"Sre hat die blauen Augen der Waldkönigin", sagte er leise zu sich selbst."

Endlich gefunden!"

Dieser Ausruf des Freundes riß Alfred empor aus wachen Träumen und führte ihn zur Wirklich­keit zurück.

Sage mir, um des Himmels Willen, was Dich so weit hinweglockte aus meiner Nähe, angstvoll stürmte ich Dir nach und athmete erleichtert auf, als ich Dich endlich in der Ferne erblickte. Aber Alfred, was ist Dir wiederfahren, Du blickst drein, als sei Dir ein Geist erschienen."

Ich blickte hinein in die unergründlichen Augen der Fürstin", hätte Alfred beinah geantwortet, aber zur rechten Zeit erinnerte er sich seines Ver­sprechens und sagte scherzend:

Der Zauber des Waldes nahm mich gefangen, verzeihe Freund, daß ich mich zu weit Hinweglocken ließ von Deiner Seite, anstatt Deinen Schlummer zu bewachen."

Nach kurzer Wanderschaft erreichten sie das Ende des Waldes, da lag es vor ihnen, das statt­liche Mühlengut, Erichs Heimath. Kein Klappern der Räder ließ sich hören, sie standen still, dem Festtag zu Ehren, das Wasser rauschte ungehemmt vorüber. An der dem Mühlenwerke entgegenge­setzten Seite des Hofes lag das stattliche Wohnhaus, von einer mit dichtem Grün bewachsenen Veranda bekränzt, welche mit Gartenmöbeln reichlich versehen zum Niedersitzen einlud. Ein großer Hund genoß am Eingang des Hauses behaglich der Ruhe, aber sobald Schritte nahten, richtete er sich lauschend auf, und sprang schweifwedelnd mit freudigem Gebell seinem jungen Herrn entgegen. Die laute Be­grüßung des treuen Thieres hallte durch das stille Haus, den Bewohnern die Ankunft der Gäste ver­kündigend. Erichs Eltern erschienen an der Thür, reichten den jungen Leuten mit herzlichem Gruß des Willkommens, die Hände entgegen und geleiteten sie in die kühlen Räume des Hauses, in denen es sich, nach langer ermüdender Wanderung, prächtig ruhen ließ.

Alfred fühlte sich schnell heimisch an dieser Stälte wahrer Gastfreundschaft, wie sie herzlicher nicht geboten werden konnte. Er fand die Verhält- niffe ganz anders als er erwartet, aber höchst ange­nehm. Er hatte gemeint in eine sehr einfach, länd­liche Familie geführt zu werden und fand nun, bei einfachen Sitten, eine umfassende Bildung und Ver­trautheit mit den edlen Interessen des Lebens. Der Hausherr ließ sich durch die jungen Leute zurückver­setzen in die Jahre der eigenen Jugend, er lachte und scherzte mit ihnen, die Hausfrau sorgte Mütter- lich für das leibliche Wohlbehagen ihrer lieben Gäste, ohne sich deshalb der erregenden Unterhaltung zu entziehen.

Noch ein lebendes Element darf nicht unerwähnt bleiben, ein frisches, junges Mädchen mit blauen Augen und blondem Haar, dem Gast als eine nahe

Verwandte und Pflegetochter vorgestellt, gab diesem bald Anlaß zu der Beobachtung, daß die hübsche Marie und Erich sich gern in die Augen blickten.

Frohen Herzens, losgelöst von der schweren Be­antwortung seines Berufes, herzlich ausgenommen von seinen Gastfreunden, umrauscht von erfrischender Waldluft, konnte der junge Arzt ein unaetrübtes Pfingstfest feiern. Nur sein war die Schuld, wenn er sich nicht vollständig dem heitern Genuß hingab. Ec sagte sich dies tausend Mal, er schalt sich einen Thoren, bemühte sich zu vergessen, was er kindische Einbildung nannte und konnte vor seinem innern Blick doch die unergründlichen Augen nicht bannen, in welche er einmal nur geschaut, zu seinem Ver- derben. Mitten in heiterer Unterhaltung, Abends wenn er allein in seinem Stübchen am Fenster stand und hinauf zu den Sternen schaute, immer und überall stand nur ein Bild licht und klar vor ihm. Er suchte die Ruhe, er zwang seine Gedanken mit aller Macht in andere Bahnen und kaum sank er in die Arme des Schlafes, so umgaukelte ihn ihr Bildniß und ließ ihn nicht los, bis der Sonnenschein ihn weckte.

Am Nachmittag des zweiten Pfingstfeiertages gab es heitres Leben in der Mühle, nach altem Herkommen lud man an diesem Tage die Bekannten der ganzen Umgegend zum fröhlichen Feste. Die Jugend tanzte unter der Linde im Hofe, welche reichlich Schatten spendete. Die Gesellschaft hatte sich beinahe vollständig versammelt, die Ballmusik ließ ihre verlockenden Weisen erklingen, wenn auch nur von einem wenig zahlreichen Orchester ausge- führt. Alfred sah sich genöthigt, sich auf Erichs Wunsch am Tanz zu betheiligen, sein junger Freund hatte sich einmal in den Kopf gesetzt, des DoctorS kaltes Herz für eine der jungen Schönheiten zu er­wärmen, der Pfingsttanz unter der Linde schien ihm der passendste Schauplatz für seine Zukunftspläne.

war eine Pause im Tanz eingetreten, als noch ein Gast erschien, ein stattlicher älterer Herr mit grauem Haar und Bart, welcher von der Familie besonders herzlich begrüßt wurde.

Aber so spät Herr Forstmeister?"

Ja leider." War die in etwas ärgerlichem Tone gegebene Antwort.

Ihre Damen sind hoffentlich nicht durch Krank­heit zurückgehalten?"

- "Zum Theil, ja, meine Tochter hat sich gestern, während unsrer Abwesenheit, eine leichte Verletzung an der Hand zugezogen, die Veranlassung konnte ich nicht recht erfahren. Heute Morgen gab es ein großes Lamento, die Hand war steif und geschwollen, ie fabelte von einem Bruch der Hand, so daß ich den Wagen in die Stadt nach dem Arzt schickte."

Und fand die Verletzung wirklich erheblich?" Frug theilnehmend der Hausherr.

Er war natürlich verreist," entgegnete der Forstmeister.

(Fortsetzung folgt).

Nedactton! A, Scheyds. Druck und Berlag der Brühl'schen Druckerei (Fr, Chr. Pietsch) in Gießen.