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Merken sie einen Ausländer unter den Anwesenden, dessen Aeußeres auf etwas Vornehmes schließen wird, so sind Aller Augen ohne Unterlaß auf ihn gerichtet und er ist der Gegenstand der allseitigsten Aufmerksamkeit, schier als ob er ein Wunderthier aus der neuen Welt wäre; selbst bei Tische verwenden sie kein Auge von ihm und vergessen über dem Anglotzen desselben ihren Hunger.
Ist es dann recht spät geworden, so taucht öit einmal ein alter Kahlkopf von Hausknecht auf mi: wildem Bart, grauenerregendem Gesichtsausdrucks und in einem Anzuge, der an Schmutz Alles leistet, was die Unreinlichkeit in diesem Punkte nur zu liefern vermag. Ohne einen Laut von sich zu geben, überzählt er die Zahl der Gäste mit den Augen. Jemehr erberen findet, desto stärker wird emgeheizt, wenn auch die Sonne draußen am Tage noch so warm geschienen hat, denn es gilt bei ihm als ein Haupterforderniß einer guten Bewirthung, daß alle Gäste von Schweiß zerfließen.
Kann Jemand den Dunst nicht vertragen und öffnet ein Fenster, so heißt es gleich von allen Seiten: „Mach' zu! Mach' zu!" Antwortet er aber, er könne es in der Hitze nicht aushalten, so bringen rhn wieder die Worte zur Ruhe: „Suche Dir eine andere Herberge!"
Es dauert auch nicht lange, so kommt der bärtige alte Hausknecht wieder und breitet Tischtücher über die Holztafeln aus. Aber, du lieber Himmel! — weder holländische noch schlesische. Man meint schier, sie wären eben erst von der Segelstange herabgenommen. Dann ist der rechte Zeitpunkt gekommen, und es setzt sich Alles, Reich und Arm, Herr und Knecht, ohne Unterschied, in bunter Reihe durcheinander, meistens je acht an einen Tisch.
Run erscheint der Abscheu erregende Hausknecht wieder und bringt einem Jeden einen hölzernen Teller nebst einem Löffel vom nämlichen Stoffe, dazu einen gläsernen Krug, ferner Brot, mit welchem letzteren man sich einstweilen die Zeit vertreibt, bis das Mus gekocht ist. Richt selten kann man so ein Stündchen verbringen und vor langer Weile das Brot klein schneiden und daran kauen.
Endlich kommt Wein auf die Tafel. Aber, guter Vater im Himmel! was für Wein! Scharf und sauer wie Essig! Wollte auch ein Gast heimlich Geld bieten, um eine bessere Sorte zu erhalten, so würde man gar nicht thun, als ob man es höre, und bestände er darauf, so würde ihm der Hausknecht mit einer Miene, als ob er ihn fressen wollte, die Worte zurufen: „Hier sind schon soviel Grafen und Markgrafen eingekehrt, und kein einziger hat über den Wein geklagt! Wem's hier nicht ansteht, der suche sich ein anderes Quartier!"
meinigiich Brotschnitte in Fleischbrühe getaucht; dann ein Ragout oder aufgewärmtes gepökeltes Fleisch. Alsdann ein Brei, und, wenn man beinahe satt ist, erst noch ein leidlicher Braten, der aber nicht weit reicht und bald wieder abgetragen wird. Der ganze Schmaus bietet Abwechselungen, wie auf dem griechischen Theater die ©eenen mit dem Chore, so hier mit Fisch und Brei; der letzte Act aber ist der beste. — Ist dies vorbei, so hat man eine Bußzeit abzusitzen, die, wie es scheint, nach der Uhr abgemessen wird. Umsonst schreit man: „Abgeräumt! Wir essen nicht mehr!" Kein Mensch nimmt davon Notiz.
Endlich erscheint der schmutzige Hausknecht wieder, oder mitunter auch der Wirth selbst, der sich übrigens auch nicht viel besser ausnimmt, und fragt, ob etwa Jemand noch Appetit verspüre. Alsdann wird eine genießbare Sorte Wein gebracht und das Pokuliren geht los. Man sieht Diejenigen gern trinken, die „einen Puff aushalten", obgleich die mäßigen Trinker ebensoviel bezahlen müssen. Wenn aber der Wein die Köpfe erhitzt hat und die Natur ihre Rechte fordert, so geht ein Teufelslärm los, so daß man sein eigen Wort nicht versteht und fürchten muß, taub zu werden.
Jetzt treten Schalksnarren ober Hanswurste auf und belustigen die Gäste durch ihre Künste, und es ist kaum glaublich, was die Deutschen für ein Vergnügen an diesen erbärmlichen Kerlen finden. Diese Spaßmacher treiben einen Singsang, sie jauchzen, springen, pochen und machen einen Spektakel, daß die Stube einfallen möchte, und man muß wohl oder übel bis in die tiefe Nacht ausharren, wenn man es nicht verderben will.
Sobald der Käse abgetragen ist, der übrigens faul und voll Maden sein muß, wenn er schmecken soll, so kommt der schmutzige Graubart mit einer Schiefertafel, worauf mit Kreide einige Kreise und Halbkreise gezeichnet find. Diese legt er still- schweigend auf den Tisch. Jeder, der sich auf diese räthselhafte Malerei versteht, legt der Reihe nach seine Zeche darauf, indem der Hausknecht das Geld nachzählt. Wenn nichts fehlt, so nickt er verständ- nißvoll mit dem bärtigen Kopf.' Sollte Jemand seine Rechnung unbillig finden, so muß er gleich hören: „Weß Menschen Kind bist Du? Du zahlst nicht mehr, als alle Anderen!" Damit muß man 'ich zufrieden geben.
Will sich Einer vor Müdigkeit gleich nach dem Essen niederlegen, so heißt man ihn warten, bis die Anderen schlafen gehen. Dann zeigt man Jedem ein Nest oder kahles Lager; denn da giebt es außer dem Bette, wovon der Ueberzug mindestens ein falbes Jahr nicht in die Wäsche gekommen ist, durchaus kein weiteres Geräth zur Bequemlichkeit.
Das ist das Bild, welches uns Erasmus von Rotterdam von der deutschen Gastwirthschaft jener Zeit entwirft.
Schließlich, nach einer endlosen Stunde des Harrens und Wartens, des Hungerns und Mißvergnügens, kommen mit vielen Umständlichkeiten die Schüsseln auf den Tisch, und zwar in der ersten ge-
Nedactisrr: A. Scheyda. — Druck und Äerlag der »rühl'scheu ©ruderet (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


