Ausgabe 
23.2.1886
 
Einzelbild herunterladen

91

(Fortsetzung folgt).

jetzt die dem ent?

Sanitätsrath Edler hatte zuerst dieser Verände­rung des ihm befreundeten Mannes keine Beachtung geschenkt, weil Klara jetzt seine ganze Aufmerksam­keit in Anspruch nahm. Ihr Zustand war ein höchst bedenklicher. Endlich mußte ihm das verstörte Wesen Etwolds aber doch auffallen.

Welch ein betrübendes Ereigniß" sagte er theilnahmsvoll.Ich sehe Sie und Ihre Tochter gleich schwer darunter leiden. Sie sollten sich durch die Zeitungsberichte nicht weiter irritiren laffen und für die nächste Zeit lieber gar kein Blatt mehr in

sich in jener Zeit befand. Seine nach der damaligen Sitte der Gelehrten in lateinischer Sprache ge­schriebene Schilderung lautet in deutscher Ueber- setzung folgendermaßen:

Kommt man an einem Wirthshause an, so muß man erst geraume Weile an der Thür klopfen und rufen, ehe Jemand hört. Hat man sich die Mühe nicht verdrießen lassen und längere Zeit laut und kräftig Einlaß begehrt, so schiebt sich endlich ein Kops aus dem Fensterchen der warmen Stube, der rote die Schildkröte aus ihrem Schilde hervorlug. Diesen muß man nun fragen, ob man hier ettn Nachtquartier erhalten kann. Wenn kein verneinendes Schütteln des Kopfes erfolgt, so ist das ein Zeichen, daß das gewünschte Unterkommen zu haben ift. Ein Bedienter, ein Knecht und sonst ein yono- i reichung thuender Geist ist nirgens zu sehen. Ist i man zu Pferde angekommen, so hat man daher zu­nächst das Thier mit eigener Hand in den Stall zu führen. Alsdann wandert man, wie man geht und | steht, mit Stiefeln, Mantelsack und voll Staubs und ! Schmutz, wie man gerade ist, in die Wirthsftube, I deren überhaupt nur eine einzige im ganzen Hause zu finden ist, und zwar dient diese zum Gebrauche

Hastpofsteöen vor 400 Jahren.

m. Es ist nicht nur belehrend, sondern auch Zusriedenheit und Humor erweckend, sich von Zeit zu Zelt mit den socialen Zuständen und gewerblichen Verhältnissen früherer Jahrhunderte zu beschäftigen. Das Gasthofsgewerbe hat wohl mit die größten Fortschritte aufzuweisen.

Wenn man heutzutage in einem unserer Gast­häuser einspricht, um da Quartier zu nehmen, ja, wenn man nur die Absicht hierzu merken läßt und zu Roß oder zu Wagen vor einem dieser Etablissements Halt macht, da pflegt in dem Hause eine förmliche Revolution auSzubrechen. Die Hausglocke erschallt, Kellner und Hausknechte fliegen herbei, der wohlbe­leibte Wirth erscheint unter der Thür; im Nu sind Dutzende von dienstfertigen Menschenhänden be­schäftigt, dem Fremdlinge bei seinem Einzuge behilf­lich zu sein, und ist diesem bei der vielseitigen Unterstützung es endlich gelungen, die Schwelle des gastlichen Hauses zu überschreiten, so erwarten ihn drinnen schon wieder andere dienstbeflissene Geister, die seine geheimsten Wünsche und Bedürfnisse aus- kundschaften und die äußerste Besorgniß an den Tag legen, daß der soeben eingetroffene Gast ja an Nichts Mangel leide. . -

Wie ganz anders sah es in dieser Hinsicht doch vor 400 Jahren in Deutschland aus! Der große Gelehrte Erasmus von Rotterdam (1467 1536) schildert uns in einer seiner Schriften, in weich' erbärmlichem Zustande das Wirthrhausleben

die Hand nehmen."

Etwold schüttelte in seiner unfreundlichen Weife energisch den Kopf.Wie geht es meiner Tochter?" fragte er ablenkend.

Der Sanitätsrath zuckte die Achseln.Bis haben wir nur Symptome", sagte er,aber deuten auf recht Böses. Ich bin bemüht, Ausbruch einer drohenden schweren Krankheit gegenzuwirken; ob mir das aber gelingen wird, das hängt von den Umständen ab." .

Etwold blickte betroffen empor; er hatte die Situation nicht für so bedenklich gehalten.

für Alle und Jeden.

Hier soll man sich nun zu Hause fühlen. Man entledigt sich der Stiefel und erhält dafür ein Paar Pantoffeln, wechselt nöthigenfalls die Leibwäsche und trocknet die naffen Kleider. Wasser zum Waschen steht bereit, es ist aber ebenfalls nur ein für Alle gemeinsames Waschbecken da und dieses darum ui der Regel so schmutzig, daß man es lieber unter­läßt, sich deffelben zu bedienen, da man, erst wieder ein anderes Gefäß nöthig hätte, um jenes abzu­spülen.

Wer es wagt, an diesen Einrichtungen Anstoß zu nehmen und sich zu beschweren, der bekommt so- gleich die Worte zu hören, aus dre man Nichts zu erwidern vermag:Wem's nicht ansteht, der mag sich eine andere Herberge suchen!"

Was das Effen anbetrifft, welches man vorge­setzt bekommt, so wird dasselbe nicht eher angenchtet, i als bis man keine Gäste mehr erwartet, damit das Gelaufe nicht immer ist, sondern Alle zu gleicher Zeit abgefertigt werden können. Ss kommen ost- malS achtzig bis neunzig Fußgänger, Rn.", Kauf­leute, Schiffer, Fuhrleute, Werber und Kmder, Ge- sunde und Kranke zusammen.

Das Bild, welches eine solche Stube alsdann dem Beschauer darbietet, läßt an malerischer Ab­wechslung kaum etwas zu wünscheni übrig. Der Eine kämmt sich, der Andere wascht sich, der Dritte trocknet sich den Schweiß ab, der Vierte, putzt seine schmutzigen Stiefeln, der Fünfte kleidet sich um, der Sechste legt sich zum Schlafen nieder, der Siebente erzählt von den Abenteuern seiner Wanderung, rurz, es ist ein Sprachen- und Menschenwirrwarr, wie ihn der Thurmbau zu Babel kaum schöner wud be-r weisen können.