Ausgabe 
21.8.1886
 
Einzelbild herunterladen

890

man den Burschen, der noch keinen festen Wohnsitz gefunden hatte, suchen sollte. Ueberdies war der alte Polizeidiener nicht der Mann, einen so ver­wegenen Verbrecher einzufangen.

Der Ortsvorsteher wollte ohne. Verzug dafür sorgen, daß am nächsten Morgen in aller Frühe zwei Gensdarmen zur Stelle wären; sodann wurde noch verabredet, daß bei der Untersuchung tut Walde außer dem Förster auch der Ortsvorsteher und der Wirth Fahne zugegen sein sollten.

Auf dem Rückweg zumWeißen Hirsch gesellte Hans von Reizenstein sich zu dem Referendar. Er hatte das Vorgefallene bereits durch seinen Schwager erfahren, und es schien in seiner Absicht zu liegen, mit dem Untersuchungsrichter darüber ohne Zeugen

der Sie standen?'

Ich werde sie wiederfinden."

Dann finden wir auch die Kugel", nickte der Förster.Aber mit der Ergreifung des Burschen wird's doch wohl einige Schwierigkeiten haben; unter Polizeidiener ist ein alter Invalide"

So müßen Gensdarmen aufgeboten werden!

Dazu werden Sie den Ortsvorsteher schwer be­wegen können", fuhr Hellmuth kopfschüttelnd fort. Der Mann ist träge und eigenwillig"

Bah, Alles schon dagewesen!" unterbrach ihn der Referendar mit einer energischen Handbewegung. Man muß nur verstehen, mit solchen Käuzen umzugehen." t ± .

Sie hatten das Dorf erreicht und traten jetzt in das Hans des Ortsvorstehers, der, ganz im Gegen- satz zu den Besorgnisien Hellmuth's, sofort bereit war, die Forderungen des Referendars zu erfüllen, sobald er erfuhr, daß die Gemeinde von dem Vaga­bund befreit werden sollte.

Zwar war es sehr unwahrscheinlich, daß die Verhaftung heute noch erfolgen konnte, denn die Nacht brach bereits an, und man wußte nicht, wo

Ich kann's nicht wißen; hätte ich sie gesehen, so würde ich sie confiscirt haben."

Weshalb thaten Sie das nicht, als er ste aus dem Versteck holte?" . . .,

Weil ich ihm nicht verrathen wollte, daß ich ihn belauscht hatte."

Sprachen Sie ihn an?" , i

Ja, ich forderte ihn noch einmal auf, ferne ge- heimnißvollkn Aeußerungen über den Oberförster zu \ ergänzen und mir weitere Erößnungen zu machen. Sie wünschten das ja"

Und er wollte es nicht?"

Er weigerte sich hartnäckig."

Stieß er bei dieser Gelegenheit abermals Drohungen gegen mich aus?"

Daran hat er es niemals fehlen laßen!'

Und ging aus diesen Drohungen hervor, daß er mich durch ein Verbrechen zu beseitigen gedachte?'

Rein, dazu war er zu vorsichtig, seine Drohungen waren allgemein gehalten, sie beschränkten sich stets darauf, daß er Ruhe haben und deshalb der Unter­suchung ein Ende machen wolle."

Daraus läßt sich immerhin das Vorhaben eines Verbrechens entnehmen", sagte der Referendar. Werden Sie den Baum wiederfinden, in dem die Büchse so lange versteckt war?"

Gewiß!"

Ich vermuthe, daß der rothe Fritz nach dem Attentat die Büchse wieder dort versteckt hat, wir werden morgen früh nachsorschen, kommen Sie gegen acht Uhr zu mir in denWeißen Hirsch", um mich abzuholen. Wir müssen dann auch dir abgeschossene Kugel suchen." . ...

Das wird ein schweres Stück Arbeit werden?'

Richt doch, ich habe deutlich gehört, daß die Kugel in einen Baum einschlug"

Und Sie wißen ganz genau die Stelle, aus

leben»

Ich glaube, daß Sie eine falsche Fährte ver­folgen", sagte er, nachdem der Referendar ihm die getroffenen Anordnungen berichtet hatte.Der rothe Fritz hat nach meiner Ueberzeugung das Attentat nicht begangen." ,

Diese Behauptung läßt mich vermuthen, daß Sie den Verdacht auf einen Andern lenken wollen , erwiderte Rommel in unwilligem Tone.Ihr Schwager machte vorhin denselben Versuch. Ich glaube, meiner Sache sicher zu sein, und werde mich durch die Ansichten Anderer nicht abhalten laßen, diese Spur zu verfolgen."

Sie müssen das natürlich wissen, und die Ab­sicht, Ihnen Vorschriften machen zu wollen, liegt mir fern", fuhr Hans fort.Deshalb kann ich M immer an meiner Anschauung festhalten. Ich bm fest über­zeugt, daß die Kugel meinem Schwager zugedacht war. Der Vagabund wäre für das Irrenhaus reif hätte er Sie auf diesem Wege beseitigen wollen. Mag er auch höchst ungehalten darüber sein, daß Sie ihm hierher gefolgt; mag er auch in aus- wallendem Zorn Drohungen ausgestoßen haben die That selbst hat er nicht begangen, dazu fehlt ihm der Muth." . ,

Ist ein besonderer Muth dazu erforderlich, einen Menschen aus dem Hinterhalte niederzuschießen? fragte der Referendar verächtlich.

Gewiß, es gehört Muth dazu, den unausbleib­lichen Folgen der That die Stirn zu bieten."

Bah, was liegt einem solchen Burschen, der Nichts zu verlieren hat, an einigen Jahren Zucht­haus? Anders aber wird darüber Derjenige denken, den Sie dieses Mordversuchs beschuldigen wollen ich meine, daß müßten Sie wißen, Verehrtester! Ihr Verdacht ist ganz unhaltbar; außerdem sprechen auch die Beweise, die ich bereits gesunden habe, gegen ihn. Sie werden morgen, wenn die Resultate der Untersuchung vorliegen, anders darüber denken; halten Sie deshalb mit Ihrem Urtheil zuruck.

Sie waren vor dem Gasthause angelangt. Hans zuckte die Achseln, als ob er sagen wolle: Wem nicht zu rathen sei, dem sei auch nicht zu helfen. Dann nahm er mit kurzem Gruß Abschied, um in ! das Schenkzimmer zu gehen.