„Unb bist auch Du sicher, daß Du nicht in der Aufregung — von Furcht geblendet —"
„Was?"
Sie sah ihn angstvoll an.
Er kämpfte einen schweren Kampf mit sich; man sah's ihm an.
„Klara", sagte er dann dumpf und halb erstickt, „weißt Du auch, daß die Spur, die zu der Mordstätte führte, von einem Damensuße hrrzurühren schien, die einzige Fußspur neben der des Er« mordeten?"
Sie wandte das Gesicht ab.
„Ja, ich weiß es, Vater."
„Und Du bist sicher, daß nicht — was inan vermuthet--"
Er stockte.
„Was?" schrie sie angsterfüllt.
„Dein Fuß--?"
„Vater!" Sie taumelte gegen die Wand zurück. „Sagt man, ich sei die Mörderin?" hauchte sie.
„Noch wagt man es nicht offen auszusprechen", entgegnete Etwold, „und wird's auch nie, wenn Du jede Bekanntschaft mit dem Todten und die Begegnung mit ihm leugnest. Thust Du das nicht, dann allerdings —"
„Meinst Du, daß man mich ernstlich verdächtigen könne?"
„Einer wird es sicher."
„Wer?"
„Assessor Soltmann — Ah! Du kennst ihn?" Dies in Folge einer leise zuckenden Bewegung Klaras, als er den Namen nannte.
„Nur oberflächlich", entgegnete sie, „nur von gelegentlichem Sehen."
„Und welchen Eindruck machte er auf Dich?" „O, ich weiß wirklich nicht —"
Sie stockte.
„Gar keinen, kann mir's denken", sprach ärger- üch der Kommerzienrath. „Es erging Dir so wie mir. Ich habe auch diesem Nichts, diesem gesellschaftlichen Niemand nicht die gebührende, oder richtiger gar keine Beachtung geschenkt, und nun verfolgt er mich, verdächtigt Dich —"
„Mich — Herr Soltmann?"
„Zwar nicht direkt, aber mit versteckten Worten, dieser -! Doch was rede ich! Gleichviel. Mag er fern Aergstes thun. Bewahre Dein Geheimniß tief in Deiner Brust und lasse mich statt Deiner sprechen, ^ch habe mich verpflichtet, Dich nach Deiner möglichen Bekanntschaft mit dem Ermordeten zu befragen, man drängte mich dazu; und nun werde ich sagen, daß man sich geirrt, daß die Bewegung, die ^-u an der Leiche machtest, eine rein zufällige des blopen Schreckens war. Das wird den ersten Sturm auf Dich abschlagen. Dennoch darfst Du damit nicht Alles erledigt wähnen. Soltmann ist so schnell nicht abzuweisen. Er wird mir natürlich nicht glauben und entweder bei Gelegenheit Dich selbst ausfragen oder durch seine Spione oder Werkzeuge Dich aus- horchen lassen. Darum hüte Deine Zunge, wo es
auch sei, und wäre es selbst in der feinsten Gesellschaft. Je versteckter die Falle, desto sicherer, daß Jemand hineintappt."
„Unbesorgt, Papa. Mich kümmert er wenig, was man von mir sagt und denkt; wenn's nicht um Deinetwillen wäre."
Etwold starrte seine Tochter mit einem unsicheren Ausdruck an.
„Um meinetwillen? Wie meinst Du dar?" fragte er.
„Nur des Geredes wegen, das entstehen würde, wenn ich sagte, was in dem Brief —"
„Ja so, der Brief", zuckte der Kommerzienrath zusammen. Und halblaut fügte er hinzu: „Wenn ich nur wüßte —"
Nach kurzem Besinnen wandte er sich noch einmal an seine Tochter.
Er dämpfte seine Stimme noch mehr, als er fragte: „Du weißt wohl noch gar nicht, daß Du bei jener Unterredung belauscht worden?"
Er hatte ein heftiges Erschrecken Klara's ver- muthet. Er fand sich getäuscht.
„Ich weiß es", entgegnete sie gelaffen; „aber der mich belauschte, hat allen Grund zu schweigen."
„Ja, denn er war der Mörder."
„Er hat es Dir gestanden?" staunte Klara.
„Nein, man hat es so entdeckt, durch Zufall."
Jetzt erst erschrack Klara. Sie starrte ihren Vater wie irrsinnig an.
„Entdeckt?" hauchte sie.
„Aber zu spät", entgegnete der Kommerzienrath. Der Mörder war selbst schon eine Leiche oder ist doch spurlos verschwunden."
Es war wieder, als wenn sie einen Namen nennen wollte, wie damals an der Leiche. Dann aber glitt ein ungläubiges Lächeln über ihr entstelltes Gesicht und sie blickte ihren Vater fragend, forschend an.
„Von wem sprichst Du denn, Papa?"
„Von wem sonst, als vom rothen Mathies".
Sie athmete auf.
„Ach so, Du kennst die Geschichte noch gar nicht, natürlich! da auch die Unterredung zwischen mir und dem rothen Mathies eine ganz geheime war."
Sie fragte kopfschüttelnd nach dem Inhalt derselben. Ihr Vater erzählte ihr Alles ausführlich.
„Das Verbrechen hat schon seine Sühne gefunden", schloß er seinen Bericht. „Der rothe Mathies ist in dem Kanal ertrunken."
„Und glaubst Du wirklich, daß er der Mörder war?" fragte sie.
„Zweifelst Du daran?"
„Sehr stark."
„Aus welchem Grunde, da doch alle Beweise —"
„Beweise? Was für Beweise?"
„Die Uhr in der Matratze, das Geld von meinem Comptoirtisch, das man in seinem Koffer fand."
„Kann die nicht auch eine andere Hand dort verborgen haben, um den Verdacht auf den rothen Mathies zu lenken, der als Anarchist seit den neu


