auch dann wolltet Ihr noch nicht reden!"
„Weil ich voraussah, daß man mir nicht glauben würde. Sie mögen nun halten davon, was Sie wollen — ich habe Ihnen die volle Wahrheit gesagt und Nichts davon, noch dazu gethan."
„Wie aber wollt Ihr beweisen, daß der Oberförster damals die Leiche verschwinden ließ? In Euren Aussagen finde ich dafür gar keinen Beweis."
„Ich sagte ja schon, daß die Spuren bis zu feinem Hause führten, wenn man einmal aufmerksam auf sie geworden war, konnte man sie deutlich verfolgen."
„Außer Euch hat Niemand diese Spuren gesehen !"
„Dann frage ich, wie ist das Pistol in den Besitz des Oberförsters gekommen?"
„(Siebt es dafür nicht auch eine einfache und natürliche Erklärung?" erwiderte der Referendar, ihn scharf anblickend. „Kann Herr von Reizenstein nicht später diese Waffe im Walde gesunden haben?"
„Und wie wäre dann der Revolver neben die Leiche gekommen?" fragte der rothe Fritz in triumphirendem Tone. „Ich hab' dasselbe Pistol in der Hand des Todten gesehen; es hängt jetzt bei den Waffen des Oberförsters."
„Ich bin fertig", wandte Rommel sich zu seinem Collegen.
Der Untersuchungsrichter ließ das Protokoll vor- leseu. Nachdem der rothe Fritz es unterzeichnet hatte, wurde er ins Gefängniß zurückgeführt. »
„Von welcher Seite man auch diese Geschichte betrachten mag, sie bleibt immer räthselhaft", sagte der Gerichtsrath.
„Ich möchte unter vier Augen mit Ihnen darüber reden", erwiderte Rommel mit erzwungener Ruhe.
„Dann wollen wir in mein Privatkabinet gehen; ich bin neugierig, welche Lösung Sir gefunden zu j haben glauben."


