Ausgabe 
23.2.1886
 
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Anerkennung Seitens des stolzen Geldmannes zu erzwingen. Was würde dieser Mann nicht thun, wenn er nun von Mathies hörte, was derselbe am Abend vorher gesehen haben wollte! Grund genug für Etwold, der Gefangennahme des entsprungenen Kutschers mit Bangen entgegen zu sehen.

Ich komme, um mich Ihnen zu empfehlen, Herr Kommerzienrath", sagte Soltmann mit kalter Höflichkeit.

Ah, Sie gehen!" die Antwort klang fast wie ein erleichtertes Aufathmen.Und der Kommissar?"

Hat sich bereits in einem Miethswagen nach Haus begeben. Ich bin von ihm mit den weiteren Recherchen in dieser Angelegenheit betraut und gebe mich der angenehmen Hoffnung hin, daß ich dabei auf ihr volles Entgegenkommen rechnen darf."

Ich bin immer ein Kämpfer gewesen für Recht und Gerechtigkeit", sagte stolz der Kommerzienrath. Wenn Ihre Worte vielleicht einen Zweifel daran ausdrücken sollten"

Soltmann zog finster die Brauen zusammen.

Sie sind gereizt, erregt, Herr Kommerzienrath", begann er.

Worüber mich Niemand zur Rede zu stellen hat", fiel ihm Etwold ins Wort.Ueber meine Stimmungen werde ich doch wohl noch Herr sein dürfen; wenn auch"

Was?"

,» Nichts."

Und ich habe Ihnen ^auch nichts weiter zu sagen; adieu!"

Soltmann verließ demonstrativ den Stall, und Etwold nagte wieder an der Unterlippe, das unver­kennbare Zeichen seiner höchsten Mißstimmung.

Ach Gott, das große Unglück", klagte da eine Stimme in seiner Nähe. Es war die des Büreau- dieners Jonas, welcher so nahe stand, daß er die kurze aber schlagende Unterhaltung unbedingt gehört haben mußte. Wollte er dem Kommerzienrath dies bemerklich machen? Fast hatte es den Anschein. Etwold hielt es aber unter seiner Würde, hierauf zu erwidern.

Die Pferde waren tobt. Was sollte er noch hier? Er verließ den Statt, es seinen Leuten über­lassend, für die Wegschaffung der Thiere zu sorgen.

Auf dem Hofe begegnet« er den von der Verfolg­ung zurückkehrenden Leuten, welche noch ganz außer Athem waren.

Der Kommerzienrath hielt seinen Schritt an.

Nun?" kam es bebend über seine Lippen.

Einer der Arbeiter entblößte sein Haupt und sagte:Der Kerl hat seine Strafe schon gefunden, Herr Kommerzienrath"

Was- wie?" stammelte dieser schreckensbleich. Ihr habt ihn gefangen?"

Nein, aber der Teufel, dem er sicher seine Seele verschrieben", tonte es zurück.Das Boot trieb Kiel oben im Kanal, und obschon die Leiche noch nicht gesunden ist, so ist doch anzunehmen, daß

Mathies freiwillig oder durch eigene Unvorsichtigkeit den Tod in den Wellen gefunden."

Etwold athmete auf. Leichteren Herzens als er es verlassen, schritt er wieder dem Hause zu.

4. Kapitel.

Neue Konflikte.

Die geheimnißvolle Ermordung des Unbekannten in der Schwedengasse gab den Zeitungen der Residenz Veranlassung, sich mit dieser Sache eingehender uftb länger zu beschäftigen, als es der Fall gewesen wäre, wenn es sich um einen bloßen Raubmord am entlegenen Ort gehandelt hätte.

Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß Mathies ait dem Morde betheiligt gewesen; aber der war nach Verübung seiner letzten Schandthat spurlos verschwunden und man brauchte sein zurückgelassenes Schuhzeug nur mit den im Schnee zurückgelassenen kleinen, schmalen Fußspuren zu vergleichen um über­zeugt zu sein, daß er der Mordstätte zur Zeit der Attentats nicht einmal nahe gekommen war-

Auch sonst Niemand hatte der Mörderin bei ihrem schrecklichen Werke assistirt; allein und nur mit einem dolchartigen Messer bewaffnet hatte sie jenes vollbracht. Dann war sie nach dem festlich belebten Hause des Kommerzienraths zurückgekehrt, und hier verlor sich jede Spur von ihr.

Wer konnte es den Zeitungen verdenken, daß sie ihr sensationsbedürftiges Publikum noch auf mehrere Tage mit demunaufgeklärten geheimnißvollen Mord in der Schwedengasse" unterhielten, und wie natür­lich war es, daß sie bei jeder Gelegenheit den Namen des Kommerzienraths Etwold in Verbindung mit dem Verbrechen nannten!

Hier war der immer regen Reporterphantasie der weiteste Spielraum gegeben, und jeher wollte etwas mehr wissen und klüger kombiniren als sein Konkurrent im Wege der Berichterstattung.

Das verursachte aber dem hiervon schwer be­troffenen Kommerzienrath böse Stunden und schlaf­lose Nächte. Er hätte das Gespenst des Ermordeten gerne von seiner Schwelle gebannt, aber es wich und wankte nicht. Da war es und da blieb es; und wenn sich seine übermüdeten Augen einmal wirklich auf Augenblicke schlossen, trat es mit drohend erhobenem Arm zu ihm heran und scheuchte den Schlaf von seinen Lidern.

Wie lange soll ich das noch ertragen, o mein Gott!" stöhnte der unglückliche Mann,wie lange noch!"

Er fragte es sich von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Und immer, wenn er dann mit der Hand die müden Augen bedeckte, empfing er den Eindruck, als wenn ein eisiges Lächeln über das ihm vorschwebende Antlitz des Ermordeten hinfliege, ein Hohnlächeln, welches zu sagen schien.Mich bannst Du nicht." Es war, um wahnsinnig zu werden.