Mathies änderte plötzlich seine Richtung und lief gegen den Kanal.
Am Fuße einer zum Wasser hinabführenden Treppe schaukelte sich dort ein Boot, welches nur leicht befestigt war.
In dieses sprang jetzt Mathies mit dem Ge- danken es loszubinden und sich aufs Wasser zu retten. (Fortsetzung folgt).
Wach Hoßem Ziel'.
Novelle von Moritz Lilie.
(Schluß.)
„Der Mann hat durch sein sicheres Auftreten verstanden, sich in den besten Kreisen der Gesellschaft Zutritt zu verschaffen", fuhr der Commissär fort, „und seine Bekanntschaften benutzt, sich allerhand Vortheile zuzuwenden. Er war früher Officier wurde aber gezwungen, den Dienst zu quittiren, da seine Kameraden nicht mehr mit ihm verkehren wollten. In Dresden hat er sich Wechselfälschungen zu Schulden kommen lassen; in wie weit er seine verbrecherische Thätigkeit bereits hier entwickelt hat, wird die eingeleitete Untersuchung festzustellen haben. Jedenfalls ist er ein höchst gefährlicher Mensch."
Die Baronin hatte mit athemloser Spannung zugehört; jetzt, wo der Mann geendet, entrang sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust; es war, als sei ein schwerer, drückender Alp von ihr genommen. Der Mann, welcher die ganzen so sorgfältig gehüteten Geheimnisse ihrer Familie kannte, war jetzt unschädlich gemacht, und ihm der Zutritt in die vornehmen Kreise der Hauptstadt für immer versagt. Wohl war es ja möglich, daß er dem Untersuchungsrichter über das, was er von der Eschenheim'schen Vergangenheit wußte, Mittheilungen machte, aber einem Verbrecher dieser Art wurde von vornherein wenig Glauben geschenkt, während der Baron in Folge seines Reichthums ein gewisses Ansehen genoß, und keinerlei Veranlassung zu gerichtlichem Vorgehen bot.
„Und jetzt, Herr Baron, mache ich von Ihrem gefälligen Anerbieten, mir Ihren Wagen zur Rückfahrt zu leihen, Gebrauch", sagte der Beamte sich erhebend; „der Weg ist weit und die Zeit vorgerückt."
„Wir sind Ihnen zu großem Danke verpflichtet, Herr Commissär, Sie haben uns durch Ihr umsichtiges und energisches Vorgehen vor einem unendlichen Familienunglück bewahrt!" wtoibette der Hausherr. „Wenige Wochen später, und dieser Gauner, war der Gatte unserer einzigen Tochter!"
„Das war das Ziel seines Sirebens", ergänzte Jener. „Mit Hüne Ihres Vermögens wollte er seine Fälschungen verdecken und sich täte angenehme Existenz verschaffen. Die nächste Zett wird ohne Zweckel noch manches an den Tag bringen; denn die Ette, mit welcher er nach Aussage des „reihen Heinrich" seine Vermählung beirieb, laßt vermuthen,
daß demnächst gefälschte Papiere fällig sind, für die es ihm natürlich an Deckung fehlte."
Der Beamte verabschiedete sich und ließ die Familie in einer seltsam weichen Stimmung zurück; Niemand sprach, aber man sah es, daß Alle eine inniges Dankgefühl gegen das Geschick, welches diese glückliche Wendung herbeigeführt, beseelte.
„Werden Sie morgen noch reisen, Herr von Rauschendorff?" flüsterte Liesbeth dem jungen Gutsherrn zu, ihm aus ihren blauen, thränenfeuchten Augen einen bittenden Blick zusendend.
„Ich bleibe!" gab er leise zurück, und ein warmer, inniger Druck der Hand lohnte ihm dieses Wort.
In einer der angenehmsten Gegenden Mitteldeutschlands liegt die Besitzung Rauschendorsf, eine ausgedehnte, aus den besten Ländereien bestehende Herrschaft. Von einem mit herrlichen Parkanlagen bedeckten Hügel schaut das kleine Schloß weit hinaus in die malerische Landschaft, und an dem offenen Fenster eines geräumigen Eckzimmers steht ein junges, schönes Paar Arm in Arm, und über ihm schwebt unsichtbar der Genius des Glückes.
Der Herbst hat die Bäume und Sträucher noch einmal in seinen schönsten, bunten Farbenschmuck gekleidet; in den Blumenbosquets vor dem Fenster blühen die Spätlinge des Jahres, Georginen und Astern, und in der blauen, reinen Abendluft ziehen langsam die grauen Fäden der Wanderspinne dahin, jene feinen Gewebe, welche die letzten warmen Tage des Jahres kennzeichnen. Im Westen sinkt die Sonne hinter dem Walde hinab und färbt die kleinen, weißen Wölkchen, welche sich wie Schwäne auf der azurnen Himmelsfluth wiegen, rosa und purpurn; von dem Hellen Kirchlein im Thale aber tönt der Klang der Vesperglocke bis herauf zu dem jungen Paare, friedlich und feierlich, als gäbe es nur Glück und Freude auf der Welt.
„Ich habe vergeffen, Dir zu sagen, Liesbeth daß sich Herr von Sohr uns empfiehlt", sagte der junge Mann, einen Brief hervorziehend. „Vor einer Stunde brachte mir der Postbote diese Karte, worin er sich verabschiedet nnd uns mittheilt, daß er als Attachv zur Gesandschast in Madrid versetzt worden ist."
„Und auch ich habe eine kleine Neuigkeit für Dich, Victor, die ich zwar für mich behalten wollte, um Dich zu überraschen, aber ich fühle, ich kann Dir nichts verheimlichen. Die Eltern werden in den nächsten Tagen uns besuchen, um noch einige Herbstwochen hier zu verleben, bevor sie nach Oberitalien abreisen, wo sie den Winter verbringen werden; ich freue mich sehr, sie wiederzusehen!"
„Gewiß, ist es doch schon fast zwei Wochen her, daß ich Dich ihnen entführte, um Dich zu meiner kleinen Hausfrau zu machen!" lachte Victor.
Ein Kuß verschloß -hm den Mund. Die letzten Strahlen des am Horizonte hinabtauchenden Tages- gestirnes aber woben den Glorienschein der Ver- Lärung um das glückliche Paar.
RedactwN! A. S Heyda. — Druck und Verlag der Brüh loschen Druckerei (Fr. Chr. Pietjch) in Gießen.


