Ausgabe 
20.11.1886
 
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Hießener Jamilienblätter

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1886.

Samstag den 20. November.

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die kleine Vera in solche untergeordnete Verhältniffe gerathen ist."

,31«, ste hätte in schlimmere Hände gerathen können, Fräulein Natalie I" bemerkte der Notar, mag Frau Möller auch ungebildet sein, roh ist ste nicht, und Sie hörten ja selber, was sie für dis mutterlose Waise thun will. Echte Liebe, wie ste dem verlassenen Kinde hier geboten wird, wiegt allen äußeren Schliff, alle vornehme Bildung auf."

Wohl wahr", nickte die junge Dame,nur daß gerade in diesem zarten Alter alle Eindrücke der Umgebung sich dem ganzen Menschen zu fest auf- prägen, ihm gleichsam den Stempel seines äußeren und inneren Wesens verleihen. Dieser Gedanke ist mir beinahe unerträglich, da die spätere Erziehung dergleichen selten ganz verwischen und ausmerzm kann. Aber die Frau ist in ihrer Liebe auch förm­lich despotisch und eifersüchtig auf ihre Mutterrechte; ich möchte nicht mit ihr in Conflici gerathen."

Gewiß nicht", lachte der Notar,Herr Möller weiß ein Liedlein davon zu singen. Doch, wie ge­sagt, die Frau ist brav und hat ein Herz in der Brust, die Kleine wird bei ihr schon gedeihen."

Ich werde mit darüber wachen", nickte Natalie energisch,es ist mir gerade, als wäre die arme Mutier heute Abend gekommen, um für ihr Kind zu bitten; ich werde schon dafür sorgen, daß sie nicht zu ihrer niedrigen Umgebung herabgezogen wird."

Sie standen vor dem Hause der Banquiers und s mit einem herzlichen Händedruck schlüpfte Natalie

hinein.,

Der Notar schritt langsam werter; ferne Ge­danken beschäftigten sich mit der Erzählung des Hut­machers und ließen die Einzelheiten noch einmal vor seinem Geiste vorübergleiten. Der Abend war kalt und klar. Hoch oben im Aether schwamm der Mond und spiegelte sich in der dunklen Fluth der Alster. Der alte Herr achtete nicht auf den Weg, er schritt durch den Jungfernstieg; seine Gedanken verweilten in diesem Augenblick bei dem vornehmen Herrn, welcher den neugierigen Hutmacher das zweite Mal von seiner Nachforschung vertrieben hatte und so plötzlich vor dem Ueberraschten aufgetaucht war. Grübelnd schritt er weiter, sich fortwährend nut dieser unheimlichen Gestalt beschäftigend, als er plötzlich seinen Namen rufen hörte, und erschreckt stehen blieb.

Sie schreiten ja so automatisch einher wie ein Nachtwandler, mein alter Willing! Was in aller Welt kann Sie so kopfhängerisch machen?"

!Ah, Sie sind's, Helmuth!" rief der Notar, dem

Die neue Mama!" ,

So ist's recht, Herzchen! darüber wird sich die tobte Mama freuen; komm', gieb ihr ein Küßchen."

Vera schaute sie mit den träumerisch fragenden Augen des Bildes an und drückte dann die rothen schwellenden Lippen auf das süße Antlitz, besten ver­jüngtes Ebenbild sie zu sein schien.

Dann steckte der Notar das Medaillon zu sich und - verließ mit Natalie das Hau«, während die Kleine ! in der glücklichen Vergeßlichkeit ihres Alters wieder s vergnügt zu ihrer Puppe zurückkehrte.

Da hätten wir also die Spur des polntschen Arbeiters, besten Gattin ihrem Paß zufolge diese junge vornehm aussehende Frau sein müßte", be­merkte der Notar, als ste rasch auf der Straße da­hinschritten. u

Nun, daß jenes Kinb einem anderen Kreise entstammt, muß der Unbefangenste auf den ersten Blick erkennen", versetzte Natalie,mich schaudert vor dem Drama, und bedaure ich vor Allem, daß

Bis zur letzten Klippe.

Original-Roman von E. Heinrichs.

(Fortsetzung).

Sorgen Sie nun auch dafür, daß Herr Möller nichts ausplaudert", setzte der Notar hinzu,auf Geheimhaltung kommt sehr viel an."

Der sagt nichts, werde es ihm aber auch ein- schärfen, daß er seiner Frau nichts davon erzählt."

Bei Leibe nicht es wisten jetzt schon genug davon."

Der Hutmacher verbeugte sich vor Natalte und ging. Letztere nahm das Medaillon aus der Hand des Notars, um es der ungeduldig trippelnden Vera zu zeigen. Diese betrachtete es aufmerksam, wobei die Augen des Kindes immer größer wurden.

O, Mama!" sagte es plötzlich leise,Vera hat Dich doch lieb."

Natalie und der Notar blickten sich erregt an.

Erkennst Du Deine tobte Mama, liebe Vera?" fragte bte junge Dame leise unb tiefbewegt.

Die Kleine nickte.

Mama bei Vera bleiben!" sagte sie entschieben, immer immer!"

Dann weint die neue Mama", sprach Natalre, zwei Mama darf man nicht haben. Nun, sprich, Vera! willst Du die tobte ober bte neue Mama be­halten?" , ,

Das Kinb warf noch einen sehnsüchttgen Bltck euf bas Bild, reichte es bann zögernb hin unb sagte: