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er mit Wohlthaten überhäufte, der reich wurde, während sein Vermögen zusammenschmolz, um die Hand seiner lieblich herangeblühten Tochter Maria. Dieses Mädchen wollte der habgierige Unmensch nun auch noch sein nennen und so daö ganze Marek'sche Vermögen an sich bringen.
Täglich lag er dem Oheim in den Ohren, sein Jawort zu geben und den Hochzeitstag zu bestimmen.
Nein, und abermals nein, sagte stch aber Marek, das konnte, das durfte nicht sein, an der Seite dieses Menschen mochte er stch die Zukunft seines Kindes nicht denken und so beschloß er, dieser Werbung auf andere Art, als sein Neffe meinte, eine Ende zu machen und sollte es ihn das größte Opfer kosten. Als nun am Tage vor Palmarum die Arbeiter abermals kündigten und erklärten, so lange ein solcher Menschenschinder auf dem Hof sei, würden sie jedem ordentlichen Kameraden abrathen, dort in Beschäftigung zu treten, und Rainer aus Vorhalt des Oheims mit frechem Lachen sagte: „Mögen ste alle laufen, die Hunde!" um dann gleich darauf von baldiger Verlobung anzufangen, ja diese erzwingen wollte, da rafft« der so demüthig gewordene Mann noch einmal seine frühere Energie zusammen, packte den Unverschämten mit eiserner Faust, warf ihn gegen die offenstehende Thür und schrie ihm zu: Hinaus mit Dir, herzloser, elender Bube! Gehe mir für immer aus den Augen! Dein Maaß ist übervoll! Lieber will ich meine Tochter auf der Bahre sehen als an Deiner Seite. Hinaus sage ich, oder--
Erst nach einer Weile konnte stch der Hingeschleuderte aufraffen — als er zur Thür hinaus- schritt, sagte er laut: „Zu der Bahre kann Rath werden" und fügte leise, die Faust ballend, hinzu: „Das sollst Du mir büßen, Alter!"
Und heute war nun wieder Charsamstag und solch köstliches Frühlingswetter wie vor zehn Jahren. Man erzählte sich, der fremde Baumeister sei schon angekommen und Gast des hochwürdigen Herrn Priors und morgen bei dem prächtigen Gaftmahl solle er den Honorationen der Umgegend vorgestellt werden.
In den Bürgerhäusern wurde gescheuert und gebacken und auch Frau Therese Marek trachtete darnach, mit Hülfe ihres Töchterchens noch am Vormittag alle VoÄereitungen zum morgenden Feste zu beendigen.
Herr Marek revidirte seinen wiederum in tiefster Ruhe liegenden Zimmerhof — gleich nach dem Feste wollte er neue Arbeiter annehmen, denn jetzt, nachdem der Rainer, der Bedrücker und Leuteschinder fortgewiesen war, durfte er auf neues Angebot hoffen.
Marek dachte auch seine Verhältnisse wieder so weit ordnen zu können, daß er bei einem plötzlichen Tode seine Frau und Tochter nicht mittellos zurückließ, mittellos durch seine Schuld! Denn warum hatte er den unseligen Rainer so lange geduldet,
warum ihn nicht schon vor Jahren fortgewiesen? Es hätte ja nur eines energischen Protestes, eines unbeugsamen Handelns bedurft!
Der Elende war aus der Gegend verschwunden, denn Niemand hatte ihn in den letzten Tagen angetroffen. Dis Familie Marek und die zurückgebliebenen Arbeiter athmeten leichter, da man nicht mehr fürchten mußte, dem Verhaßten im Haus und Hof zu begegnen, aber dennoch war eine gewisse Bangigkeit zurückgeblieben, wie die Ahnung eines kommenden Unglücks. Rainer hatte nach seinem Fortgänge furchtbare Drohungen ausgestoßen, dis von den Nachbarsleuten gehört und den Marek'schen geteilten berichtet worden waren.
Um die Besperzeit trat ein junge» Mädchen au» dem Hause und ging leichten Schrittes über den Zimmerhof.
Es war Maria, Marek'S herangewachsene, lieb- liche Tochter.
In der äußersten Ecke des Zimmerhofes, nur durch die Einzäunung und den Fußweg vom Flusse getrennt, hatte ihr der Vater ein hölzernes Aurstchts- thürmchen bauen lassen.
Sie war so finnigen Gemüths die holde Maria, so bescheiden und so dankbar, daß ihr der Vater den immerhin etwas sonderbaren Wunsch nur gar zu gern erfüllt hatte.
Und so stieg sie auch heute in ihre Klause, wie ste das kleine Gemach im Thürmchen nannte, hinauf, um sich bei dem prachtvollen Wetter an der wundervollen Aussicht zu erfreuen und holden Gedanken nachzuhängen, aber zum Abendläuten wollte sie wieder ijn Hause fein, das hatte Maria der Mutter ganz gewiß versprochen.
Frau Marek hatte sich aufgemacht, um eine kranke Freundin zu besuchen, die Mägde ordneten in ihren Kammern ihren Sonntagsstaat, und Herr Marek hatte seine Geschäftsbücher vorgenommen.
Plötzlich als die Dämmerung sich schon auf die Erde niedergesenkt hatte, wurde Marek durch das entsetzliche Geschrei der Mägde: „Feuer, Feuer auf dem Zimmerhofe!" aus seinem tiefen Sinnen aufgeschreckt. Sich aufraffen und mitten im Flammenmeer stehen, war bei Marek das Werk eines Augenblicks.
Mit dem gellenden Schrei: „Das ist Rainers Rachewerk!" eilte er vorwärts zu dem Aussichts- thürmchen, auf dessen kleinem Balkon eine weibliche Gestalt sichtbar wurde. Marek rief noch verzweiflungsvoll : „Meine Tochter, rettet meine Tochter!" und brach dann ohnmächtig vor Schreck zusammen.
Von einigen herzugeeilten Leuten wurde er einige Sekunden später hinaus an das Flußuser getragen, wo man vor dem Feuer sicher war.
Die Bewohner der kleinen Stadt waren jetzt vom Feuerlärm aufgeschreckt und eilten herzu, von der Straße her durch das Haus, oder den Uferweg entlang. Fast allen voran kam Frau Marek herbeigeeilt. (Schluß folgt.)
Redaction ; A. Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl Mm Druckerei (Fr. Ghr. Pietsch) in Gießen.


