187
um eine mögliche Antwort Eduard's auf ihr Telegramm selbst in Empfang nehmen zu können. Eine solche war nicht eingetroffen, und nun eilte sie nach dem Theater, in doppelter Sorge um Eduard, der möglichenfalls ihr Telegramni gar nicht erhalten, und um ihre Verspätung, welche, da sie im Anfang eine kleine Solopartie hatte, den Beginn der Vorstellung verzögern mußte.
Die Menschen strömten schon in dichten Schaaren dem Kunsttempel zu, zu Wagen und zu Fuß; denn es war ein Zug- und Kaffenstück, welches jetzt gegeben wurde. Um so unverzeihlicher war Hedwig's Versäumniß, welche sie mit Nichts entschuldigen konnte.
Im Begriff, von der Straße nach dem Vorplatz des Theaters einzubiegen, tönte plötzlich ihr Name an ihr Ohr, und als sie sich umwandie, stand Eduard vor ihr.
Sie stieß einen leisen Schrei aus, der aber in dem Gedränge ungehört verhallte; nicht viel hätte gefehlt, und sie wäre ohnmächtig hingesunken.
„Eduard — Du!" hauchte sie. „Ja, ich Hedwig", flüsterte er.
„Weißt Du auch, daß Dein Leben in Gefahr
nur rasch", drängte der Mann. „Der Direktor rast; Alles ist in Verzweiflung um Ihr Ausbleiben. Mein Gott, Sie wußten doch, daß Sie das Stück ansangen."
Hier gab es kein Säumen mehr; nicht einmal ein vertrautes Wort konnten die Liebenden mehr tauschen. Hedwig eilte fort, um ihrer Pflicht zu genügen, und Eduard entfernte sich gleich rasch nach einer anderen Richtung. Der erhellte Theaterplatz, der von Polizisten besetzt war, war kein Aufenthalt für einen so gefährdeten Menschen. Es schien Hedwig ernst mit dem was sie sagte, und dennoch fand sich Eduard nicht in der Stimmung, es ernst zu nehmen. Er war sich keines Bosen bewußt, es wäre denn, daß er nicht immer ganz korrrekt handeue und seinem Vater trotzte. Die Charakteristik, welche derselbe von ihm gegeben, traf zu: „leichtsinnig und harmlos", so war er. Wie konnte er glauben, daß man ihn im Ernste eines schweren Verbrechens für ähig halte. , .
Eduard verwünschte die Umstände, welche Hedwig nöthigten, ihm jetzt fern zu sein und ihm eine Erklärung zu weigern, welche er im eigenen Interesse zu fordern gezwungerl war. (Forts, folgt.)
schwebt?"
„Du sagst es, aber ich glaube es nicht. Gieb mir eine Erklärung."
„Unmöglich, guter Eduard! Ich habe, auf eine Antwort von Dir wartend, schon so lange gezögert. Du siehst, wie Alles nach dem Theater strömt. Ich soll das Stück eröffnen. Alles ist gewiß schon. in Aufregung um mein Ausbleiben. Ich muß hinein."
„Ach, laß doch das dumme Volk!" sagte Eduard halb ärgerlich. „Mir gehörst Du in erster Linie an und nicht dem Theater."
„Dir gehört meine Neigung; hierher ruft mich die Pflicht. Laß mich, ich bitte Dich!"
„Nicht einen Schritt, bis Du mir eine genügende Erklärung gegeben."
„Bei meinem Leben, bei unserer Liebe schwöre ich Dir, daß jede Minute Deines Verweilens hier Dir Gefahr bringt."
„Und wessen beschuldigt man mich?"
„Des Mordes!"
„Bist Du wahnsinnig?"
„Nein, aber ich möchte es sein, um meine Behauptung unglaubhaft zu machen. Hörst Du das Klingelzeichen? Es geht nach den Garderoben der Künstler und fordert sie auf, zur Bühne herabzusteigen. Ich muß fort!"
„Dennoch muß ich Dich sprechen. Also nach der Vorstellung."
„Zögere keinen Augenblick. Fliehe ungesäumt, soweit Deine Mittel reichen. Ein Beamter ist schon nach M-, um Dich zu verhaften."
„Ach, Gott sei Dank, Fräulein, da sind Sie ja!" rief hier eine männliche Stimme. Es war ein Theaterdiener, welcher soeben im Auftrage des Direktors nach ihrer Wohnung fahren und sie per Wagen zum Theater holen sollte. „Kommen Sie
Mergkocken.
Erzählung von E. Kraus.
(Fortsetzung.)
Im ersten Jahre hatte er sich ja nicht übel arv gelassen, Rainer war fleißig und nahm nch auch nichts beraus. Kaum aber hatte Marek ihn Meister werden lassen, so ließ er die Maske fallen. Zwar konnte Marek nun, wie er es nch gewünscht, ins Land hinein auf den Holzhandel fahren, ia Rainer trieb ihn selbst dazu an, aber, wenn er dann nach Hause kam, erwartete ihn Verdruß der schlimmsten Art. Entweder waren die Arbeiter wegen Rainers schimpflicher Behandlung davon gelaufen oder sie kamen ihm mit den bittersten Klagen entgegen. Marek mußte schwere Geldopfer bringen, um" den Frieden wieder herzustellen, ja nach ermgen Jahren den Holzhandel wieder aufgeben, wen bte Mißwirtschaft auf dem Hofe zu arg wurde und Marek's Vermögen reißend abnahm. Und dennoch konnte er nicht ordentlich durchgreifen, oder Rainer hatte ihm die Herrschaft ganz aus den Händen genommen. Der kräftige Mann war in seinen besten Jahren zum Greise, sein Haar weiß, fern Gang schleppend geworden. Ach wie oft und tref mochte er es wohl bereuen, seinen braven Sohn damals so grausam verstoßen zu haben, statt deffen Anerbieten bleiben zu wollen, bis der Vater einen zuverlässigen Vertreter gefunden, anzunehmen. . ,
Und wie drückte und quälte ihn derjenige, den


