Ausgabe 
21.9.1886
 
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Aber als er am nächsten Morgen erwachte, ließ er seinen Vorsatz wieder sollen; er sah wohl ein, daß er sich gedulden mußte, bis Herr von Görlitz aus eigenem Antriebe auf diese Angelegenheit zurück­kam und ihm erklärende Mittheilungen machte.

Der Untersuchungsrichter wollte an diesem Morgen den rothen Fritz wieder verhören; führte auch dieses Verhör zu keinem Resultat, dann sollte der Vagabund in seine Heimath zurücktransportirt werden.

Keller trat heute nicht so trotzig auf. Er schien mit sich zu Rathe gegangen zu sein und einen andern Entschluß gefaßt zu haben.

Wir müssen endlich einmal die Akten schließen, Keller", sagte der Untersuchungsrichter;Eure Hei- mathsbehörde hat Euch reklamirt, Ihr scheint bei ihr noch Manches auf dem Kerbholz zu haben, was jetzt mit dem Uebrigen zum Austrag gebracht werden soll. Und daß Euer hartnäckiges Leugnen Euch nicht retten kann, das müßtet Ihr nun doch längst eingesehen haben. Die Beweise zeugen gegen Euch, sie genügen den Geschworenen, Euch zu verurtheilen."

Beweise?" erwiderte der rothe Fritz achsel­zuckend.Man kann Beweise machen, wenn man einen armen Teufel verderben will. Ich war's nicht, der auf den Herrn Referendar geschossen hat; aber ob ich das hundertmal betheuere, man glaubt es mir ja doch nicht."

Eure Büchse"

Wer hat sie gesunden, Herr Richter? Der Förster Hellmuth; er war's auch, der den Verdacht auf mich lenkte. Ich bleibe dabei, die Kugel galt dem Wirth Fahne, und der Förster hat sie abge­schossen. Sie kennen den Jähzorn und den rach­süchtigen Charakter dieses Mannes nicht, und daß er Ursache hatte, den Wirth zu hassen, das steht fest. Nachher konnte es ihm nicht schwer fallen, mich in Verdacht zu bringen und zu behaupten, ich habe d-n Referendar erschießen wollen."

Ihr habt damit gedroht!"

Nein, damit nicht! Ich habe nur gesagt, diese Hetzjagd müsse ein Ende nehmen; aber ich wäre ja reif für das Tollhaus gewesen, wenn ich das durch einen Mord hätte erreichen wollen. Es war ja klar, daß auf mich der erste Verdacht fallen mußte, und daß mir keine Zeit gelassen wurde, mich aus dem Staube zu machen. Und wenn ich wirklich vorge­habt hätte, den Herrn zu erschießen, dann würde ich ihn auch getroffen haben. Ich fand Gelegenheit genug dazu, denn er war oft im Walde, und ich konnte ihm in aller Ruhe auflau rn und ihn sicher arff's Korn nehmen; aber daran dachte ich nicht."

Mit dieser Vertheidigung kommt Ihr nicht durch", sagte der Richter.Wir müssen uns auf die Beweise stützen, die gegen Euch vorliegen, und diese Beweise sind überzeugend. Die Uhr und den Ring des Herrn v. Salberg wollt Ihr auch gefunden haben, und doch wagtet Ihr nicht einmal, sie mit nach Amerika zu nehmen!'

Wenn sie bei mir gefunden wurden" Dann konnte man Euch ein Verbrechen Be#

weisen, das war's, was Ihr gefürchtet habt. Ich gehe noch weiter, man klagt Euch nicht nur des Raubes, sondern auch des Mordes an, und Ihr dürft Euch darauf verlassen, daß man Beweise genug für diese Anklage finden wird. Ihr versteckt Euch stets hinter geheimnißvollen Andeutungen, Ihr sucht Andere zu verdächtigen und dadurch den Richter irre zu führen, aber wir kennen diese nichtsnutzigen Manöver und legen gar keinen Werth darauf. Der Oberförster von Reizenstein ist ein unbescholtener, pflichttreuer Beamter, ein Ehrenmann im vollsten Sinne des Wortes; wer ihn verdächtigen will, stellt dadurch nur sich selbst ein schlimmes Zeugniß aus."

Bah, wenn ich reden wollte"

Redet, dann werden wir bald wissen, woran wir sind! Der Oberförster hat Euch die Mittel zur Rückreise nach Amerika angeboten, aber in den ersten Jahren kann von dieser Reise keine Rede fein, und wird Euch der Mord bewiesen, dann werdet Ihr bis an's Ende Eures Lebens int Zuchthause bleiben. Ihr habt von dem Verschwinden einer Leiche ge­fabelt, und doch ist die Leiche im Walde gefunden worden. Was bezweckt Ihr mit diesen räthselhaftm Andeutungen? Ich behaupte, Ihr habt den Herrn ermordet und beraubt und den Revolver neben die Leiche gelegt, um das Gericht glauben zu machen, daß Euer Opfer sich erschossen habe. Dieser Be­hauptung könnt Ihr nun mit Ausflüchten und Ver­dächtigungen entgegentreten, aber dadurch entkräftet Ihr sie nicht."

Der rothe Fritz strich mit der breiten Hand lang­sam über sein hageres Gesicht und wiegte, wie in Sinnen versunken, das struppige Haupt.

Wenn ich Ihnen auch die volle Wahrheit sagen wollte, so würden Sie mir doch nicht glauben", er­widerte er;der Oberförster steht ja so hoch über mir"

Vor dem Gesetz nicht! Sagt', was Ihr wißt nur sorgt, daß Ihr bei der Wahrheit bleibt."

Der Vagabund schüttelte abermals das Haupt, | sein forschender Blick ruhte jetzt auf dem Referendar, es schien ihm schwer zu fallen, einen Entschluß zu fassen.

In Gottes Namen!" sagte et endlich.Dte Uhr und der Ring haben mich nun einmal in die Klemme gebracht, da ist es denn besser, wenn ich die volle Wahrheit bekenne. Ich bin immer ein ehrlicher Kerl gewesen, Herr Richter, Sie können mir's glauben, was auch die Behörde in meiner "Heimath über mich berichtet haben mag. Einmal habe ich dürres Holz aus dem Forst geholt, nicht für mich, sondern für eine arme todtkranke Frau, die von der Gemeinde im Stich gelassen wurde; darüber hat man mich erwischt, und ich hab' einige Tage brummen müssen. Und daß ich immer ein leidenschaftlicher Jäger gewesen bin und dann und wann einmal einen Hasen geschossen habe, das will { ich auch nicht leugnen. Wer hat denn das Wild i geschaffen? Wer ernährt's? Und wer giebt allein den großen Herren das Recht, es zu schießen?"