Hießener Jamilienblättn.
Belletristischer BeidLstt MW Sießenrr Anzeiger-
Dienstag den 23. März. , 1886.
Ais Ilaffchwünzer.
Crimmal-Roman von Gustav Lössel.
(Fortsetzung).
„Und ich muß reden?"
„Da Du Dich stärker erwiesen, als ich selbst es war, finde ich das Verlangen nicht unbillig. Oder ist Deine Kraft im Sinken? Kannst Du nicht weiter sprechen? Du sagtest selbst, nur das könne Dir Ruhe geben."
Klara führte die Hand' zur Stirn.
„Ja, Du hast Recht", sagte sie. „Es ist schon bester, ich komme gleich zu Ende."
Sie schwieg noch einen Augenblick, wie um ihre Gedanken zu sammeln, während ihr Vater sie heimlich beobachtete.
„Ja so, von dem Brief!" sagte sie dann, aus ihrem Sinnen erwachend. „Es war wie gesagt der letzte, welchen der junge Forster von seinem Vater erhielt, und dieser sprach darin von einem Verbrechen, welches — Du, mein Vater, begangen haben solltest, auf dem Deine ganze stolze Existenz basire."
Um des Kommerzienraths Zippen zuckte ein spöttisches, überlegenes Lächeln.
„Unb das also war das furchtbare Beweismittel, von dem der Sohn des Verschwundenen sprach", „Wahrhaftig! Wenn das Alles war, wäre er der Observationszelle kaum entgangen."
„Der alte Forster begnügte sich aber nicht mit diesem allgemeinen Hinweis", entgegnete Klara gepreßt. „Das Verbrechen, hieß es, ruhe — in den unterirdischen Gewölben des Hauses--"
„Da, siehst Du, siehst Du!" unterbrach sie sich nun selbst. „Wie es Dich wieder angreift! Nein, nein — ich erzähle nicht weiter."
Aber ihr Vater hatte die ihn anwandelnde Schwäche seiner nicht Herr werden lassen; er raffte sich rasch und mit ungewöhnlicher Energie empor, sein Gesicht in ärgerliche Falten legend.
„Zum Schluß!" rief er grollend. „Es macht auf mich den Eindruck, als ob Du selbst —"
„Was, Papa?"
„Nichts, nichts. Vollende!"
„Ich habe bereits Alles gesagt. Mehr war in dem Briese des alten Forster auch nicht enthalten als dieser Hinweis auf den Keller. Aber hieran anknüpfend, folgerte nun der Sohn, daß sein Vater . — dort hinabgedrungen und da —- sein Ende gc- ; sunden von — von Deiner Hand." I
Der Kommerzienrath wandte sich plötzlich ab. Klara schöpfte tief Athem; dann fuhr sie fort:
„Ich überlasse es Dir, nachzuempfinden, was mich bei diesen schrecklichen Worten fast meiner Sinne beraubte.
Ich brach in ein wahnsinniges Lachen aus, ja, ich lachte dieser erbärmlichen Drohungen; und doch gab es mir im nächsten Augenblick rmeder einen Stich, zu denkm, daß Martin Forste^ es war, der mir das sagte, daß der verzweifelte Sohn es war, der seinen Vater suchte.
Mein Gott, sagte ich mir, was würdest Du nicht thun, wenn Dein Vater so urplötzlich verschwinden sollte von einem Ort, aus einem Hause verschwinden, wo er so lange gelebt und gewirkt Hatte ! würdest Du nicht auch hier Alles von unterst zu oberst kehren und jedem leise erweckten Verdacht, | ob berechtigt oder nicht, den weitesten Spielraum - geben? So kam es urplötzlich wie eine Wandlung i über mich, und zum ersten Mal empfand ich Müleid mit dem so schwer Beraubten.
Ich kehrte zu unserem alten vertraulichen Ton wieder um und suchte Martin auf gütlichem Wege, mit sanfter Ueberredung, für eine, andere, vernünftigere Ansicht zu gewinnen. Aber auch das legte er mir falsch und zu Deinen Ungunsten aus.
Er sagte mir schroff, daß meine Verführuugs- künste Dich so wenig seinem rächenden Arme entziehen würden als meine Drohungen oder Verhöhnungen. Er wisse, was er wisse, und das Uebrige würden mir die Gerichte beweisen.
Damit rannte er fort, nicht in den Saal zurück, sondern nach dem Ausgang zur Wendeltreppe.
Ich konnte den Gedanken nicht fassen, daß er so von mir ging, um seine wahnsinnigen Behauptungen unter die Menge zu tragen, welche alle Zeit scheel auf unseren blühenden Wohlstand geblickt hat."
„Steh' da!" rief ich. „Ich folge Dir auf die
„Mathies' Worte!" hauchte der Kommerzienrath mit verzweifelt abwehrender Miene.
„Und Du folgtest ihm auf die Straße?" rief ihr Vater dringender.
„Nein", kam es zögernd über ihre bleichen Lippen, „nein, ich folgte ihm nicht. O, daß ich es gethan!" „Warum?"
„Weil — dann sein Mord verhindert worden wäre."
„Weißt Du das so gewiß?"
„Ganz sicher."


