Gießener Jamilienblätter.

BsLekistisches Beih!stt MW Gießener Knzsiger-

Ak. 98. Samstag den 21. August.________ 1886.

Saat und Ernte.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

»Zugegeben! Aber müßte er nicht voraus- sehen, daß der erste Verdacht sich auf ihn lenken würde?"

Glauben Sie denn, jeder Verbrecher sei so vor­sichtig, die Folgen seiner That vorher reiflich zu überlegen?" spottete der Referendar, während sie langsam weiterschritten.Nichts ist natürlicher, als daß der Bursche einen glühenden Haß gegen mich haben muß, und der Haß folgt dem Impuls des Augenblicks. Geben Sie Acht, ob ich nicht Recht habe!"

Könnte nicht die Kugel auch mir gegolten haben?" sagte der Wirth gedankenvoll.

Und wer sollte in diesem Falle der Schütze ge­wesen sein?"

Ich wage nicht, meinen Verdacht auszusprechen."

Sie denken an den Förster Hellmuth?"

Liegt dieser Gedanke nicht nahe?"

Nach meiner Ansicht nicht. Hellmuth ist könig­licher Beamter, er hat denn doch zu viel zu ver­lieren, als daß er"

Sie sagten vorhin selbst, der Haß überlege nicht lange die Folgen", unterbrach Fahne ihn.

Sehr richtig aber der Förster Hellmuth wird doch nicht seine ganze Existenz aus's Spiel setzen, nur um Rache zu nehmen für eine verdiente Demüthigung! Solche Rache könnte er auch durch andere, minder gefahrvolle Mittel erreichen, und so sage ich Ihnen noch einmal, die Kugel galt mir allein!"

Dann muß der rothe Fritz sofort verhaftet werden!"

Ganz meine Meinung kommt dort der Förster?"

Der Wirth warf einen prüfenden Blick auf den Mann, der auf einem Seitenwege rasch näher kam. Auch er kam, aber aus einer andern Richtung, aus dem Walde, und schon sein Gang ließ erkennen, daß er sich in erregter Stimmung befand.

Hat einer von den Herren vorhin im Walde j geschosien?" fragte er, sobald er die Beiden erreicht hatte.

Haben Sie den Schuß gehört?" erwiderte Rommel.Betrachten Sie meinen Hut, dann werden Sie wissen, welch' edles Wild der Schütze sich er- koren hatte 1" i

Ihnen galt der Schuß?"

Sie denken, das sei Tollheit? Mag sein, aber es liegt Methode darin, und Sie werden nun auch leicht errathen können, wer mir eine Kugel zuge­dacht hat."

Hellmuth wiegte zweifelnd das Haupt, der Blick Fahne's ruhte unverwandt und durchdringend auf ihm.

Natürlich kann es nur der Vagabund gewesen sein", sagte er nach einer Pause.Ec hat ja ge­droht, daß er der Untersuchung ein Ende machen wolle."

Nichtig, daran dachte ich noch nicht", rief der Referendar.Oberst Johnson sagte mir dasselbe."

Aber woher soll er die Büchse genommen haben?" fragte der Wirth ungläubig.Die Kugel könnte aus einem andern Rohr gekommen sein und einem Andern gegolten haben."

Der Förster warf ihm einen zornflammenden Blick zu.

Was Sie damit sagen wollen, verstehe ich nicht", erwiderte er;ich warne Sie aber vor Ver­dächtigungen, die sich nur auf haltlose Vermuthungen stützen und unangenehme Folgen für Sie haben könnten. Sie fragen mich, woher der rothe Fritz die Büchse genommen haben soll? Ich kann Ihnen das ganz genau sagen, er hat sie vor seiner Aus­wanderung in einem hohlen Baume versteckt, dort fand er sie vor einigen Tagen wieder."

Woher wissen Sie das?" fragte der Referendar hastig.

Ich war zugegen, als er die Büchse aus dem Versteck holte."

Sie waren zugegen?"

Ja aber unbemerkt, er hatte keine Ahnung da­von. Als ich vorhin den Schuß hörte, dachte ich mir gleich, daß der rothe Fritz ihn abgefeuert habe; die Katze läßt ja das Stehlen nicht, und ich war längst darauf gefaßt, ihm auf einem verbotenen Wege wieder zu begegnen."

Der Wirth konnte jetzt keinen Zweifel mehr hegen, es wäre auch Thorheit gewesen, ohne Grund dm Haß des Försters noch zu steigern.

Er nahm von dem Referendar Abschied, der ins Dorf wollte, um die Verhaftung des Vagabunden zu veranlassen; Hellmuth schloß sich dem jungen Manne an.

Haben Sie den rothen Fritz heute Nachmittag noch gesehen?" fragte der Letztere nach einer Pause.

Ich begegnete ihm im Walde."

Trug er die Büchse bei sich."