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dahin mitbringen. Madame Hennig wird noch vor Ankunft dieses Briefes heimkommen und Ihnen klar machen, daß ich um drei Uhr einen Ausgang zu besorgen habe. Dann ist also Niemand hier, wenn der Schuft kommt."
„Aber woher weißt Du das Alles?" fragte Dora mit wachsender Bestürzung.
„Na, ich habe gehorcht! Den Corridorschlüssel hat er schon und die Gardine am Schlafzimmer der Madame Hennig soll ihm als Zeichen dienen, daß hier die Luft rein ist."
„Er — ihm — wer ist dieser Er?"
„Herr Sonnenberg!"
Dora war von ihrem Sitz aufgesprungen, sie mußte gewaltsam an sich halten, um den Ausdruck der Entrüstung zurückzudrängen, der ihr schon auf den Lippen schwebte.
„Ernestine auch bei diesem Verbrechen die Verbündete des Elenden", sagte sie mit bebender Stimme. „Worauf haben sie es abgesehen?"
„Auf die eiserne Cassette dort in dem Schränkchen. — Sonnenberg meinte, das Schloß an dem Schränkchen sei leicht zu erbrechen und die Caffelte werde schon auf dem Wege nach Paris sein, wenn Sie bei Ihrer Heimkehr den Diebstahl entdeckten. Er i)t überzeugt, daß auf ihn und Madame Hennig kein Verdacht fallen kann, wenn es aber dennoch geschähe, dann würde man bei ihm und in seiner Wohnung nichts finden. Und damit es so aussieht, als ob irgend ein Strolch die That verübt habe, will er eine alte Mütze und ein zerriflenes baumwollenes Taschentuch hier zurücklassen. Sie sehen, es ist Alles ganz vortrefflich überlegt."
Dora hatte das Zimmer einigemal mit großen Schritten durchmessen; jetzt blieb sie stehen, Entrüstung sprach aus jedem Zuge ihres schönen, bleichen Gerichts.
„Wie hast Du es nur fertig gebracht, das Alles so genau zu erfahren?" fragte sie, ohne den leisesten Zweifel an die Wahrheit dieser Miltheilungen zu setzen."
„Es war gefährlich, gnädige Frau", erwiderte Katharine, während |ie die Bänder ihrer Küchenschürze auf- und wieder zuknöpfte. „Ich glaube, es wäre mir an's Leben gegangen, wenn sie mich in meinem Versteck enideckt hätten. Es war mir gleich sonderbar, als ich gestern Abend mit Ihnen zugleich ausgehen sollte; ich dachte sofort, Madame Hennig warte da wieder auf Sonnenberg, sie konnten dies ja gestern Morgen verabredet haben. Und mochten Sie auch noch so böse werden, weil ich Ihren Befehl nicht ausfühlte, ich wollte die Wohnung nicht verlassen. Madame Hennig mochte das meinetwegen entdecken, an ihrem Zorne lag mir nichts. Ich that also, als ob ich hinausginge, und schlich mich auf den Strümpfen in Ihr Schlafzimmer. Fand die Zusammenkunft im Boudoir statt, so war ich ganz in der Nähe, weil das Boudoir daneben liegt, geschah sie im Salon, so konnte ich mich in’5 Boudoir schleichen und dort
hinter der Portwre horchen. Ich brauchte nicht lange zu warten, bis ich die Schelle hörte. Gleich darauf kamen die Beiden in's Boudoir und setzten sich mir so nahe, daß ich jedes Wort verstehen konnte."
„Und Madame Hennig hat davon nichts bemerkt?"
„Sie hat keine Ahnung, daß ich Alles weiß."
Dora war an's Fenster getreten, sie blickte sinnend hinaus.
Fortsetzung folgt.
Mach yoßem Ziel.
Novelle von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
Auf der Veranda saß unter dem dunklen Laub- dache eine kleine Gesellschaft, aus zwei Herren und zwei Damen bestehend. Es war der Baron mit seiner Frau und Tochter und der Legationssekretär Alfred von Sohr, welcher einen kleinen Ausflug unternommen hatte, um — was in der letzten Zeit öfter vorgekommen war — die Familie Eschenheim zu besuchen.
Die beiden Damen nippten von Zeit zu Zeit von der vor ihnen stehenden, kühlenden Limonade, während die Herren, und besonders der Baron dem goldenen Rheinweine fleißig zusprachen.
Herr von Eschenheim war ein kleiner, ältlicher Mann mit einer mächtigen Glatze, röthlichem, stark ins Grau spielendem Backenbart und gleichfarbigem Haar, das sich freilich nur noch an den Schläfen und am Hinterkopfe vorfand. Das stark geröthete Gesicht und vor Allem die blauroth angehauchte Nase, ließen die Vorliebe des Barons für den edlen Rebensaft erkennen, und die im Verhältniß zu seiner Größe auffallende Wohlbeleibtheit deutete darauf hin, daß er auch den sonstigen culinarischen Genüssen nicht abhold sei.
Seine Gattin dagegen überragte ihn fast um Kopfeslänge, und der kalte, strenge Ausdruck ihres Antlitzes contrastirte seltsam mit den behäbigen Zügen des Barons, die Genußsucht und eine gewiffe hausbackene Oberflächlichkeit verriethen.
„Auf dauernde Freundschaft, Herr Legationssekretär!" rief der Baron launig aus, die beiden Gläser füllend und mit seinem Gaste anstoßend. „Es ist wirklich recht liebenswürdig von Ihnen, daß Sie uns zuweilen in unserer Einsiedelei aufsuchen und uns die Langeweile vertreiben helfen. Aber Sie haben auch lange genug auf sich warten lassen, ehe Sie uns die Ehre Ihres Besuches vergönnten, und erst seit kurzer Zeit gewähren Sie uns die Freude, Sie öfter hier zu sehen."
„Meine Verufsgeschäste lassen mir nur sehr


