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Europens übertünchte Höflichkeit nicht kennt; aber er ist ein Mann, nehmt Alles nur in Allem; ich werde nimmer seines Gleichen seh'n'"
„Bitte, beantworten Sie meine Frage", sagte Ackermann ungeduldig; „wohnt er in dieser Stadt?"
„Augenblicklich im „Englischen Hof"; aber wie er sagt, gedenkt er hier nicht zu bleiben."
„Sie sind wohl mit ihm befreundet?"
„Durch einen Zufall lernte ich ihn kennen; die Noth bringt Einen zu seltsamen Schlafgesellen."
„Ich beneide Sie nicht um diese Bekanntschaft", erwiderte der Landrath geringschätzend; „aber sollten Sie noch einmal mit ihm das Theater besuchen, dann machen Sie ihn gütigst darauf aufmerksam, daß es ein Verstoß gegen die Sitte und den Anstand ist, eine Dame so lange anzustieren, bis cs allgemeines Aufsehen erregt. Es ist ja möglich, daß er davon keine Ahnung hat."
„Es muß auch solche Käuze geben", scherzte Maiwind; „überdies interessirte der Oberst sich für Sie, Herr Landrath."
„Für mich?"
„Jawohl, Sie müssen drüben in Amerika einen Vetter haben."
„Das ist freilich richtig."
„Und dieser Vetter, mit dem der Oberst befreundet ist, wünscht eine ziemlich genaue Auskunft über Sie zu erhalten."
(Fortsetzung folgt.)
Mngsten.
Erzählung von Th. Hempel. (Fortsetzung statt Schluß.)
Er erhob sich leise, um des Freundes Schlummer nicht zu stören, verlockend lag der Weg im Waldesdunkel vor ihm, er beschloß ein Stück zu gehen und zu Erich zurückzukehren. Er belächelte sich selbst, doch wie im Geräusch der Großstadt vermochte er sein Ohr zu verschließen vor den äußern Eindrücken und sich von ihnen unberührt, mit ernsten Fragen des Lebens zu beschäftigen, hier in der Waldeinsamkeit zerstreuten sich seine Gedanken. Ein Problem nur nahm ihn vollständig gefangen, die unergründlich tiefen Augen, die allen Männerherzen Wunden schlugen. Er suchte förmlich umher unter den Frauen seiner Bekanntschaft, ach gewiß, es gab da manches Augenpaar, in welches man gern hineinschaute, aber alles Denken und Fühlen in Anspruch nehmen, Wunden schlagen, das Herz beklemmen, nein, das alles war ihm noch nicht geschehen, dafür fand der junge Arzt keine Erklärung, so viel er auch sann und sann. In tiefen Gedanken hatte er sich viel weiter von Erichs Lagerplatz entfernt, als er beabsichtigt. Ein Geräusch ließ ihn aufblicken, er hörte das Schnauben eines Pferdes und sah
dasselbe in wildem Galopp daherrasen. Eine Dame hing nur noch halb im Sattel, ehe es möglich war, ihr zu Hülfe zu kommen, war sie zu Boden gestürzt. Das Pferd ward ruhig in dem Augenblick, da es sich von seiner Last frei fühlte, Alfred schlang den Zügel um einen Baum, dann beugte er sich herab zu der bleich und bewußtlos im Grase liegenden. Da sie auf den weichen Moosboden gesunken war, ließ sich annehmen, daß eine schwere Verletzung nicht vorlag, daß die Ohnmacht eine Folge von Schreck und Aufregung war. Der junge Mann schöpfte Wasser aus einem nahen Quell in der hohlen Hand, besprengte das Gesicht der jungen Dame und hatte bald die Beruhigung, daß sich Zeichen wieder- kehrenden Lebens bei ihr einstellten. Jetzt schlug sie die Augen auf, aber noch wie traumumfangen. Unklar über ihre Lage blickte sie zu dem über sie Gebeugten empor. Beinahe wie ein Schreck durchzuckte es den Arzt, was ihn soeben beschäftigte, nun war es klar, was er ersehnt, erfüllte sich, der Blick dieser Augen, so wunderbar tief drang er hinein in sein laut klopfendes Herz. Die Reiterin, welche sich jetzt rasch erhob, seine Hülfe, wenn auch er» röthend, doch mit stolz erhobenem Haupte zurückweisend, es war, es konnte nur die Fürstin sein, vor deren Sirenenblicken ihn der Freund gewarnt, laut sagte es ihm eine Stimme in seinem Innern.
Mit leichtem Gruß und den wenigen Worten: „Ich danke Ihnen, mein Herr, —" schritt sie an ihm vorüber ihrem Rosse zu.
„Sie werden mir erlauben, Sie zu begleiten", — bat Alfred, welcher schnell an ihrer Seite stand, mit Mühe den Titel, Hoheit, zurückhaltend. Sie erwiderte: „Ich würde grenzenlos feig erscheinen, wollte ich meinen Gaul so im Rechte lassen."
„Sein Auge ist unruhig, das Geringste kann ein nochmaliges Scheuwerden Hervorrufen."
„Und Sie meinen, nicht zum zweiten Male würde mir ein Retter erscheinen?"
„So wollen Sie meine Begleitung zurückweisen?" „Ja."
Als fühlte sie doch, wie scharf dieses Ja klang, fügte sie hinzu:
„Richt ohne bestimmten Grund muß ich Ihren Schutz dankbar ablehnen, aber —" fügte sie lächelnd hinzu:
„Ich will Ihnen Concessionen machen und mein Roß demüthig am Zügel heim führen."
Er fühlte, daß er nicht weiter in sie dringen dürfe und blieb, sich stumm verneigend, zurück, während sie an ihm vorüber schritt. Roch einmal wendete sie sich um und sagte:
„Wollen Sie unsre Begegnung hier Geheimniß bleiben lassen, so würde ich Ihnen dankbar sein."
„Ihr Wunsch ist mir Befehl."
Rasch schritt sie den schmalen Waldweg entlang. Alfred sah ihr nach, aber sie wendete das stolze Haupt nicht, noch immer verfolgten seine Blicke die Richtung, welche sie genommen, nachdem sie längst entschwunden war.


