Ausgabe 
19.10.1886
 
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Kichener Jamilienblätter.

AeAetrißifches BsidlaLt MW Gießener Aiyek-tt.

Ux. 123. Dienstag den 19. October. 1886.'

Saat und Ernte.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Ebensowenig durfte die Behörde erfahren, daß nicht ich, sondern ein Anderer auf dem Friedhof in Wiesenthal beerdigt worden war. Nach diesem Andern waren keine Nachforschungen laut geworden. Niemand schien ihn zu vermissen; um so eher durften wir dieses Geheimniß hüten. Herr von Reizenstein, dem ich schon so viel verdankte, streckte mir die nöthigen Mittel vor. Ich trat die Reise an und lernte auf dem Schiffe einen Amerikaner kennen, mit dem ich bald befreundet wurde. Mister Johnson war ein nüchterner, praktischer Mann, aber er besaß daneben ein vortreffliches Herz. Je näher ich ihn kennen lernte, desto höher stieg er in meiner Achtung und auch er schloß sich immer enger an mich an; fühlte doch auch er, der in der Welt ganz allein stand, das Bedürfniß, einen treuen, aufrichtigen Freund zu besitzen. So kam's, daß wir in kurzer Zeit Freunde wurden und keine Geheimnisse mehr vor einander hatten. Er nahm mich in sein Haus auf und bot mir eine Stelle in seinem Geschäft an. Ich trug kein Bedenken, auf seine Vorschläge einzugehen, und hatte mit eisernem Fleiß binnen Kurzem mir so tüchtige Geschäftskenntnisse angeeignet, daß ich während der Abwesenheit des Chefs die Leitung und Vertretung übernehmen konnte. Der Krieg mit den Südstaaten war bereits ausgebrochen. Mister Johnson, deffen Namen ich angenommen hatte, stand mit ganzem Herzen zu seiner Partei, die den Neger aus seinen Sclavenketten befreien wollte. Es fehlte an tüchtigen Officieren; unsere Truppen wurden hart bedrängt und der Sieg neigte sich schon den Südstaaten zu. Forderte ich von meiner neuen Heimath Rechte, so mußte ich auch Pflichten übernehmen, das konnte selbst der Freund nicht bestreiten, so ungern er mich auch ziehen ließ. Nun, daß ich in den Reihen der Kämpfenden meine Schuldigkeit gethan habe, das wird durch meine Narben und mein rasches Avancement be- wiesen aber den Tod, den ich in mancher Schlacht gesucht habe, fand ich nicht. Mister Johnson, der selbst enormen Reichthum besitzt, hatte mich inzwischen als Associö in sein Geschäft ausgenommen; ich war bei meiner Heimkehr aus dem Krieg ein reicher Mann, und mein Vermögen mehrte sich mit jedem Tage. Wir hatten das Glück, zu sehr niedrigen Preisen große Landstücke zu kaufen, auf denen wir

reiche, fast unerschöpfliche Steinölquellen aufschloffsn. So verdienten wir mühelos enorme Summen. Aber fo sehr auch der reiche Gewinn mich erfreute, glück­lich fühlte ich mich nicht das Herz hatte keinen Antheil an dieser Freude, und ein stetes Sehnen, die wiederzusehen, die ich so innig geliebt hatte und noch immer liebte, ließ mir keine Ruhe. Ihr Ge- schick war mir unbekannt, ich wünschte Gewißheit darüber zu erhalten. Nun hätte ich wohl an meinen alten Freund, den Oberförster, schreiben und ihn um Auskunft bitten können; aber aufrichtig gesagt, schämte ich mich, diese Bitte an ihn zu richten. Ich fürchtete, er werde mich undankbar nennen, und eine gewiffe Berechtigung hätte er dazu gehabt; mußte es ihm doch scheinen, als ob ich ihn ganz vergessen habe. Ich hatte ihm nur einmal von drüben ge­schrieben; dann nahm die Arbeit mich so sehr in Anspruch, daß ich an meine Privatangelegenheiten Nicht mehr denken konnte. Und während des Feld­zuges fehlten mir auch Zeit und Lust, die bereits abgebrochene Correspondenz wieder anzuknüpfen; überdies wußte ich auch nicht, ob mein alter Freund noch lebte. War dies nicht der Fall, dann konnte mein Brief in unrechte Hände fallen und mir große Unannehmlichkeiten bereiten. So entschloß ich mich kurz, selbst hierher zu reisen, unerkannt hier kurze Zeit zu weilen und mich von dem Geschick der ge­liebten Frau mit eigenen Augen zu überzeugen. Das Uebrige wissen Sie und ich hoffe, daß Ihnen nun Alles klar ist."

Ich danke Ihnen", sagte der Referendar, der mit wachsender Spannung zugehört hatte,und wenn es Ihnen zur Genugthuung gereichen kann, dann will ich Ihnen gerne und aufrichtig gestehen, daß ich den Anschauungen des Herrn Oberförster« beipflichte: Niemand darf Ihnen einen Vorwurf machen."

Und doch würde es geschehen, wollte ich in die früheren Kreise zurückkchren. Fest eingewurzelte Vorurtheile kann der Einzelne nicht beseitigen, und es geht nicht, daß er sich über sie hinwegsetzen will, er muß sich ihnen fügen."

Sehr wahr", nickte Görlitz.Selbst die Ent­larvung Ackermann's vermittelst des falschen Würfel« würde Dich nicht rechtfertigen und so kann auch ich Dich nicht zurückhalten, wenn Du in Deine zweit« Heimath zurückkehren willst."

Der Referendar wiegte mißbilligend das Haupt; ihm gefiel dieser Entschluß nicht, der die Möglichkeit, Vera endlich glücklich zu machen, wieder in weite Ferne rückte.