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Belletristisches Beiblatt pm Gießener AnBZ^
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M. 23. Dienstag den 23. Februar. LJ ^6.
Are Jakschmünzer.
Criminal-Rvman von Gustav Lössel.
^(Fortsetzung).
Aber der Kommissar hatte nur einen Stoß vor die Brust bekommen; er folgte dem Fliehenden auf dem Fuße.
Anstatt sich nun ins Wasser zu stürzen und den Kanal zu durchschwimmen, ergriff Mathies den Bootshaken und führte damit einen so wuchtigen Hieb gegen den Kommissar, daß dieser bewußtlos auf den Stufen niedersank.
Ein nachfolgender Fabrikarbeiter vermochte ihn nur aufzufangen und festzuhalten, um ihn vor einem Sturz ins Wasser zu bewahren. Damit war aber die sehr schmale Treppe vollständig versperrt.
Während man nun den Kommissar herauftrug, fand Mathies Zeit, das Boot frei zu machen. Ruder lagen darin, er brauchte nur zuzugreifen.
Ein kräftiger Stoß, und es flog in den Kanal hinaus.
Gleichzeitig langten die Verfolger am Fuße der Treppe an.
Sie riefen nach einem anderen Boot, aber es war kein solches zur Stelle.
Ihr Wuthgeschrei wurde übertönt oon dem Hohnlachen des rothen Mathies, welcher mit einigen kräftigen Strichen im Nebel verschwand.
„Lauft einige den Kanal entlang!" rief Solt- mann. Und sich an einen Polizisten wendend, sagte er: „Walther, übernehmen Sie die Führung. Es wird sich auf beiden Seiten viel Volk versammeln, so daß er uns nicht entgehen kann."
Der Beamte lief davon, gefolgt von einer kleinen Schaar von Arbeitern. Alle Anderen gingen wieder zum Hofe hinauf.
Man trug den Kommissar in die Gesindestube, wohin auch Williams gebracht wurde. Letzterer war von Mathies mit einem Steigbügel schwer verwundet worden.
Aufs Neue mußte ärztliche Hülfe requirirt werden, aber nicht nur für die beiden Verwundeten. Auch nach einem Thierarzt mußte geschickt werden.
Es war wie Williams es gesagt hatte; die vier prächtigen Trakehner, der Stolz und die Augenweide des Kommerzienraths und ihm als Lieblinge seiner verstorbenen Gattin besonders theuer, litten ; in einer schrecklichen Weise; eines der sehr werth- i
vollen Thiere war bereits verendet. Sie waren wirklich vergiftet worden.
Man fragte sich, wo Mathies das Gift herbekommen haben könne, und darüber gab es nur eine Stimme. In der am Wasser gelegenen Papiermühle und auch in den daran stoßenden Speichern gab es sehr viele Ratten, und behufs deren Massen- vertilgung wurde Rattengift in großen Quantitäten stets vorräthig gehalten. Dieses aber befand sich in einer verschlossenen Kiste im Kornspeicher, zu welchem Mathies den Schlüssel hatte.
Der rachedürstige Pferdeknecht hatte nun, ehe er die Schlüssel an den neuen Kutscher aushändigte, Hafer vom Speicher geholt, die Giftkiste erbrochen und das Rattengift gleich hier zwischen den Hafer gethan.
Erst als Williams seinem Vorgänger die Schlüssel abforderte, entdeckte er dessen schändliches Rachewerk. Ec stieß rasch die Futtertröge um und warf sich auf Mathies, der zu seiner Abwehr nach einem losgeschnallten Steigbügel griff.
Hiernach folgte, was wir bereits berichtet haben.
Natürlich konnte das Zusammenwirken aller dieser Vorgänge nur dazu beitragen, die schon vorhandene Erregung der Gemüther aufs Aeußerste zu steigern und einen Zustand namenloser Verwirrung herbeizuführen. Man machte die wunderlichsten Kombinationen, steckte flüsternd die Köpfe zusammen und betrachtete den bestürzt zuin Stalle eilenden Hausherrn mit scheuen und Seitens der Fabrikarbeiter zum Theil finsteren Blicken. Die böse Saat des rothen Mathies war stellenweis doch auf fruchtbaren Boden gefallen.
Etwold bemerkte das gar nicht.
Die Pferde krepirten Eins nach dem Andern unter seinen Augen. Hätte Mathies die Unglücksmiene seines ehemaligen Brotherrn sehen können, wie er händeringend dabei stand, so würde er die Ueberzeugung gewonnen haben, daß er Jenen nicht empfindlicher hätte treffen können.
Durch Soltmanns Hinzutreten wurde Etwolds Stimmung nicht verbessert. Er war dem Assessor schon öfter begegnet, den man seiner guten Herkunft wegen auch in Häusern einlud, in, denen der Kommerzienrath ein gern gesehener Gast war. Er hatte ihn aber immer mit Kälte und einer gewissen Geringschätzung behandelt; aus seinem Hause war er so lange verbannt gewesen. Nun hatte er in dieser Weise Zutritt zu diesem erlangt; und sein energisches, rücksichtsloses Vorgehen sah fast aus wie das Verlangen, sich geltend zu machen und seine


