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zu seinem Verschwinden mitgewirkt oder dieses selbst । durch ein Verbrechen herbeigeführt zu haben."
„Jetzt aus einmal fiel es von mir, was wie ein Bann auf mir gelegen, ja, angesichts einer so sSmachvollen Beschuldigung erstarkten meine Kräfte, fand meine sittliche Empörung und Entrüstung einen Ausdruck, der fast unweiblich zu nennen war-
Ich schleuderte ihm die Lüge ins Gesicht und fragte, ob das vielleicht eine amerikanische List, sei, ersonnen, um mich leichter zu gewinnen und meinem Vater die Zustimmung zu unserer Verbindung abzuzwingen, die er freiwillig nicht geben wolle. Ich würde unter diesen Umständen selbst zurücktreten und einem diesbezüglichen Befehle meines Vaters nicht nachkommen."
Klara hielt, von ihrer Erinnerung überwältigt, inne. Sie hatte sich in eine Aufregung hinein gesprochen, welche fast derjenigen gleich kam, die der wirkliche Vorgang ihr erweckte.
Die Augen des Kommerzienraths ruhten besorgt auf feinem Kinde. Er selbst war sehr aufgeregt und schien geneigt, die Unterhaltung abzubrechen.
„Dies greift Dich zu fehr an", sagte er, „und ich hätte den Gegenstand unberührt lassen sollen. Du wirst mir ein andermal mehr hiervon erzählen."
Klara verneinte.
„Das giebt mir keine Ruhe, Papa^, sagte sie, „daß ich in mir verschließe, was e« mich zu sagen und zu klagen drängt. Ich muß im Gegentheil mein Herz erleichtern, und beichten, was ich weiß."
Der Kommerzienrath rückte unruhig auf seinem Sessel.
„Nun, es ist doch nicht viel mehr, was Du mir zu sagen haben kannst?" fragte er. „Ich darf doch wohl hoffen, daß Du Dich durch Deine Aufregung zu keiner Unbesonnenheit hast hinreißen laflen?" ... Unbekümmert um diesen Vorwurf fuhr Klara fort:
„Wir waren jetzt beiderseits auf dem Standpunkte angekommen, wo jede besonnene Besprechung unmöglich wird. In diesem Augenblick glimmte wohl kein Funken der Liebe mehr in unseren Herzen, die uns einst so glücklich machte. Wenigstens war jetzt die Kindesliebe am mächtigsten in mir. Ich fühlte nicht die Wunden, die man meinem eigenen Herzen schlug; ich empfand nur die Schmach, meinen braven alten Vater von einem jüngeren Manne so schwer beleidigt zu sehen. Er beschuldigte weiter, ohne die Beweise für seine Behauptungen zu erbringen, und ich vergaß auch, nach diesen zu fragen; wußte ich doch selbst kaum mehr, was ich sprach. Ich kann Dir nur sagen, es war furchtbar, und ich konnte nicht anders glauben, als daß Martin Forster seinen Verstand verloren habe.
Ich sagte ihm so etwas in meiner Verzweiflung. Aber nun hättest Du ihn erst sehen sollen!
Er lachte wild und höhnisch.
„Wahnsinnig soll ich sein!" rief er, „wahnsinnig! Ja, ja, das sieht Euch ähnlich; es ist das Letzte,
worauf Ihr Euch berufen könnt, um meine Anklage niederzuschlagen, um meine Beweise zu entkräften. Freilich, fast grenzt es an Wahnsinn, wenn plötzlich Jemand gegen einen allgemein geachteten Mann sich erhebt und ihn des schwersten, furchtbarsten Verbrechens beschuldigt, welches Menschen begehen können, gegen einen Mann, deffeu Ruf als Geschäfts- und Privatmann so zu sagen über der Verleumdung steht, und zu dem bisher Jeder mit dem allergrößten Vertrauen emporblickte. Es grenzt an Wahnsinn, sagte ich, und ich wußte gleich anfangs, daß Sie sich diese sehr beliebte Ausrede nicht würden entgehen lassen. Man hat schon aus dem gleichen An- laß Menschen ins Irrenhaus gesteckt» in dem sie dann für immer verschwanden. Das könnte man auch Bier, meinen Sie, weil ich nur beschuldigen könne,' ohne etwas zu beweisen. Aber Sie irren. Ich habe ein surchtbares Beweismittel gegen Sie in Händen: hier diesen Brief meines Vaters. Es ist der letzte, den ich von ihm empfing."
Er wies mir einen Brief, nach dem ich unwillkürlich gierig griff, natürlich nur mit einer Absicht, mich von der Wahrheit feiner Beweise zu überführen.
Er mißverstand meine Bewegung und barg den Brief rasch noch einmal an feiner Brust.
„Aus diesen Griff war ich vorbereitet", sagte er; „aber so leicht entreißt man mir nicht die einzige Waffe gegen Ihre Uebermacht von Ansehen und gutem Ruf. Sie sollen wissen, was er enthält, aber aus meinem Munde. Mein braver, alter Vater giebt mir darin mit Bedauern kund, daß er gegründete Ursache habe, zu glauben, der hochangesehene Kommerzienrath Etwold sei nicht der Mann, für den er sich ausgebe, sondern ein Elender, welcher seine ganze stolze Existenz einem — Verbrechen verdanke.'-
Hier erlitt Klara's Erzählung eine sehr unerwartete Unterbrechung.
Die Phantasien eines Wahnsinnigen, als welche sie die Verdächtigungen des jungen Forsters charakte- risirte, hatten auf ihren Vater einen solchen Eindruck gemacht, daß er bei dem Wort „Verbrechen" seine sich stetig steigernde Erregtheit nicht mehr zu be- meistern vermochte. Er sprang auf die Füße. In seinem entsetzensbleichen Antlitz malte sich etwas, das selbst dem Ausdruck stieren Wahnsinns glich.
Mit einem halb erstickten Aufschrei sprang auch Klara empor. So hatte sie ihre Erzählung nicht bewegt, wie jetzt der Anblick ihres unglücklichen Vaters.
„Ein Verbrechen — ich", stammelte Etwold, „dieser — Elende — ah!"
Ein plötzliche Schwäche ließ ihn verstummen. Er sank mit dumpfem Stöhnen und am ganzen Körper zitternd auf seinen Stuhl zurück.
Klara warf sich vor ihm aus die Kniee nieder und umschlang ihn liebevoll mit ihren Armen.
„Mein Vater!" rief sie. „O, mein guter, lieber Vater! Komme zu Dir! Sieh mich an ~ o, sprich


