Ausgabe 
21.1.1886
 
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hauptsächlich für die hohen oder halbhohen Taillen; die ausge­schnittenen verzichten im selt­samen Gegensatz häufig auf jeglichen Ausputz; eine schöne Spitze, eine mit Blumen unter­mischte Achselschteife unterbrechen allerhöchstens die schöne Schulter­linie. Die ausgeschnittene Taille führt uns auf die Ball-Toiletten, für welche eine Fülle der schönstei!, duftigen Stoffe zu verzeichnen ist. Zunächst seien die kostbaren, aber höchst reizvollen, weißen Tülls erwähnt, auf denen mit offener, buntfarbiger Seide und Chenille größere Einzelblumen oder zier­liche Bouquets gestickt sind, ferner die mattfarbigen Gazestoffe mit erhabener Metall- und seidener Schlingen-Musterung, mit Ketten­stich-Stickerei u. s. w. Alle diese sind sehr kostbare Fabrikate, während die mehr oder minder reich mit Metallfäden durch­schossenen mattsarbig bedruckten

An­

stellen und doch brillant wirken. Vielfach sieht man noch immer auch im Ballsaal einfarbigen Voile und Kaschmir, neuerdings jedoch häufig mit einem damas- cirten, halbseidenen Stoff zu­sammengestellt. Natürlich do- minirt, we- es sich um das Tanzen handelt, das kurze Kleid, und ist der graziös drapirte Bauernrock eine der beliebtesten Formen.

In verschwenderischer Fülle werden Blumen angebracht. Als Tuffs und Ranken halten und raffen sie die Stofffülle der Röcke, während eine volle Guir- lande den untern Rand umgiebt und eine feine Ranke den Taillen- schooß säumt; auch sind voll­ständige Latz-Garnituren aus Blumen sehr beliebt. Im Haar tragen ganz junge Damen häufig das runde, seitwärts unter schmalen Band-'chlupfen geschlos­sene Kränzchen, allgemeiner sind jedoch einzelne, schmal und hoch gebundene Sträußchen, welche beliebig seitwärts oder in der vorderen Mitte des hoch frifirten

Tarlatans nicht zu große forderungen an die Kasse

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Haares angebracht werden. Als auserlesene Feinheit gilt als Vervollständigung der eleganten Toilette ein Fächer aus weißen Straußenfedern mit einem Vogel oder Schmetterling in der Miite und schönem Handgriff aus Goldbronze, Elfenbein oder Perlmutter, welcher jedoch nicht zusammenlegbar sein darf und neuerdings die Form einer Lyra zeigt.

^Mannigfacher und ernster werden noch die Toiletten- Sorgen, sobald es sich nicht nur um einen Ball, sondern um ein Masken- oder Kostüm-Fest handelt. Phantasie und Ge­schmack allein reichen hier oft nicht aus, und wenn bei einem National-Kostüm z. B. die Echtheit als erste Forderung auf­gestellt wird, so gilt es vor allem sich gute Vorlagen zu ver­schaffen. Hier kommt nun das bekannte Mod en blattDie Jllustrirte Frauenzeitung" nicht nur durch die Darstellung malerischer Volkstrachten, wie die der Slavonier und Rumänen, neben allerlei drolligen. Masken-Kostüm n zu Hülfe, sondern wesentlich auch durch die dem Blatte beigelegtenKostümbilder, weiche, von Künstlerhand gezeichnet und eolorirt, den sichersten Anhalt geben. Gute Vorlagen für Kostüme verschiedner Zeit-Epochen geben ferner viele allgemein bekannte Bilder.

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Wie kleidsam sind nicht die Schäferinnen-Kostüme a la Watteau in geschmackvoller Zusammenstellung aus rosa und weißem Atlas und reich mit Rosen geschmückt. Ein kleidsames Kostüm aus der Zeit der Renaissance besteht z. B. in einem eckig ausgeschlossenen

Prinzeßkleide aus rosa Seide, dessen unteren Rande eine breite Sticke­rei aus Perlen und Goldsontache verziert.

Auf den Hüften wird der Rock je durch eine knotenartige Puffe leicht gerafft, sodaß einFutter aus dunkelrothem Atlas und ein gleiches Unter« gewaud zur Geltung

kommen. Den durch eine Puffe aus grünem Sammet vervollstän­digten Aermel schmückt wiederum die Stickerei. Aus grünem Sammet ist auch die Stola zu fertigen welche herz­förmig, ausgeschnitten, vorn .den ebenfalls ge- mächt'gen, buntfarbigen Zeit) geschmückt wird.

mit zwei Ädlerfedem geschmückte Käppchen und die mit grünen Sammetaufschlägen versehenen spitzen Schuhe sind aus rothem Sammet. Rothseidene Strümpfe, eine Gold- dKsSt

kette mit schönen Schild und eine

Laute vervollständigen das Ganze. ßL/ ißp Den meisten Spaß bereiten jedoch |

ost die Phantasie-Kostüme mit ihren

komischen Anspielungen. Sehr /ÄÄWÄ. «8 drollig kann z. B. der beste Bube f'MZKMÄAM l es gleich dem Bier jetzt salonfähig gewordenen Skatspiels wirken. Der

dunkle nicht zu faltige Atlasrock er- b ' .WK'WgMt hält am untern Rand wirkliche Treff- karten aufgenäht, dagegen verzieren p&fl die vorderen Ränder und die Aermel der wammsartigen Jackentaille von IMI <, lederfarbigem Plüsch schwere, aus

Sammet geschnittene Treffzeichen, I

welche man einfach mit flüssigem

Gummi aufklebt. Die Kopfbedeckung, aus weichem Filz, wird der des ______

Treffbuben möglich genau nachge- -^1-^'*'"

bildet und zur Vervollständigung des Kostüms ein kurzes Wehr- gehäng umgethan und eine Hellebarde in die Hand genommen.

Wie viel von dem, was wir täglich sehen läßt sich ferner darstellen, man muß nur offene Augen und Geschick haben. Wie nahe liegt uns z B. gerade jetzt der in der hellen Sonne glitzernde Schnee. Für das KostümSchnee" fertigt man einen mehrfachen Rock aus weißem Tüll, benäht ihn dicht mit Flocken aus weißem Schwan und rafft ihn durch Bereifte Zweige. (Der Reif läßt sich durch aufgelösten Alaun, welcher sehr schnell kristallisirt, inütiren.) Die Taille wird aus Atlas hergestellt und reich mit glitzerndem, weißem Schmelz benäht. Im Haar Diamanten; in der Hand einen weißen Federfächer mit einem Spiegel in der Mitte. Frau Sonne erscheint in einem Kostüm von Goldgaze, dessen Rock zum Theil durch ein zweites Röckchen aus himmelblauer Gaze gedeckt wird, welches eine in Strahlen auslaufende Scheibe aus Gold­blech rafft; auf dem Kopfe eine Strahlenkrone. M. St.

sticktell Latz seh-n läßt und mit einem Wappen (selbstredend aus jener Dasselbe kann gestickt, gemalt oder aus verschiedenen Stoffen oder gar Papier aufgeklebt werden. Das

Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.