Kießener Isamiüenblätler.
Belletristisches Beiblatt Mm Gießener Anzeiger.
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Nr. 60.Samstag den 22. Mai. 1886.
Aie Aaffchmünzer.
Criminal-Roman von Gustav Lössel.
(Fortsetzung).
„Sie — ein Verbrecher?" staunte Duprat.
„Ein Verbrecher? Nein und ja", entgegnete der Andere verzweifelt die Hände ringend. Man kommt manchmal dazu, man weiß nicht wie — im Traum. Genug, die Schuld gestehe ich ein; ich gestehe ein, daß sie wie ein Mühlstein an meinem Halse hängt und mich herabzieht, tief und immer tiefer. Nun kommt dieser Mensch, der Alles weiß, der mich haßt, mein Todfeind, um sich an meine Fersen zu heften, mein Traumbild wahr zu machen, und mich hinein zu treiben ins Irrenhaus."
„Ins Irrenhaus", sagte Duprat kopfschüttelnd. „Welch ein seltsamer Gedanke! Ist denn Ihretwegen oder auf Ihre Veranlaffung hin schon einmal Jemand ins Irrenhaus gekommen?"
„Was? Wie?" fragte der Kommerzienrath abwehrend. „Nein — nein; das heißt — ich weiß es nicht. Blicken Sie mich nicht so furchtbar an. Es ist Etwas in Ihrem Blick, das mich verscheucht von Ihnen, und ich will Ihnen jetzt mehr sein, ganz nahe. Genug, jener Mann trägt mein Schicksal in seiner harten Hand; und wenn er sie öffnet, bläst ein Hauch seines Mundes meine ganze glänzende Existenz in alle vier Winde. Soll er das thun, Duprat?"
„Nein, lieber blasen wir seinen Gifthauch zur Hölle", entgegnete dieser eifrig. „Sagen Sie mir nur noch, wie der Mann aussieht; Mittel und Wege zu seiner Vernichtung finde ich dann schon allein."
„Sie haben ihn also hier nicht gesehen?" fragte der Kommerzienrath. „Ich hatte geglaubt, daß er nach mir fragen und forschen würde."
„Es war allerdings kurz vor Ihrem Eintreffen Jemand hier, der Sie zu sprechen wünschte. Ich empfing ihn. Er stellte auch viele Fragen über Sie und Ihre Unternehmungen —"
„Und Sie?"
„Ich beantwortete sie so ausweichend, daß er es vorzog, zu gehen. Ich ließ ihn von Jonas hinausbegleiten, da er mir nicht ganz unverdächtig schien."
„Das war er! Das war er! Sein Signalement?" Duprat gab dasjenige Riston's. Der Kommerzienrath nickte beifällig.
„Nun ist kein Zw.ifel mehr möglich", sagte er.
„Sein wahrer Name thut momentan Nichts zur Sache; aber ich werde Ihnen auch den eines späteren Tages nennen. Wenn er sich jetzt Riston nennt, so ist das genügend."
Nach einer weiteren Viertelstunde begab sich Duprat auf sein Zimmer, um einen Plan zur Ermordung Riston's auszusinnen. Dieser traf nur mit seinen eigenen Wünschen überein, da der Falschmünzer nicht anders zu beseitigen schien. Jener mußte fallen, damit er selber siegen konnte, steigen, ohne zu fallen. Nun hatte er Jemand, auf deffen Schultern er das Verbrechen abwälzen konnte, das er zu begehen im Begriff stand, der es selbst verlangte und in jeder möglichen Weise zu fördern bemüht war. Als Lohn dieser That und seine auswärtige Carriöre eröffnend, sollte Duprat schon jetzt in die Firma ausgenommen werden, womit ihm auch die Verfügung über ein bedeutendes Vermögen zuerkannt werden mußte.
Da hatte er dann wieder Geld zur Flucht, dessen Mangel Niston eben erst so sehr beklagt hatte. Man konnte ja wirklich nicht wissen, welche neue unerwartete Wendung eintrat und zu schleuniger Entfernung nöthigte. Je mehr Schuld, um so größer die Gefahr der Entdeckung; und Duprat stand im Begriff, die eigene Schuld um ein großes Verbrechen, einen Mord, zu vermehren.
Aber was sagte das gegenüber den errungenen Vortheilen! Diejenigen, von deren Gegenwart er sich da in der leichtesten Art und für immer befreite, waren: Dryden und Fuchseisen, Eduard, der alte Forster und Riston. Wen hatte er dann noch zu fürchten? Etwold gewiß nicht; und Jonas war ihm, was er seinem Chef war, ein willenloses und unentbehrliches Werkzeug. Dagegen aber ward er selbst Theilhaber einer der ausgebreitetsten, industriellen Unternehmungen und Herr eines bedeutenden Vermögens. Dann stand zwischen ihm und der unbeschränkten Nachfolgerschaft nur noch Klara Ctwold, die Wiedergenesene; und Duprat war überzeugt, daß ein Mann, der so viele bedeutende Hindernisse überwunden, um zur Mitregentschaft zu gelangen, auch noch den Widerstand eines Mädchenwillens brechen werde, wo es sich um die Alleinherrschaft handelte.
16. Kapitel.
Furchtbare Vergeltung.
Der Gedanke der Ermordung Riston's hatte für den Augenblick jeden anderen bei Etwold verdrängt. Er dachte viel mehr an Forster, so lange jener Tod-


