443
„Kommt zur Sache I" warf der Richter ein.
„Ich bin ja dabei, und ich mutz von vorne anfangen, damit Sie mich auch recht und ganz verstehen. Ein paar Mal hatte man mich erwischt, und ich hab' meine Strafe immer richtig abgesessen, und jetzt erfuhr ich, daß ich wieder einmal angeklagt worden war. Es war eine unangenehme Geschichte, denn diesmal hatte ich harte Strafe zu erwarten, und deshalb dachte ich, es fei wohl besser, wenn ich mich aus dem Staube machte und drüben einmal mein Glück versuchte. Und gerade wie ich darüber nachdachte, fand ich im Gebüsch abseits vom Wege, ein Notizbuch, das einen Paß und einige Briefe enthielt. Sie können's mir glauben; ich habe diese Papiere gefunden und behielt von ihnen nur den Paß, weil ich hoffte, daß er mir gute Dienste leisten werde."
„Und was enthielten die anderen Papiere?"
„Es waren Briefe; sie waren an dieselbe Person adressirt, deren Namen der Paß trug."
„Franz Krüger?"
„Jawohl."
„Und ihr Inhalt?"
„Hm, soviel ich mich erinnern kann, waren es Mahnbriefe; der Mann mußte wohl viele Schulden haben. Im Notizbuch fand ich auch nur Zahlen. Ich verstand davon Nichts, und wenn's nicht inzwischen verfault ist, muß das Notizbuch sammt den Papieren noch in dem hohlen Baume liegen."
„In dem Baume, in dem der Förster Hellmuth Eure Büchse fand?"
Der rothe Fritz nickte bejahend.
(Fortsetzung folgt.)
Mutter ßarey's Küchelchen.
Die englische Brigg „John Douglas" war auf der Fahrt von Plymouth nach Westindien bis in die jedem Jndienfahrer wohlbekannte Region der unbeständigen Winde gelangt und befand sich nach der Rechnung des Capitains Dumnore noch fünf Tagereisen von dem Hafen St. John auf Antiqua entfernt. Der „John Douglas" führte außer seiner Ladung, die hauptsächlich in Stahl- nnd Eisenwaaren, Ackergeräthen u. s. w. bestand, auch noch eine kleine Gesellschaft von Passagieren mit sich, die inrgesammt von Plymouth aus an Bord gegangen waren und sich sehr gut mit einander vertrugen. Den Kern der Gesellschaft bildete Mr. Hendricks, ein reicher englischer Handelsherr, der in dringenden Geschäften nach den Antillen reiste, dessen liebenswürdige junge Gattin und deren gleichfalls sehr gebildete, schöne und die feinsten gesellschaftlichen Umgangsformen offenbarende Schwester, Miß Jenkinson. Weiter gehörten noch zu den Passagieren des „John Douglas" Mr. Webster, ein junger Doktor der Oxforder Hochschule, welcher verschiedene wissenschaftliche Unter
suchungen in der westindischen Inselwelt vornehmen wollte, ein Freund von ihm, ein Deutscher, Namens Reichardt, welcher einer früheren Abredung gemäß jetzt Mr. Webster begleitetete und endlich Ken O'Moorley, ein lustiger Sohn der „grünen Insel." Moorley, einer reichen Dubliner Advokatenfamilie entsprossen, hatte zu Hause verschiedene dumme Streiche begangen und war von seinem „Alten" in die Welt geschickt worden, um sich ein wenig die Hörner abzulaufen. In Plymouth lag gerade der „Douglas" segelfertig da und der junge Irländer, welcher zu dieser Zeit nach dem genannten Hafenorte gekommen war, hatte sich keinen Augenblick besonnen, Passage nach d n westindischen Inseln zu nehmen.
Es war demnach nur eine kleine Gesellschaft die sich in der Cajüte des „John Douglas" zusammenfand, aber vielleicht gerade deshalb vertrugen sich die Leutchen desto besser und sie hatten sich auf der ganzen Reise bisher wirklich prächtig amüsirt. Besonders O'Moorley, lebendig, feurig, voller Geist und von jenem fröhlich-sorglosen Wesen, das im Allgemeinen den Söhnen Erin's so eigen ist, trug viel zu der heiteren Stimmung bei, welche bis jetzt bei den Passagieren des „John Douglas" vorgewaltet hatte. Hauptsächlich den Damen Mr. Hend- rick's war der Irländer ein unermüdlicher Gesellschafter, ihnen schoß er Seevögel zum Abzeichnen und Malen, für sie fing er allerhand Fische und wunderbares Seegewürm, kurz, für sie suchte sich der junge Mann nach jeder Beziehung hin nützlich zu machen. Mit den männlichen Passagieren spielte er Whist oder Schach oder führte mit ihnen allerhand burleske Gespräche und auch bei der Schiffsmannschaft war Ken O'Moorley wegen seines fröhlichen Wesens allgemein beliebt — und dennoch sollte er gar bald sich die ganze Schiffsmannschaft zu erbitterten Feinden machen, ja, sogar das Leben darüber einbüßen I
Die Damen wünschten für ihr Album gern noch einen Sturmvogel ober vielmehr Sturmschwalbe*) zu besitzen, von jener kleinen Gattung, welche die Matrosen „Mutter Carey's Küchelchen" (mother Carey’s kilchen) zu nennen pflegen und welche bei dem Schiffsvolk aller Zonen als Unglücksvög l gelten, die man nicht erlegen dürfe, wenn das Schiff nicht vom schwersten Unheil verfolgt werden solle. Der Irländer hatte den Damen schon längst versprochen, ihnen ein paar Exemplare als Modelle zu schießen, ohne daß er aber sein Versprechen bis jetzt hätte einlösen können. Gerade an dem Tage, an welchem Capitain Dumnore seine Berechnung gemacht hatte, nach welcher der „John Douglas" noch 5 Tagereisen vom St. John entfernt fein sollte, war es nun St. Moorley gelungen, zwei der kleinen Sturmvögel, von denen sich an diesem Tage eine ganze Schaar
*) Thalassidroma pelagica L., wird etwa 14 Centi- meter lang, mit sehr langen schwalbenartigen Flügeln.


