Ausgabe 
23.1.1886
 
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Redaktion; A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.

von Liesbeth nicht bemerkt wurde. ließe sich gewiß auch eine andere, weniger gefahrvolle Ver­anlassung denken, die es mir ermöglichte,".meiner Verehrung für Sie auch durch die That Ausdruck zu geben."

Es bedarf eines solchen Beweises nicht, ich glaube Ihren Worten auch ohne dies", verficherte das junge Mädchen in ihrer ungezwungenen Natür­lichkeit.

Ihr Vertrauen macht mich glücklich, gnädiger Fräulein und ich schwöre Ihnen bei dem Toben der Elemente über uns, Sie sollen sich nicht in mir täuscken!" rief der Legationssekretär begeistert aus, indem er wie unabsichtlich die Hand seiner schönen Nachbarin ergriff und einen Kuß auf dieselbe preßte.

Es war Alfred in diesem Augenblicke, wo er in dunkler, poetischer Gewitternacht allein mit dem Herr- lichen Wesen unter dem duftigen Baldachin von Weinlaub saß, ganz seltsam um« Herz. Seit jenem Tage, an welchem er Victor versprochen hatte, ihn im Hause des Barons einzuführen, war er sich selbst unbewußt ein anderer Mensch geworden; er bereute seine Zusage, die er dem Freunde gemacht, und da» Gefühl der Freundschaft verwandelte sich allmählich in Neid und Abneigung.

Dennoch machte er am nächsten Tage im Hause Eschenheim» seinen Besuch und betrachtete e» als ein günstige» Zeichen, daß Victor durch den Unfall verhindert war, ihn an sein Versprechen zu erinnern. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, al» er Liesbeth gegenüberstand, al» er in ihr seelenvolle» blaue» Auge schaute. Wie war es möglich gewesen, daß er an dieser Mädchenblume vorübergehen konnte, ohne sie zu beachten, ohne sich zu ihr herabzubeugen uud ihr zuzuflüstern: Sei mein.

Liesbeth entwand dem jungen Mann ihre Hand; sie fühlte, daß die Leidenschaftlichkeit, mit welcher Alfred den Kuß auf ihre Rechte drückte, über die Regeln der Höflichkeit hinausging.

"Vergeben Sie mir meine Kühnheit, Liesbeth, aber da» Herz will mir zerspringen vor Lust und Weh!" flüsterte er in jenen weichen Tönen, die int Frauenherzen stets ein sympathisches Echo finden. Ja, ich muß es aussprechen in dieser feierlichen Stunde, was mich bewegt, ich muß--"

Gin stundenlanger Blitz flammte über ihren Häuptern auf, und in demselben Augenblick ertönte ein Donnerschlag, daß die Erde erbebte. Gleich­zeitig fielen große, dichte Regentropfen klatschend her- nieder, erst ianKam und vereinzelt, dann aber immer rascher und dichter, daß es in dem Laubwerk prasselte und rauschte, als zöge das wilde Heer durch die finstere Nacht dahin.

Lassen Sie uns hineingehen, Herr von Sohr I" rief die Tochter des Hauses, indem fie aufsprang Und flüchtigen Fußes zur Glasthür vorauseilte. Alfred folgte ihr, mit dem Schicksale grollend, da« ihn gerade im entscheidenden Momente unterbrochen hatte. (Fortsetzung folgt).

Die Baronin schrack zusammen, dann erhob s,Führe mich ins Zimmer, dieser Luftzug bringt mir den Tod!" sagte sie mit schwacher Stimme zu ihrem Manne, aber ehe dieser Miene machte, dem Wunsche Folge zu leisten, war Alfred aufgesprungen und an die Seite der Dame geeilt.

, Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich diesen kleinen Ritterdienst übernehme", bat er, ihr galant den Arm reichend, den die Baronin ohne Umstände annahm und sich in das Innere de» Hauses ge- leiten lie$.

Ihr Gatte leerte das vor ihm stehende Glas und folgte dann verdrossen nach.

Dummes Wetter!' murmelte er,es saß sich so angenehm im Freien, und nun treib l es uns hinein in die dumpfige Stube."

Ich bleibe noch eine Weile hier, Papa, ein solches Naturschauspiel hat für mich viel An­ziehendes!" meinte Liesbeth, ein leichtes Tuch zum Schutze gegen den Wind um die Schultern schlagend.

'Bleib' immerhin, Kind, der Legationssekrctär mag Dir Gesellschaft leisten, während ich die Klagen und Vorwürfe Deiner Frau Mama anhören zu müssen gezwungen bin", versetzte der alte Herr miß- muthia, indem er hinter der Glasthür, welche zu dem Garten-Salon führte, verschwand.

Bald daraus betrat Alfred wieder die Veranda und nahm neben Liesbeth Platz.

Ist Ihnen nicht bange, gnädiges Fräulein, bei dem Aufruhr der Natur, wie er sich jetzt vorzube- reiten scheint?" fragte er in weichem Flüstertöne.

O nein, im Gegentheil, ich athmr gern die warme Gewitterluft und erfreue mich an der grellen Beleuchtung, welche die zuckenden Blitze über die Landschaft ergießen", entgegnete da» junge Mädchen unbefangen.Freilich, wenn das Gewitter in gefahr­drohende Nähe rückt und Blitz und Schlag in einem Momente erfolgen, dann beschleicht wohl auch mich ein Gefühl von Aengstlichkeit", fügte sie schüchtern hinzu.

Was gäbe ich darum, wenn auch mir der Zu­fall einst das Glück vergönnte, Ihnen einen kleinen Dienst zu erweisen, Ihnen Beschützer und Retter sein zu können, wie dies Herrn von Rauschendorsi in so beneidenswerther Weise beschieden war!"^ rief der junge Mann emphatisch aus, und seine Augen ruhten mit stillem Entzücken auf dem jungen Mäd­chen, das ihm in dem aufzuckenden bläulichen Lichte wie ein überirdisches Wesen erschien.

Wünschen Sie, daß die Pferde vor meinem Wagen noch einmal durchgingen, nur damit Sie Gelegenheit fänden, sich ihnen entgegenwerfen zu können?" fragte sie mit einem Gemisch von Schalk­haftigkeit und Vorwurf.

Das verhüte der Himmel!" versetzte Alfred rasch, und die kleine Zurechtweisung, die in ihren Worten lag, trieb ihm eine flüchtige Röthe in's Antlitz, die freilich bei der herrschenden Dunkelheit