Kichener Jamiüenbläüer.
KLkietristisches Beiblatt MW Gießener Anzeiger.
$t7*22~ Samstag den 20. Februar. 1886.
Die Jakschmünzer.
Eriminal-Roman von Gustav Lössel.
(Fortsetzung).
„Das ist ja — sehr befremdend", sprach jener halblaut für sich. „In meinem Bureau ist mir noch nie etwas fortgekommen." Und sich wieder zu dem Diener wendend, sagte er verdrießlich: „Aber warum bezahlt denn Herr Merkel den kleinen Betrag vorläufig nicht aus seiner eigenen Kasse? Was soll man denken, wenn der Wechselbote so lange warten nmß. Sofort einlösen I Das Weitere wird sich finden?'
Jonas entfernte sich eiligst.
„Sollte mich wundern", murmelte er, „wenn das nicht der Anarchist Mathies als „gute Beute" mitgeheu geheißen."
„Sie haben einen Verlust?" fragte der Kommissar theilnehmend.
„Fast scheint es so", erwiderte Etwold. „Dreizehntausend Mark in Baarem sind von meinem Comptoirtisch verschwunden, auf dem ich sie selbst deponirt hatte."
Die beiden Beamten blickten den Sprecher und dann einander an.
Soltmann stellte einige Fragen, aus denen hervorging, daß während Etwolds Abwesenheit aus dem Comptoir nur der Kassirer zu demselben gelangen könne und daß heute Morgen außer Jonas und seinem entlassenen Kutscher Namens Mathies Niemand in seinem Bureau gewesen sei.
Soltmann und der Kommifiar wechselten einen bedeutsamen Blick. Sie bemerkten nun erst Neuberts verlängertes Ausbleiben und der Assessor ging mit einer nichtigen Entschuldigung gegen Etwold hinaus, um heimlich nach der Ursache desselben zu forschen.
„Und nun, Herr Kommerzienrath", sagte der Kommissar vertraulich, „ein Wort der Verständigung, Ihre Fräulein Tochter muß vernommen werden; natürlich aber erst, wenn sie der Herr Sanitätsrath für vernehmungsfähig erklärt. Ich glaube, daß Sie ihr und uns das Peinliche dieses Verhörs ersparen könnten und sollten, indem Sie selbst darauf hinwirken, daß Ihre Tochter Ihnen den Namen des Ermordeten nennt und vielleicht auch sagt, wann und unter welchen Umständen sie mit demselben bekannt geworden. Sie wird Ihnen, dem Vater, das eher sagen als uns, den Fremden. Und dann wissen Sie ja auch, daß wir eine solche Mittheilung mit aller Diskretion zur Entdeckung des Mörders ver
wenden werden. So lange wir aber den Ermordeten nicht kennen, können wir auch keine Vermuthung über denjenigen aufstellen, der ein Interesse daran hatte, ihn zu diesem schmählichen Ende zu bringen."
„Verlassen Sie sich darauf", erwiderte Etwold schon freundlicher, „daß ich alles thun werde, um meine Tochter zu einer vertraulichen Mittheilung zu bewegen. Es liegt das ja in meinem eigenen Interesse. Ebenso wahrheitsgemäß werde ich Ihnen aber auch sagen: „Sie haben sich geirrt", wenn ich die Ueberzeugung gewinne, daß meine Tochter den Ermordeten nickt kannte. Freilich, Ihr Herr Assessor da würde mich dann vielleicht Lügen strafen —"
„Urtheilen Sie nicht zu schroff von ihm, Herr Kommerzienrath", sagte entschuldigend der Kommissar ; „er ist, wie man es von seiner Jugend nicht anders erwarten darf, etwas rasch im Handeln. Aber das ist gerade von großem Vortheil für uns, wo ein kühner Gedanke, eine rasche That ost mehr bewirkt als alles Spioniren und Grübeln. Er wird noch einmal eine glänzende Carriöre machen."
Etwold zuckte die Achseln. „Ich mag ihn nicht leiden", sagte er. „Ein junger Mann sollte so anmaßend gegen einen Mann in meiner geachteten Stellung nicht auftreten."
Der Kommissar lenkte das Gespräch geschickt auf eine ihm gegenwärtig interessantere Person, den „rothen Mathies" über, von dem Etwold ihm denn auch manches Charakteristische mittheilte. Ihres Gespräches von heute Morgen gedachte er natürlich mit keinem Wort.
Währenddessen begab sich Soltmann nach dem Kutscherzimmer, den Weg, welchen Neubert ihnen vorher angegeben hatte.
Es war alles so unheimlich still hier und auch in dem Zimmer, an dessen Thüre er einen Augenblick lauschend innehielt, daß es ihn plötzlich wie mit einer dunklen Ahnung von drohendem Unheil, von einer bevorstehenden folgenschweren Entdeckung befiel.
Wenn nun der „rothe Mathies" wirklich so schlecht war, wie seine Kollegen ihn schilderten; wenn er von dem Morde selbst etwas wußte, das ihn verdächtigen oder mitbeschuldigen konnte — ? Die Frage war naheliegend, und auch die Antwort war leicht gegeben. Dann hatte er die Fragen und Andeutungen Neuberts nicht ruhig hingenommen; und wenn dieser aus einem hier entdeckten neuen Verdachtsmoment sich genöthigt gesehen, Mathies für verhaftet zu erklären, fo hatte dieser sich gewiß


