Ausgabe 
22.4.1886
 
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Kstergkocken.

Erzählung von E. Kraus.

(Schluß.)

Wohl standen Feuereimer auf dem Hofe, auch war die städtische Spritze schon zur Stelle, allein die Nahrung für die Flammen war in dem mit Holz angefüllten Zimmerhofe zu ausgiebig das aufgespeicherte Bauholz war augenscheinlich mit Ab­fallspänen von allen vier Windrichtungen aus in Brand gesetzt worden.

Rettet meine Tochter!" schrie jetzt auch die ent- 3Kuttcr»

Es ist nicht mehr möglich", antwortete eine Stimme,die Treppe im Thürmchen brennt lichter- loh" rief eine andere.

Und als die Gestalt Mariens wiederum auf dem Balkon, diesmal die Hände angstvoll ringend, erschien, umfing eine wohlthätige Ohnmacht die Sinne der beklagenswerthen Mutter.

Jetzt entstand am Flußufer ein Gedränge zwei kräftige Arme theilten die Menge und ein großer, starker Mann ruft mit Donnerstimme den rathlos durcheinander rennenden Leuten zu:

Alle Leitern her und TaumerkI"

Ordnung und Muth brachten diese Worte unter die verwirrte Menge und blitzschnell brachte man das Verlangte.

Und mit einer Geschicklichkeit, als habe er nie eine andere Beschäftigung gekannt, band der ent­schlossene Mann drei Leitern zusammen, schleppte sie, nur wenig von einigen Anderen unterstützt, mit Riesenstärke zu dem brennenden Gebäude, legte sie an den Balkon des Thürmchens und flog die Sprossen der Leiter hinauf.

Schon brannte der oberste Stock, das Thürmchen wankte, die athemlos zuschauende Menge schrie zu­weilen instinktiv ob der tollkühnen Rettungsthat auf, aber in wenigen Augenblicken erschien auch schon der Retter mit seiner Bürde unter ihnen und trug die von der Angst, der Hitze und dem Rauche betäubte Maria hinaus ans sichere Ufer.

Dort legte er sie dem wie geistesabwesend am Ufer sitzenden Vater in die Arme, dem beim Anblick der geretteten Tochter die Lebensgeister wieder zu kommen schienen.

Da ging erst ein Murmeln und dann ein Bei­fallsjauchzen durch die Menge über die That des heldenmüthigen Retters. Aber Niemand kannte ihn, nur einzelne Stimmen riefen:Der fremde Bau­meister, der die neue Brücke bauen soll!"

Aber der fremde Baumeister war schon wieder fort, um mehr zu helfen und zu retten.

Marek war jetzt allmälig wieder zu sich ge­kommen, er sah die geliebte Tochter gerettet vor sich, und während ihm die Thränen über die Wangen

rollten, schlug er die Hände vor das Gesicht und seufzte:Dein Retter war Anton, mein Sohn!"

Obwohl nur halb laut gesprochen, waren diese Worte Mareks doch in die Menge gedrungen und in einem brausenden Widerhall erschollen die Rufe: Der Netter ist Maria's Bruder! Der fremde Bau­meister ist Anton Marek, der Vater hat ihn er­kannt!"

Aber noch hat zwischen Vater und Sohn keine Versöhnung, zwischen Mutter und Sohn, Schwester und Bruder keine Begrüßung stattgefunden. Der fremde Baumeister, welcher thatsächlich Anton Marek ist, und auf den Wunsch des Herrn Priors in die Heimath gekommen war um die kunstvolle Brücke über den breiten Strom zu bauen, achtet der Rufe der Menge nicht und ist nur vollauf beschäftigt, das Löschungswerk zu leiten und zu vollenden.

Da bereitete sich inzwischen eine neue eindrucks­volle Scene vor.

Vom Hügel herab aus dem nahen Kloster wallen die Dominikaner in weißen Gewändern mit schwarzen Mänteln, der ehrwürdigen Ordenstracht.

An ihrer Spitze schreitet der greise hochmürdige Prior, mit feierlichem Antlitz, als wenn er ahnte, daß er berufen sei, jetzt ein Versöhnungswerk zu sanktioniren, aber auch zu rathen und zu helfen, in dem Unglücke, das die Stadtgemeinde betroffen hat.

Gleichen Sinnes sind die wohlthätigen Pater Ordensbrüder, welche es angesichts des Brandun- alücks nicht als müßige Zuschauer oben auf ihrer sichern Höhe gelitten hatte.

Der Thurm ist nieder, das Feuer im Ver­löschen!" und dieser Verkündigung unmittelbar der mächtige Ton der großen Klosterglocke folgte, die zum Festläuten des morgigen Osterfestes ertönte.

Mareks Augen suchten den Sohn und flehend streckte er die Hände gegen ihn aus.

Da naht an der Hand des ehrwürdigen Priors der einst beim Klange der Osterglocken verstoßene Sohn Mareks.

Mein Sohn, mein Anton, mein Einziger, Gott ist barmherzig", ruft der tief erschütterte Vater und schließt den Sohn in seine Arme.

Und der Prior breitete segnend seine Hände über die Versöhnten und spricht mit einer Stimme, die allen zu Herzen dringt:Der Herr hat Großes an Euch gethan, er gebe Euch seinen Frieden!"

Inzwischen ertönen die Osterglocken von nah und fern, es summt und klingt aus den Thälern und von den Höhen, eine feierliche andächtige Stimm­ung bemächtigt sich allen Anwesenden und unter dem Hymnus der metallnen Stimmen und den Segensworten des würdigen Oberhirten halten sich Vater und Sohu umschlungen, während am Herzen der selig ausschauenden Mutter Marek zwei liebliche Wesen ruhen; die durch Brudershand gerettete Tochter Maria und Cristenz, die geliebte Gattin des einzigen theuern, endlich heimgekehrten Sohnes.

Redsction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Piets.ch) in Gießen.