889
9. Kapitel.
Im weißen Hirsch.
Das Dorf Wiesenthal liegt nur eine kleine Viertelstunde von der nächsten Eisenbahnstation entfernt.
Seine reizende Lage, die dunklen, schattigen Wälder, die es umgeben, und sein vortreffliches Gasthaus machen es in der schönen Jahreszeit zu einem beliebten Wallfahrtsort für die Gäste des nahen Badeorts, und wer je einmal im „Weißen Hirsch" in Wiesenthal eingekehrt ist, der wird sich der Stunden, die er in diesem gastfreundlichen Hause verbracht hat, noch lange mit Vernügen erinnern.
Das Gasthaus liegt nicht im Dorfe selbst, sondern zwischen diesem und dem Walde an der Landstraße. Da« große schmucke Haus mit dem großen, schattigen Garten bietet einen überaus freundlichen Anblick, und wohlthuend muß Jeden die Ordnung und Sauberkeit berühren, die in jedem Raume deffelben herrscht.
„Sie sind dort so gut aufgehoben wie in Abraham'S Schooß, Herr", sagte der Tagelöhner, den der Oberst auf dem Bahnhofe zum Tragen seiner ziemlich schweren Reisetasche engagirt hatte; „es soll in ganz Wiesbaden keinen so ausgezeichneten Gasthof geben. Es war nicht immer so, Herr; noch vor drei Jahren konnte man den weißen Hirsch nicht loben; der Vater des jetzigen Wirths, der alte Fahne, kümmerte sich nicht sonderlich um die Wirthschaft, er trank mehr, als ihm gut war, und mit seinem Sohne konnte er nicht Frieden halten; daß der Johann ein tüchtiger Mensch sei, wollte er gar nicht einsehen."
„Welcher Johann?" fragte der Oberst.
„Sein Sohn, der jetzige Wirth, und wissen Sie, woran das lag? Unser Oberförster von Reizenstein hatte eine hübsche Tochter, und der alte Fahne wollte von den Adligen Nichts wissen, er war mit Leib und Seele Republikaner. Der Förster Hellmuth liebte auch die Marie, aber von ihm wollte da» Mädchen Nichts wissen, und ihr Vater hatte gegen den Johann Nichts einzuwenden. Wie nun der alte Fahne tobt war, heirathete der junge des Oberförsters Tochter, und das adelige Fräulein ist eine tüchtige Wirthin geworden. Es war eine lustige Hochzeit, Herr, und außer dem Förster hat Jeder den Beiden das Glück von Herzen gegönnt."
Der Oberst schlug den Kragen seines Paletots in die Höhe, ein eisiger Wind fegte über die Fluren.
„Und der Oberförster hat's wohl auch nicht he- reut, daß er seine Tochter dem Sohne des Republikaners gab?" fragte er in gleichgiltigem Tone.
„Wie sollte er! Der arme Mann hat leider kein angenehmes Alter, da kann's ihm nur lieh fein, daß feine Tochter in der Lage ist, ihn zu pflegen. Ueber seinen Sohn, Herr, reden die Leute nicht viel Gute«, das macht dem Alten auch noch Kummer, und wenn ! er gesund wäre
„Wer ist der Kranke? Der Oberförster?"
„Ja, er liegt nun schon ein ganzes Jahr an der Gicht darnieder, und die alte Brigitte muß ihn pflegen wie ein kleines Kind."
„Die alte Brigitte? Wer ist das?"
„Sie führt ihm das Hauswesen, seitdem feine Tochter fort ist, eine arme Wittwe, aber eine treue, brave Seele."
„Er wohnt also nicht bei seiner Tochter?"
„Nein, er kann den Wald nicht missen, sie haben ihm oft vorgeschlagen, in den weißen Hirsch zu ziehen, aber er will nicht und es läßt sich ja denken, daß ihm nirgend so wohl ist wie in dem Forsthause."
Der Oberst drückte den breitkrämpigen Hut tiefer in die Stirne und warf einen langen, prüfenden Blick auf das kleine, freundliche Dorf, das im halben Scheine der sinkenden Winterfonne vor ihm lag.
(Fortsetzung folgt.)
Die neuen deutschen Postdampfer und der Norddeutsche Lloyd in Bremen.
(Schluß).
Die Newyorker Fahrt wird zweimal wöchentlich expedirt, am Mittwoch und Sonntag. Auf ihr laufen jene fünf Schnelldampfer, deren Leistungen und deren innere Einrichtungen die Welt mit ihrem Ruf erfüllt haben, wirkliche Palastschiffe, wie sie überhaupt keine andere Compagnie der Erde auf- weisen kann. Dieselben lausen von Bremerhaven über Southampton nach Nework im Sommer in acht Tagen, im Winter in neun Tagen. Vom Beginn der Postdampferfahrten nach Australien und China an kommen zu den fünf Schnelldampfern noch drei neue hinzu, welche gegenwärtig noch im Bau sind und eine noch größere Schnelligkeit entwickeln werden. Was diese Schiffe zu leisten vermögen, geht am Besten daraus hervor, daß z. B. eines von ihnen, die „Werra" im Jahre 1885 nicht weniger als 12 volle Reisen nach Newyork und zurück gemacht hat. Natürlich befördert diese sowie alle anderen Linien des Lloyd, die deutsche, französische, englische und amerikanische Post. Aus der Newyorker Linie betrug die Zahl der Reisen, welche die Lloyd- dampfer im Jahre 1884 gemacht haben, 95. Auf diesen Reisen wurden befördert; 74,130 Passagiere nach Newyork, 26,634 Passagiere von Newyork und an Fracht 99,480 Cubikmeter.
Eine zweite Linie des Lloyd geht nach Baltimore. Sie machte im Jahre 1884 die Zahl von 44 Reifen und beförderte 30,322 Personen dorthin, 2867 von Baltimore nach Deutschland.
Eine dritte Linie geht nach Galveston, eine vierte nach Süd-Amerika (Bahia, Santos, Montevideo),


