Hichener Amilienblätter.
BelleMftische« Beiblatt mm Meßmer Ameiger, ^tr124 ' ~™' Donnerstag den 21. October. 1836.
Saat und Ernte.
Roman von Ewald August König.
(Schluß).
„Können Sie die Wahrheit dieser Nachricht verbürgen?" fragte Görlitz nach einer kurzen Pause.
„Ich habe die Leiche gesehen", erwiderte der Buchhalter. „Ackerman war heute Mittag noch m unserem Bureau; er wollte sich Gewißheit über die Sachlage verschaffen, und ich konnte ihm nichts Tröstliches berichten. Hin ist hin, verloren ist verloren, Schulden sind nun vorhanden, aber keine Gelder, um sie zu decken. Ich konnte ihm weiter Nichts sagen, als daß er keine fünf Procent aus der Masse herausbekommen werde, und nun ging ich vorhin noch einmal zu ihm, um ihm einen guten Rath zu geben, trotzdem ich voraus wußte, daß er wenig nutzen würde. Als ich sein Haus erreichte, hatte er bereits gethan, was er nicht lassen konnte; mit durchschossener Stirn lag er vor seinem Schreibtisch auf dem Teppich."
„Sahen Sie seine Frau nicht?" fragte der Oberst, der die blaue Brille wieder aufgesetzt hatte, und nun langsam auf und nieder wanderte.
„Die Kammerzofe sagte mir, Madame sei abgereist und werde nicht wieder zurückkommen —"
„Sie ist hier in diesem Hause", erwiderte der Referendar leise. „Und ich glaube, daß diese Nachricht ihr Erlösung bringen wird."
„Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort", brummte Maiwind. „Sie haben wohl die Güte, Madame auf diese Hiobspost vorzubereiten?"
Rommel nickte zustimmend; sein Blick ruhte fragend, voll gespannter Erwartung auf dem Oberst, der ablehnend das Haupt schüttelte, als ob er andeuten wollte, daß er auch jetzt noch keinen Entschluß fasten könne.
„Auf Wiedersehen I" sagte Rommel sich erhebend. „Kommen Sie, bester Freund und Kupferstecher, Sie Hans Dampf in allen Gasten, wir wollen nun der Dame die Botschaft überbringen."
Rommel und der Buchhalter gingen hinaus; das Dienstmädchen sagte ihnen, Madame Ackermann befinde sich in ihrem Zimmer. Der Referendar ließ sich anmelden. Er wurde nicht vorgelasten; fle ließ ihn bitten, seine Mittheilungen bis morgen zu verschieben. , , c.
So blieb ihm weiter Nichts übrig, als die Damen des Hauses im Speisezimmer aufzusuchen
i und Tante Lina zu bitten, die Hiobspost zu über- ! nehmen.
Nach kurzer Berathung mit den Freundinnen war Vera noch an demselben Abend in das Haus ihres Gatten zurückgekehrt, um hier bis nach der Beerdigung zu bleiben.
So wurde wenigstens nach Außen hin der Schein gewahrt und der öffentlichen Meinung kein | Stoff zu unnützem Gerede geboten; man konnte ihr nun nicht den Vorwurf machen, daß auch sie durch den plötzlichen Bruch ihn zu diesem verzweifelten Schritt getrieben habe.
Ackermann hatte über die Gründe seines Selbst- i mords keine Andeutungen hinterlasten; binnen wenigen i Stunden war so Vieles auf ihn eingestürmt, daß \ MSN die That selbst wohl begreifen konnte.
Verlassen von Allen, entehrt und verarmt, mußte ihm das Leben nur noch eine drückende Last sein. Von der Zukunft durfte er Nichts mehr erwarten; Verachtung, Noth und Elend hafteten sich an seine Fersen. Ihm fehlte der Muth, diesen Dämonen trotzig die Stirn $u bieten.
So hatte er in Wahrheit geerntet, was er säete, und nicht einmal die Theilnahme treuer Freunde folgte ihm ins Grab.
Nur Wenige gaben ihm das letzte Geleit; er hatte nie verstanden, sich Freunde zu erwerben.
\ Es war natürlich, daß dieses Ereigniß viel besprochen wurde; es bildete mit der Flucht Morgen« roth's mehrere Wochen hindurch das Tagesgespräch, und es wurde später, nach Monaten noch einmal seiner halben Vergessenheit entrissen, als die kaum gegründete Rübenzucker-Actien-Gesellschaft sich zur Liquidation gezwungen sah und der inzwischen zum § Landrath ernannte Gutsbesitzer Riesenthal das schöne i Gut seines ehemaligen Freundes für einen Spott- ! preis ankaufte.
’ Wie Maiwind es vorausgesagt hatte, gingen die \ Gläubiger Morgenroth's fast leer aus; der Banquier ? selbst wurde freilich steckbrieflich verfolgt, aber — ! um mit einem Citat Maiwind's zu reden: Roß und Reiter sah man niemals wieder.
Der Oberst blieb bis nach dem Begräbniß; er hatte in diesen Tagen sich seiner Tante und seiner Schwester entdeckt und in dem traulichen Freundes- kreise manche frohe Stunde erlebt.
Der Tod Ackermann's hatte ihm eine schwere Last von der Seele genommen; aber so viel man ihm auch zureden mochte, in der alten Heimath wollte er nicht bleiben. ,
Tante Lina und Ludmilla bestürmten ihn noch


