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widersetzt und den kleinen alten Herrn zu Boden geschlagen, wo nicht verwundet — ermordet — —!
Alle diese Gedanken schossen blitzartig durch Soltmanns Kopf, als er, schon die Hand auf der Klinke, noch zögerte, diese niederzudrücken.
Gleich darauf aber gewann er seine Selbstbeherrschung wieder. Er schalt sich feige und öffnete rasch, um in seinem Entschlüsse nicht noch einmal wankend zu werden.
Kaum hatte er aber seinen Fuß über die Schwelle gesetzt, so sprang Jemand hinter der geöffneten Thür herum und ihm an den Hal«. Die Kehle wurde ihm zugeschnürt und eine Stimme zischte: „Mörder!"
Aber der jugeudstarke Soltmann war diesem unerwarteten Angriff gewachsen. Er schüttelte den Angreifer von sich ab und versetzte ihm einen Stoß, daß er der Länge nach zur Erde stürzte.
Beide Gegner hefteten kampfbegierig ihre Blicks aufeinander und — brachen in ein herzhaftes Lachen aus.
„Neubert Sie?" rief Soltmann erstaunt. Und jener that dieselbe Frage an diesen.
„Erklären Sie, ich bitte — woher das Mißver» ständniß, und warum diese Verdunkelung des Zimmers?" Während Soltmann dies sprach, half er seinem älteren Kollegen wieder auf die Beine.
„Sollen Sie gleich erfahren", erwiderte Neubert. „Aber machen Sie zuvörderst leise die Thüre zu und sich auf einen viel gefährlicheren Gegner gefaßt als den kleinen Neubert."
„Sie meinen —"
„Daß Mathies jeden Augenblick hierher zurückkehren kann, zurückkehren muß und daß es doch noch einem von uns das Leben kosten kann, wenn er uns hier findet."
„Alle Wetter!" rief Soltmann. „Das klingt ja fast als wenn er irgendwie an dem Verbrechen da draußen betheiligt wäre."
„Er ist es", bestätigte Neubert, „und wenn er auch vielleicht den entscheidenden Stoß gegen den Ermordeten nicht geführt hat, so ist seine Hand doch von dem Blute desselben nicht ganz rein geblieben."
„Neubert!"
„Ja, Herr Kollege", fuhr jener eifrig fort. „Der Kommerzienrath hatte ganz recht, wir befanden uns wirklich auf einer falschen Fährte, als wir unsere Schritte nach seinem Palais lenkten. Von hier aus ist der Angriff gegen Leben und Eigenthum des unglücklichen Fremden erfolgt und hierher sind die geraubten Gegenstände in Sicherheit gebracht worden. Mathies ist der Mörder oder der Verbündete des Mörders; und wir stehen damit nur wieder vor einem neuen Anarchistenprozeß."
„Das klingt alles so bestimmt", erwiderte Soltmann, „und ist doch so räthselhaft, daß ich einen Zusammenhang vergebens suche. Sie haben jedenfalls eine wichtige Entdeckung gemacht?"
„Eine sehr, sehr Wichtige-"
„Und die ist?"
„Die Uhr des Ermordeten und eine Baarsumme von vielen tausend Mark?'
„Nicht möglich!"
„Hier — hier sind sie."
„Und waren — wo?"
„Das Geld im Koffer, auf dem Grunde desselben, die Uhr im Bett —"
„Im Bett?"
„In der Strohmatratzs versteckt."
„Und wie kamen Sie darauf, dort darnach zu suchen?"
„Ich fand das Zimmer leer, glaubte aber vor meinem Eintritt ein Geräusch vernommen zu haben, welches mich auf das heimliche und eilige Entfernen eines Menschen aus demselben schließen ließ. Ich hielt mich nun zu einer flüchtigen Zimmervisitation berechtigt. Der Koffer kam zuerst heran. Er ist alt und unverschließbar und erweckt natürlich nicht den Gedanken an gestohlenes Gut und verborgene Schätze; das aber gerade reizte mich. Ich durchsuchte ihn bis zum Grunde und fand die große Baarsumme, die der Bewohner eines solchen Zimmers, ein Mann in so niedriger Stellung unmöglich rechtlich erworben haben konnte. Dies veranlaßte mich denn dem Bett meine ganz besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, doch suchte ich erst lange darin herum, bis ich bei genauer Besichtigung der verdeckt gewesenen Matratze einen Blutfleck fand; und der erst wurde mir der Wegweiser zu einem neuen und wieder zugenähten Einschnitt in den Bettüberzug. Ich trenne diesen auf, schaue hinein und sehe, daß eine blutige Hand da durch das Stroh gefahren. Ich folge dieser Hand mit der meinen — finde ganz am Boden etwas hartes — ziehe es hervor und — halte diese Uhr und Kette in Händen! — An letzterer fehlt richtig der an der Weste des Ermordeten haften gebliebene Haken. Geld und Uhr schob ich rasch in meine Tasche, und eben wollte ich noch weiter suchen, da vernahm ich wieder sich nahende Schritte. Der Mörder! sage ich mir und habe noch Besonnenheit genug, die rothe Gardine vor das kleine Fenster zu ziehen. Er kommt ans dem Hellen, in das Dunkle — das macht die ersten Schritte unsicher, und darauf baute ich den Erfolg meines Ueberfalles des mir körperlich überlegenen Menschen. Statt seiner kamen Sie, und so steht die Rückkehr des gefährlichen Patrons noch zu gewärtigen."
„Um so besser", sagte Soltmann, „denn wenn Mathies Sie so abgeschüttelt hätte wie ich, wären Sie wohl kaum mit dem Leben davon gekommen. Wir beiden dürften sogar noch Mühe haben, ihn zu überwältigen. Bedenken Sie, ein ertappter Mörder! Es gäbe ein Ringen auf Leben und Tod. Aber beendigen wir noch rasch, was Sie noch unvollendet gelassen; vielleicht finden wir auch noch Ring und Portemonnaie."
„Wohl möglich", entgegnete Neubert. „Abe?


