Ausgabe 
20.11.1886
 
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Die Worfaßren der Kmierwäldler.

(Schluß.)

Die ersten Ansiedler in jenen Gegenden waren fast durchgängig Viehzüchter und das herrliche Klima sowie die mit dem schönsten Grase bestandenen Prairien konnten der Viehzucht in hohem Grade förderlich sein. Sehr wichtig für das Gedeihen der ersten Grenzcolonien im Westen war der Mais, das indianische Korn; ja, ohne diese Frucht hätten, wie Berichts aus jener Zeit behaupten, die Grenzcolonien gar nicht gehalten werden können. Die Leichtigkeit, mit welchter der Mais auch in geringerem Boden fortkommt, die geringen Vorbereitungen, deren der Boden bedarf, die Schnelligkeit des Reifens, sein Körnerreichthum alles vereinigte sich, um den Mais als eines der Hauptnahrungsmittel in so un­ruhigen Grenzländern erscheinen zu lassen. Außer­dem erwies sich diese Getreideart als den Witterungs- einflüssen nur sehr schwer zugänglich. Die ganze Einwohnerschaft einer Ansiedelung konnte die Ernte, arbeiten liegen lassen, wenn sich vielleicht ein Streif­zug gegen die Indianer nothwendig machte; das reife Korn blieb wohlbehalten auf dem Halme, man konnte es unter Umständen sogar den Winter hin­durch darauf stehen lassen. E« wuchs nicht aus und selbst Schneestürme vermochten diesem wetter­festen Getreide keinen Schaden zu thun. Die reifen Maiskörner ließen sich hierbei in sehr verschiedener Gestalt zur Nahrung zubereiten; sie schmeckten ge­kocht und geröstet, gerieben, eingequollen, gemahlen kurz in jeder Form. Etwas ganz besonders aus­gezeichnetes war derMusch" oderPone", der Maiskuchen, der mit Milch ebenso gut schmeckte, als mit Syrup, Honig oder Butter nun der Mais­kuchen nimmt ja auch heute noch einen Ehrenplatz rn der Hinterwäldlerischen Kochkunst ein. Natürlich hat der Mais all' diese seine vortrefflichen Eigen­schaften bis heutigen Tages behalten, aber den da­maligen Hinterwäldlern kamen dieselben eben in be­sonderem Maße zu Gute.

Die Belustigungen der Urgrenz Colonisten ent- sprachen durchaus der ganzen rauhen Lebensweise. Büchsenschießen nach Scheiben, Tomahawkwerfen wenn man eben die Hinterwäldler-Axt mit dem indianischen Kriegsbeil vergleichen kann das Ein- fangen der wilden Pferde und die Jagd bildeten die Hauptvergnügungen der Ansiedler. Ungeachtet ihres rauhen Sinnes liebten aber diese wild-trotzigen Ge­sellen die Musik außerordentlich; viele von ihnen verstanden das Waldhorn oder die Flöte zu blasen und wenn sich einmal ein Geiger oder ein Zieh­harmonika-Künstler unter dies Völklein verirrte, so mußte er oft wochenlang in den Ansiedlungen bleiben und er konnte sicher sein, immer einen Kreis dank- barer Zuhörer um sich zu haben.

Die wilden Sitten der Männer spiegelten sich auch schon in der Knabenwelt wieder; namentlich gab es amüsante Scenen, wenn ein Schullehrer aus den östlichen Staaten nach den Wildnissen des

Westens verschlagen wurde. Im allgemeinen waren die hinterwäldlerischen Jungm, unter denen es oft Burschen von 16 und noch mehr Jahren gab, gute und willige Schüler; kamen doch manchs von ihnen stundenweit nach dem Blockhause, das gewöhnlich als Schulgebäude diente, geritten, um noch etwas von der edlen Kunst des A-B-C zu profitiren. Aber die Leutchen wollten dafür auch einmal eine Ab- wechslung haben und dieselbe brachte regelmäßig die Weihnachtszeit. Es gab da immer eine Woche lang Ferien, aber die Knaben verfuhren hierbei nach echter Hinterwäldler-Manier. Die Ferien durften nicht freiwillig gegeben, sondern sie mußten genommen werden, die Knaben durften sie nicht als etwas er­halten, was sich von selbst versteht, sondern sie mußten sich die Ferien erkämpfen. Dies geschah meist in folgender Weise. Die Knaben gingen an dem Tage, an welchem die Ferien beginnen sollten, ganz zeitig in das Schulgebäude, zündeten darin große Feuer an und trieben den Schullehrer, dem das Schulblockhaus natürlich gleich auch als Wohnung diente, hinaus. Ec verlangte nun von außen in drohendem Tone, wieder Hineingelaffen zu werden, aber die jugendlichen Insurgenten weigerten sich, dies anders als auf ihre Bedingungen hin ein Schul­fest und eine Woche Ferien zu thun. Schließlich bekam der Lehrer und Herr der Hauses eine Partei auf seiner Seite und von jeder Partei wurden Ge­sandte mit Vollmachten zum Unterhandeln abgesendet. Wenn der Lehrer sich zu keinen Bedingungen herbeilaffen wollte und sich weigerte, den Friedens- vsrtrag zu unterzeichnen, so ward er von den wilden Jungen ergriffen und nach irgend einer in der Nähe befindlichen Quelle geschleppt, wo man den hartnäckigen Schulwonarchen richtig taufte; weiter trieb die hinter­wäldlerische Schuljugend ihren Uebernuuh nie- So­bald der Lehrer nachgab, ward ein Eilbote abge- sendet, um allerhand Lebensmittel und besonders auch Getränke herbeizuschaffen und die kurze Friedenszeit weihten Lehrer und Schüler mit einem gemeinsamen Versöhnungsfeste ein. Nach der Weihnachtspause fanden sich die Knaben pünktlich wieder im Schul­hause ein und wie sehr sie auch dann und wann von ihren Büchern durch andere Dinge abgezogen werden mochten, so hatten sie doch, soweit die Schul: selbst in Frage kam, außer der auf die Weiseer- oberten" Woche keine Ferien.

Daß jeder neue Ankömmling, namentlich wenn er Büchse und Axt gut zu führen verstand, in den westlichen Ansiedlungen hochwillkommen war, mußte bei den Zuständen wie sie damals, also in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, jenseits de» Mississippi herrschten, nur begreiflich erscheinen. Der Ansiedelungen, in denen sich eine größere Anzahl von Familien zusammen niedergelaffen hatte, gab e» nur wenige; war es doch ein eigenthümlicher Zug der Hinterwäldler sich beim Gründen einer Farm nicht allzunahe bei den schon in der Gegend Wohnenden niederzulaffen. Meist war der Ansiedler auf sich selbst und seine Familie angewiesen und die