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der andern Seite „rumoren" gehört. Das Geräusch > habe sehr vernehmlich an seine Ohren geschlagen und es sei eine Person in der Kirchner'schen Kammer auf- und abgegangen.
Dem Manne schien es, wie eine Last vom Herzen zu fallen, als er mit seinem Zeugniß geendet und der Präsident ihm erklärte, daß er hingehen könne, wohin es ihm beliebe.
Es kamen nunmehr die Zeugen an die Reihe, welche die verehlichte Kirchner anscheinend leblos auf dem Vorsaal gesunden hatten. Sie alle bestätigten übereinstimmend, daß die Angeklagte von ihnen am Boden des Vorraums gesunden worden sei und zwar mit dem Gesichte auf einem Gangläufer. Die nach dem Hinterhause führenden Fenster seien mit Vorhängen versehen gewesen, allein dieselben waren bereits verbrannt. Dagegen machte \ sich ein intensiver Geruch nach Petroleum geltend ; und mehrere Lappen, die nach dem Hinterhause zu •; lagen, hätten gebrannt.
„Was haben Sie zu diesen Belastungen zu | sagen?" fragte der Präsident. j
„Ich weiß nicht, wie das gekommen ist. Ich j war allein im Zimmer, als mein Mann ausgegangen ; war, und wollte eben noch etwas auf dem Vorsaal s besorgen, als ich hinaustretend bereits die feurige Lohe mir entgegenschlagen sah. Was von da ab geschehen, weiß ich nicht. Ms ich zu Bewußtsein kam, befand ich mich bereits außerhalb des brennenden Hauses."
„Woher mag wohl den Ankommenden der Petroleumgeruch gekommen sein?" inquirirte der Präsident weiter.
„Ich kann mir nur denken, daß mir die Petroleumlampe aus den Händen gefallen ist, als mir das Bewußtsein schwand und daß diese die anderen Gegenstände in Brand gesetzt hat."
„Soviel mir bekannt ist, verlöscht eine stürzende Petroleumlampe sofort."
„Das ist nicht wahr!" rief Frau Kirchner ziem- lich erregt, denn es kam ihr, der scharf Beobachtenden, sofort der Gedanke, daß sich der Präsident bemühe, ihr die Schuld der Brandstiftung aufzunöthigen. Ich selbst habe es schon erlebt, daß mir Petroleum« lampen aus der Hand gefallen sind und jedesmal so lange weiter gebrannt haben, bis das Oel im Docht aufgezehrt war.
„Also, Sie kennen die Eigenartigkeit dieses Oels aus Erfahrung?"
„Ja."
„Dann meinen Sie, daß die Vorhänge des Corrrdors durch die Petroleumlampe in Brand gesetzt wurden."
„Jedenfalls."
Der Ton ihrer Stimme wurde fester, als sie auch den Belastungen der Zeugen gegenüber ihre Unschuld vertrat.
Mit getheilten Gefühlen folgte das Publikum der weiteren Entwickelung. Die meisten glaubten
an ihre Schuld; nur ein kleiner Theil der Zuhörer nahm offen für die schöne Lehrersfrau Partei.
„In der Voruntersuchung haben Sie angegeben", fuhr der Präsident fort, — „daß Ihnen ein Posten Sammet, Seidenzeuge und seidene Bänder im Be- trage von 345 Mk. mit verbrannt seien. Ist das wahr?"
Frau Kirchner zauderte zwar einige Augenblicke mit der Antwort, dann aber raffte sie sich schnell wieder zusammen und bejahte die gestellte Frage.
„So", sagte der Jurist. — „Kennen Sie die Pfandscheine, die hier vorliegen" — er reichte zwei kleine gelbe Zettel der Gefragten hin.
„Nein", gab diese bestimmt zur Antwort.
„Die betreffenden Stoffe, die angeblich durch das Feuer mit zerstört sein sollen, würden Sie aber doch sicherlich als die Ihrigen erkennen, wenn sie Ihnen vorgelegt würden."
Frau Kirchner bestätigte die Zumuthung.
Auf einen Wink des Präsidenten wurde ein Pack geöffnet und eine Anzahl Seiden- und Sammet- rester, seidene Bänder und Putzmacherartikel kamen zum Vorschein.
Ueber das Gesicht der Lehrersfrau glitt eine fahle Bläffe, denn nur zu gut waren ihr alle diese Stücke bekannt. Sie hatte schon längst ihre Existenz vergessen geglaubt und jetzt auf einmal kommen sie zum Vorschein und sollte ihr eine Anklage in's Gesicht schleudern.
„Kennen Sie diese Stücke?" fragte der Präsident.
Die Stofffragmente wurden ihr vorgelegt.
Sie prüfte dieselben und erklärte, daß es die Stoffe seien, die sie früher beseffen.
Wie erklären Sie uns nun den Widerspruchs wenn Sie behaupten, die Stoffe seien Ihnen verbrannt und jetzt findet man sie im Leihhause auf.
Frau Kirchner sann nach.
„Ich weiß keine Erklärung dafür."
„Dann werde ich Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen."
Frau Kirchner blickte auf, denn der Ton des Sprechers ließ deutlich eine leidenschaftliche Unruhe heraushören.
„Sie sind in der Residenz gewesen."
„Ja!"
„Was thaten Sie dort?"
„Ich suchte Hülfe bei Freunden meines Mannes." „Wann war das?"
„Ich kann den Tag nicht mehr genau angeben — es war im Frühjahr."
„Dis Patti fang an diesem Tage im Theater und es waren natürlich auch von hier eine große Anzahl Personen dort, von denen Sie gesehen worden sind."
„Das kann alles sein - ich weiß aber nichts davon, daß die Patti an diesem Abend dort gesungen. Mir hatte unsere verzweifelte Lage alle Besinnung genommen." (Fortsetzung folgt).
Redaction: A. Schevda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


