Ausgabe 
20.11.1886
 
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nächstenNachbarn" wohnten oft meilenweit; er konnte daher jedeneue Hand" wohl brauchen, sei es zum Bestellen der sich jedes Jahr mehr aus- dehnenden Felder, zumKlären" des Urwaldes, sei es als Begleiter auf Jagdzügen oder zur Unter­stützung geg-n die Indianer. Hatte aber der An- kömmling Weib und Kind bei sich und wollte er sich auf eigenem Grund und Boden niederlaffen, da konnnte es keine getreueren, hilfsbereiteren Nachbarn geben, als die Hinterwäldler. Sie versammelten sich aus der ganzen Runde an einem Tage an den schon vorher zum Bau des Blockhauses für die neue Familie bestimmten Platze und in ein paar Stunden stand dasselbe durch vereintes Jneinandergreifen aller Kräfte fix und fertig da. Nachdem dies geschehen, brachte jeder irgend eine Gabe für die junge Wirth- schüft dar, der eine spendete ein paar Schweine, der andere eine Anzahl Federvieh, der dritte Maiskorn zur Aussaat und so ging es fort. Es war über­haupt der Stolz der Hinterwäldler, nachbarlich und gefällig zu fein, ohne daß sie es doch liebten, ein­ander auf dem Halse zu hocken. Familien, welche durch die Wildniß reisten, bedeckten, wenn sie ihre Nachtlager abbrachen, den glimmenden Rest ihres Feuers so, daß es durch die nach ihnen Kommenden mit leichter Mühe wieder angezündet werden konnte. Verlor von zwei Jägern im Walde der eine sein Mesier oder seine Munition, so zerbrach sein Kamrad die Klinge des eigenen Mesiers, oder durchfchnitt seine Bleistange, oder theilte sein Pulver, um dem Kameraden die Hälfte der Klinge, seines Bleivor- raches, feines Pulvers zu geben. Ward ein An­siedler krank und konnte er deshalb feine Felder nicht bestellen, so wurden Tage bestimmt, an welchen die nächstwohnenden Farmer zusammenkamen, die Arbeit des kranken Nachbars unter sich theilten, für ihn pflügten und eggten oder feine Ernte einbrachten, sein Holz holten, seinen Haushalt mit Fleisch u. s. w. versorgten und darauf sahen, daß er ordentlich Pflege und Aufwartung hatte.

Gewiß wird man noch heute in manchen Gegenden des amerikanischen Westens Züge freundnachbarlichen Zusammenwirkens finden, aber schwerlich mehr in einem so weitgehenden Maße, wie bei den ersten Hinterwäldlern und das ist schon dadurch erklärlich, daß damals die Ansiedler eben viel weiter ausein­ander wohnten und einander in Nothfällen geradezu gegenseitig Hilfe leisten mußten. In der Jetztzeit haben sich die Ansiedelungen im Westen verdoppelt, verdreifacht, verzehnfacht, aus einer einzigen Block­hütte mit ihren wenigen Bewohnern ist oft ein kleines Städtchen mit entsprechender Bevölkerungszahl geworden und da haben es dann die Ansiedler frei­lich nicht mehr nöthig, in Allem und Jedem zu­sammenzuhalten. Einem alten Squatter vom An­fänge dieses Jahrhunderts würde die Situation auch sehr seltsam vorkommen, wenn er heute die Gebiete von Arkansas und Missouri, von Mississippi oder gar von Tenneffen und Kentucki wurden ja

letztere beiden Staaten vor etwa fünfzig Jahren noch mit zum Westen gerechnet durchstreifen könnte. Während er damals oft viele Meilen wandern konnte, ehe er an eine Halbwegs größere Ansiedelung kam und während auch die einzelnen Blockhütten oft meilenweit auseinander lagen, würde er jetzt um uns seiner vermuthlichen Ausdrucksweise zu bedienen, in jedem Augenblick mit der Nase an ein Fenz gestoben und ein so dichtes Nebeneinanderwohnen der Menschen wäre den Hinterwäldlern von anno dazumal ein Gräuel gewesen. Und der biedere Squatter würde jedenfalls noch so manches Andere unangenehm verändert finden, besonders aber die Jagd. Brauchte man doch vor fünfzig, fechszig Jahren in Arkansas oder Misiouri früh blos ein wenig vor seine Hütte zu gehen, wenn man zum Frühstück noch einen feisten Truthahn schießen wollte. Hirsche gab es in Hülle und Fülle und was die Bären anbelangt, so brauchte man nach ihnen gerade auch nicht tagelang zu rennen und auch an Panthern und ähnlichem Raubzeug war kein Mangel. Heute ist in dm Staaten unmittelbar links und rechts vom Mississippi das höhere Jagd- und Raubgtthier so ziemlich ausgerottet und wer sich etwa das Vergnügen machen wollte, in den Dickichten von Arkansas auf Bären pirschen zu gehen, der könnte lange Herum­laufen, ehe er eines der schwarzen Burschen überhaupt ansichtig werden würde.

Der Unterschied zwischen Sonst und Jetzt in den Verhältnisien des Westens macht sich aber schließlich auch nach einer Seite bemerkbar, bei der die Gegen­wart unläugbar im Vortheil ist. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts dehnten die Männer der rothen Raffe ihre Raub- und Streifzüge bis weit nach Virginien hinein und in den damaligen Grenzdistricten mußten sowohl die Bewohner der in den Urwäldern einzeln zerstreuten Blockhäuser, als auch der größeren Niederlaffungen stets auf demQui vive? gegen- über dem Indianer fein und wirklich erschütternde Scenen wiffen die Berichte aus dem damaligen Erenzkriege mit den Indianern zu berichten. Das ist heute auch wesentlich anders geworden; je weiter der rothe Mann von der unaufhaltsam. vorwärts stürmenden Civilisation nach Westen zurückgedrängt wurde, desto geringer wurde auch die Offensivkraft des ersteren und Gefahren räuberischer Ueberfälle seitens der Indianer bestehen heutzutage eigentlich nur noch für die Ansiedelungen in den entlegenen Grenzgebieten von Neu-Mcxico und Arizona. Der Farmer von Arkansas aber kann sich ruhig zu Bett legen, ohne befürchten zu müssen, daß er, wie seine Vorfahren, durch das Kriegsgeschrei der Rothhäute aus dem Schlafe geschreckt wird und wenn sich einmal ein Indianer in den dortigen Niederlassung blicken läßt, so ist es höchsten» ein verkommenes nach Feuerwaffe lüsternes Individuum der rothen Raffe.

Redaktion: N, Echeyda. Druck und Verlag der Brühl'sche« Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.