Ausgabe 
19.10.1886
 
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Sie sagten, der Banquter Franz Krüger habe 1 damal» Ihren Paletot mitgenommen; dieser Paletot wurde bei dem Todten gefunden, der jetzt unter Ihrem Namen auf dem Friedhof in Wiesenthal ruht. Haben Sie nicht gleich daran gedacht, daß der Todts Ihr früherer Reisegefährte sein muffe?"

Gewiß", erwiderte der Oberst ruhig.Aber «er war jener Franz Krüger? Ich kannte ihn nicht näher und hatte auch keine Veranlassung, mich für ihn zu interesstren; zudem war die Identität auch durch den Paletot allein noch nicht bewiesen. Krüger konnte den Rock verkauft, verschenkt oder verloren haben"

Aber der Paß, den der rothe Fritz kurz vorher in dem Walde gefunden hatte -I" unterbrach Rommel ihn.

Davon wußten wir Richt»", sagte der Ober­förster,der rothe Fritz war ja vorher ausgewandert. Heute ist da» Alle» freilich klar. Krüger hatte die Papiere, die seinen Namen trugen, fortgeworfen, dagegen die Karten und Briefe Salberg's behalten; er wollte lieber verschollen bleiben, al» nach seinem Tode al« Selbstmörder gebrandmarkt sein. Das mag Manchem als eine seltsame Marotte erscheinen, aber e« muß auch solche Käuze geben. Halten Sie jetzt noch meine gerichtliche Vernehmung nothwendig?"

Nein", erwiderte der Referendar;aber ich werde mich genöthigt sehen, dem Untersuchungsrichter, meinem Vorgesetzten, ziemlich ausführliche Mittheil­ungen zu machen."

Und müssen Sie dabei auch meinen Namen nennen?" stagte der Oberst.

Hm, vielleicht könnte da» vermieden werden, wenn Sie es wünschen."

Ja, ich muß dringend darum bitten", nickte der Oberst;wenigstens so lange, als ich noch hier bin. Nach drei oder vier Tagen werde ich abreisen, dann mögen Sie die Wahrheit enthüllen. Am besten wäre es freilich, wenn die Untersuchung gegen den Wilddieb ganz niedergeschlagen werden könnte; ich verzichte gerne auf seine Verfolgung wegen des Raubes. Die gestohlenen Sachen, Uhr und Ring, find ja wieder zur Stelle; sie sollen meiner Schwester übergeben werden, und wie ich höre, ist er auch an dem Mordversuch gegen Sie schuldlos."

Ich will mit meinem Collegen darüber reden", sagte Rommel nach kurzem Nachdenken.Zehn Jahre find seit jenem Diebstahl verstrichen, diese Sache ist wohl verjährt; und liegt weiter Nichts gegen ihn vor, wie es den Anschein hat, so muß er in Freiheit gesetzt werden."

Und dann mag er meinetwegen zu mir nach Amerika kommen", sagte der Oberst.Wenn er arbeiten und ein ordentlicher Mann werden will, dann helfe ich ihm weiter."

Ich rathe Dir nicht dazu", erwiderte der Ober­förster;der Mann hat zu lange gefaullenzt, als daß er sich wieder an ein ordentliches Leben ge» Köhnen könnte. Aber wenn Du's mit ihm ver­

suchen willst in Gottes Namen; nur mußt Du von vorne herein Dich darauf gefaßt machen, daß Du auf Dank nicht rechnen darfst."

Noch eine Frage liegt mir schwer auf der Seele", nahm der Referendar wieder das Wort, während er an der Brille rückte.Sie wissen, Lud­milla, Ihre Schwester ist meine Braut; soll sie, sollen Tante Lina und Frau Ackermann nie erfahren, daß Sie noch leben?"

Der Oberst strich mit der Hand langsam über Stirne und Augen, und wieder entrang stch seinen Lippen ein schwerer und tiefer Seufzer.

Ich war auf diese Frage gefaßt", entgegnete er.Ich selbst habe sie mir oft vorgelegt, aber zu einer bestimmten und entscheidenden Antwort bin ich noch nicht gekommen. Meiner Schwester und meiner Tante möchte ich mich wohl entdecken, obgleich ich weder für sie noch für mich einen Nutzen darin sehe. Weshalb aber soll ich in der Seele der unglücklichen Frau neue Stürme heraufbeschwören? Daß ste mich noch immer liebt, hat sie Ihnen offen bekannt; aber trotz dieser Liebe wird sie nicht den Muth finden, ihren Gatten zu verlassen, um mir zu folgen."

Sie hat ihn schon verlassen", warf der Referendar ein.

Ist das Wahrheit?"

Ja, heute Mittag ist der Bruch erfolgt."

Der Zufall ließ sie gestern eine Unterredung belauschen, die ich mit Ackermann hatte", sagte Herr von Görlitz ;ich wußte da« nicht, und so vernahm ste die furchtbare Anklage, die ich gegen ihren Gatten erhob."

So hat sie daraufhin ihn verlassen", erwiderte der Oberst nach einer kurzen Pause;aber gesetzlich geschieden ist sie nicht von ihm, und wollte sie nun mir folgen, so würde die Welt sagen, sie sei eine Ehebrecherin und meinetwegen ihrem Manne ent­laufen. Glauben Sie mir, Vera von Löwenfel» wird eher ihr Leben als ihre Ehre opfern; so ist es besser, daß jede Versuchung ihr fern bleibt, die ihr nur schwere und bittere Kämpfe bereiten würde."

So soll sie nie erfahren"

Sie hat schon zu viel erfahren", fuhr der Oberst mit einer abwehrenden Handbewegung fort. Weshalb sollen wir ihr nicht Aufregungen und Stürme ersparen, die sie nur noch unglücklicher machen?"

Ackermann ist verarmt"

Wer hat Ihnen das gesagt?"

Freund Maiwind", erwiderte Rommel.Der Banquier Morgenroth ist verduftet, er hat nur Schulden hinterlassen; das ganze Vermögen Acker- mann's ist verloren."

So schlimm wird's wohl nicht sein", sagte , Görlitz.

Maiwind behauptet es! Nicht einmal fünf ' Procent sollen in der Masse liegen."

,Wie die Saat, so die Ernte", sagte der Oberst