Hießener Jamilienblälter.
Bekeiriftilches BeidiM MW Gießener KuMM.
1386.
Donnerstag den 23 September.
Nr. 112
Saat und Krnte. |
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Einen Paß hatte ich nun", fuhr er fort, „aber ohne Geld konnte ich die Reise nicht machen, und ich wußte nicht, woher ich es nehmen sollte. Wenn es mir auch gelang, mich bis nach Hamburg durchzubetteln, so fehlte mir doch noch immer das Geld für die Seereise. Eines Tages lag ich wieder im Walde unter den Bäumen und dachte darüber nach, was ich nun anfangen solle. Da fiel plötzlich in meiner Nähe ein Schuß, ich sprang auf und näherte mich vorsichtig der Stelle, aber nie in meinem Leben bin ich so erschrocken gewesen, wie in jenem Augenblick. Vor mir auf dem Moos lag ein junger, schöner Herr, mit einer Kugel in der Brust. Er hatte die Augen geschloffen, und aus seiner Kleidung konnte ich erkennen, daß er ein vornehmer Herr war. Das Pistol, mit dem er sich erschossen hatte, hielt er noch in der Hand, und als ich mich bückte, um die schöne Waffe zu betrachten, las ich auf einem silbernen Plättchen den Namen von „Salberg." Nun hätte ich ins Dorf eilen und Lärm machen können; aber ich that das aus verschiedenen Gründen nicht. Erstens hatte ich selbst gar keinen Vortheil davon, und zweitens konnte ich in Ungelegenheit kommen. Wenn bei dem Todten kein Geld gefunden wurde, so konnte man behaupten, ich hätte es gestohlen, ja, er war sogar möglich, daß man mich beschuldigte, den Fremden ermordet zu haben. Wenn man ein armer Schlucker ist und dabei schon einmal im Gefängniß gesessen hat, dann muß man sich hüten, die Nase in jede zweifelhafte Geschichte hin- einzustecken; man kann dadurch zu Schaden kommen. Ich that also, was mancher Andere auch gethan haben würde, ich durchsuchte die Taschen des Todten und fand einen wohlgefüllten Geldbeutel. Na, wenn ich nun der Versuchung nicht widerstehen konnte, wer will mir das verargen? Mit diesem Gelbe konnte ich die Reise machen; der Tobte brauchte es nicht mehr. Fand die Ortsbehörde es, so behielt sie es, um die Begräbnißkosten zu bestreiten. Zeit zu langem Ueberlegen blieb mir auch nicht; ich schob die Börse in meine Tasche und nahm nun auch die goldene Uhr und den schweren Ring. Damit eilte ich in den Wald zurück. Das Geld betrug etwas über hundert Thaler, damit kam ich aus, und nun wollte ich Uhr und Ring zurückbringen. Auch das dürfen Sie mir glauben, Herr Richter, ich wollte
nur das nehmen, was ich zur Reise nöthig hatte. Darüber, bis ich zu diesem Entschluß gekommen war, konnte eine Stunde verstrichen sein, und als ich nun an den Ort zurückkehrte, fand ich die Leiche nicht mehr. Sie war spurlos verschwunden. Ich konnte mir auch nicht denken, daß man sie schon gefunden haben sollte, denn so rasch hätte man sie sicher nicht entfernt, und es wäre jedenfalls eine Wache bei ihr zurückgeblieben. Das Forsthaus lag in der Nähe, und der Oberförster war seit einigen Tagen mit seiner kleinen Tochter und einer alten Magd allein, der jetzige Förster Hellmuth war beurlaubt, und die Forsthüter und Holzhauer befanden sich, wie ich mit Sicherheit wußte, auf der entgegengesetzten Seite des Waldes. Ich konnte mir das Räthsel nicht lösen, aber endlich entdeckte ich doch eine Spur. Tiefe Fußspuren und einzelne Blutstropfen führten zum Forsthause, also konnte nur der Oberförster die Leiche fortgeschleppt haben. Sie werden wohl begreifen, daß ich nicht wagen durste, mir darüber Gewißheit zu verschaffen und überdies wollte ich nun auch nicht länger mehr säumen, meine Reise anzutreten. Uhr und Ring versteckte ich sammt meiner Büchse in dem hohlen Baume, und noch an demselben Tage verließ ich meine Heimath."
Er machte eine Pause und strich mit der Hand über die Stirne, auf der große Schweißtropfen perlten.
„Daß ich drüben nicht fand, was ich suchte, habe ich Ihnen schon gesagt", nahm er wieder das Wort. „Man mußte arbeiten wie eins Pferd und hatte kaum so viel davon, daß man das nackte Leben fristen konnte. Da war's wohl natürlich, daß ich mich nach der Heimath zurücksehnte; hier konnte ich den alten Hausirhandel wieder beginnen, und wenn ich krank und hinfällig wurde, dann war die Gemeinde verpflichtet, mich zu unterstützen. Ja, hätte ich den Empfang, den ich hier fand, voraussehen können, dann wäre ich wohl drüben gebliebenl — Es mußte mich befremden, daß man mir schon im ersten Verhör einen Mord aufbürden wollte, und als ich erfuhr, daß die Leiche erst mehrere Tage nach meiner Abreise im dichten Gestrüpp aufgefunden worden sei, wurde mir die Sache noch unerklärlicher. Die Stelle, auf der ich die Leiche gesunden hatte, wurde täglich begangen; der Oberförster mußte sie jeden Tag mindestens einmal passiren. Wie kam es nun, daß man den Todten erst acht Tage später und noch dazu an einem ganz anderen Orte fand? Ich erkundigte mich daheim näher und erfuhr noch manches Andere, was ich nicht verstehen konnte. Ich


